Chris Martin in der Kunsthalle Düsseldorf

Wer blinzelt, verliert

Magdalena Kröner
2. Januar 2012

Chris Martin: Staring into the Sun“ – Kunsthalle Düsseldorf. Vom 22. Oktober 2011 bis 15. Januar 2012

Knallbunte Leinwände füllen den Raum. Sie laufen über Wände und Böden, strömen von innen nach außen. Schlangenlinien flirren darauf in Rot und Orange, Pilze sind mit glitzerndem Blütenstaub bestäubt, Schallplatten bleiben im dichten Schwarz wie im Asphalt stecken. Zahlen, Symbole und Zeitungsausrisse schälen sich aus dicken Lagen Farbe, schwarz-weiße Geometrien bohren sich wie Sonartöne in den Körper. Irgendwo schlängelt sich ein Zitat über die Leinwand: „Grandiosity is the defense against depression which masks the deep pain over loss of self“. Chris Martins Malerei ist groß, manchmal auch riesig, doch Hybris ist ihm fremd. Er hat mit dem Salon ebenso wenig zu tun wie mit der Wunderkammer. Chris Martin ist ein moderner Höhlenmaler.

Der 1954 in Washington geborene, seit mehr als 25 Jahren in New York lebende Künstler wurde in den 1980er-Jahren bekannt. Dann wurde es still um ihn und er zu einem „artist's artist“: von Kollegen geschätzt, am Markt nicht präsent. Mit der Ausstellung „Staring into the Sun“ in der Düsseldorfer Kunsthalle stellt Direktor Gregor Jansen in diesem Jahr nach Ferdinand Kriwet erneut einen Künstler vor, den es unbedingt wiederzuentdecken gilt.

Während viele der von Martin verehrten Künstlerkollegen aus den frühen New Yorker Jahren wie Julian Schnabel längst in der Dekoration erstarrt sind, ist Martins Malerei immer noch roh, unmittelbar und virulent. Warum? Weil hier einer malt, der nie in den White Cube wollte, und für den Malerei vor allem, wie Gregor Jansen im Katalog schreibt, „die lebende Haut einer sozialen Idee“ ist. Chris Martins Malerei ist im besten Sinne transgressiv: Sie enteignet sich. Sie wird zu einem von Beuys angeregten und vom Happening infizierten Kommunikationsmedium, das er an Häuserwände hängt, zur Benutzung auf Partys freigibt, oder das während seiner langjährigen Arbeit als Maltherapeut mit HIV-positiven Patienten entstanden ist.

Dieses kaum domestizierte Werk ist perfekt aufgehoben in der Kunsthalle, diesem brutalistischen Klotz aus Beton mit seinen schwer beherrschbaren Räumen im Innern und der rauen Schale, die vielen immer noch ein Dorn im Auge ist. Nun leuchtet Martins gesprühter Slogan „Seven Pointed Star for Amy Winehouse“ von der Fassade mühelos gegen das weihnachtlich herausgeputzte Düsseldorf an.

Chris Martins urbane Fresken fügen sich nicht ein in den öffentlichen, mit Zeichen übersäten Raum; sie nehmen ihn in Beschlag. Das macht sein Werk heute politischer denn je: In einer Zeit, in der urbane Räume lückenlos funktionalisiert werden, sind seine Chiffren hermetisch genug, um autonom zu bleiben, und komplex genug, um das Treiben von Kommerz und Effizienz nachhaltig zu stören. Zugleich ist seine Bildsprache durchlässig genug, um von der Welt zu erzählen: von Popmusik, Pop Art und Psychedelik, von indigener Volkskunst und amerikanischer Romantik. Malerei als Piktogramm, Kornkreis und Mantra: Bei Chris Martin wird das Zeichen zum Weltkondensat.


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