Chinesischer Künstler Qi Baishi bricht alle Auktionsrekorde

Wer ist Qi Baishi?

Henrike von Spesshardt
19. August 2011

Qi Baishi ist der Andy Warhol Chinas. Jedenfalls, was das internationale Gesamtvolumen seiner Werke auf Auktionen angeht. Wer über den aktuellen Auktionskaufrausch recherchiert, der China seit etwa sechs Jahren in Atem hält, stolpert unweigerlich immer wieder über den Namen des 1957 verstorbenen Künstlers. Mit einem Ergebnis in Höhe von 65 Millionen US-Dollar, umgerechnet rund 47 Millionen Euro, ist sein im Mai dieses Jahres über das Pekinger Auktionshaus China Guardian Auctions versteigertes Tuschgemälde Adler auf einer Kiefer aus den späten 1940er-Jahren das zweitteuerste jemals versteigerte chinesische Werk. Übertrumpft wurde es nur von einer aus dem 11. Jahrhundert stammenden Kalligrafierolle des chinesischen Künstlers Huang Tingjian, das einem Bieter 2009 rund 67 Millionen US-Dollar (rund 47 Millionen Euro) wert war. Verkauft werden Qi Baishis Werke vor allem von lokalen Auktionshäusern wie China Guardian Auctions, Poly International Auction, XiLingYinShe Auction oder Shanghai Hengli Auction und an chinesische Bieter. Das Gesamtvolumen seiner Verkäufe 2010 beträgt laut artnet Price Database mit Aufschlägen rund 225 Millionen US-Dollar (rund 157 Millionen Euro). Andere Datenbanken wollen ein Volumen von 339 Millionen US-Dollar (rund 236 Millionen Euro) ausgemacht haben – leider ohne die den Daten zugrundeliegenden Quellen wie Auktionshäuser und Händler offenzulegen. 2009 betrug einer chinesischen Studie zufolge der Anteil seiner Arbeiten ein Sechstel am Gesamtumsatz der chinesischen Auktionshäuser.

Zahlen, die einem den Hut vom Kopf wehen. Doch während der chinesische Kunstmarktprotagonist im Zweifel schon einmal von Andy Warhol gehört hat, erntet man auf der Suche nach Informationen zu Qi Baishi vor allem unsicheres Kopfschütteln. Grober Eurozentrismus herrscht da, wo die Händler asiatischer Kunst, die verständlicherweise ungenannt bleiben wollen, offen preisgeben, sie brächten die Namen „auch immer durcheinander“. Wer also ist Qi Baishi? Was zeichnet sein Werk aus und warum sind Käufer dazu bereit, für seinen uns recht wenig sagenden Adler derartige Summen auszugeben?

Qi Baishi: Vom Bauernsohn zum Staatskünstler

Das Internet gibt dem den chinesischen Schriftzeichen Unkundigen wenig preis zum Künstler, von dem man dort auf Deutsch vor allem erfährt, dass er besonders gut Krabben tuschen konnte aber auch Kürbisse beherrschte. Menschen waren nicht sein Ding. Soviel, so wenig. Geboren wurde der Autodidakt als Sohn armer Bauern. Zunächst lernte er das Schreinern, erst 1888 kam er mit 24 Jahren zur Malerei. Der Legende nach sollen ihn Kunstgelehrte entdeckt und zum Malen in der traditionellen Form Gongbi, der sorgfältigen Feinzeichnung in lebhaften Farben, angetrieben haben. Qi entwickelt eine in China hoch berühmte Form der sogenannten Gelehrtenmalerei im eigenen expressiven Stil. Bis heute wird Schulkindern im Kunstunterricht das Tuschen von Crevetten nach seinem Vorbild beigebracht, auch deshalb ist Qi im Reich der Mitte jedem Kind bekannt. Schulausflüge zur Qi Baishi Memorial Hall in Qis Geburtstort Xiangtan in der Provinz Hunan, runden das Angebot zur Heldenverehrung ab. Der Heimat zunächst treu, verließ der 1864 geborene Künstler erst 1902 erstmals Hunan, um sich ab 1919 in Peking anzusiedeln. Dort verfolgte er fortan den Xieyi- Stil, der so viel wie „Niederschreiben der Konzeption“ bedeutet, und gekennzeichnet ist durch einfach Struktur und rasch ausgeführte Pinselstriche. Der westlichen aquarellierten Zeichnungen steht er am ehesten nahe. Qi Baishis Adler auf einer Kiefer ist in eben diesem Stil geschaffen. Doch reicht das aus, um es zum teuersten Werk der chinesischen Moderne aufsteigen zu lassen?

Alles eine Sache der Symbolik?

Im Adler auf einer Kiefer paaren sich freilich gleich mehrere Kriterien, die schon jeweils für sich das ambitionierte chinesische Bieterherz in Infarktnähe bringen können. Nicht alleine die Tatsache, dass der Meister selber die Darstellung einst geschaffen hat, auch stehen Tier und Pflanze in deren chinesischer Symbolik nicht nur für Langlebigkeit, sondern ebenso für die das lange Leben befördernde Durchhaltekraft – schließlich steht der Baum oft auf kargen Böden und der Adler schwebt in eisigen Höhen. Während im europäischen Raum bekanntermaßen Bilder mit besonders vielen Rottönen als Verkaufsschlager auf Auktionen gelten, legt der chinesische Käufer traditionell Wert auf den symbolischen Gehalt der Darstellung seines Gemäldes und folgt dabei der chinesischen Kultur der indirekten Kommunikation. Wer wünschte sich im aktuellen China, das sich binnen weniger Jahre vom einstigen Bauernstaat zur selbstbewussten Wirtschaftsmacht entwickelt hat und ein höheres Wohlstandgefälle als Indien aufweist, keine Beharrlichkeit im Kampf um den Erhalt des finanziellen Segens. Zumal wenn dieser sich sehr schnell ergeben hat. Und so sind die neuen Kauflustigen Chinas vor allem deren Superreiche.

Ein Sammler auf Höhenflug

Bald nach der Versteigerung hieß es, der Adler sei Liu Yiqian, Chinas bekanntestem Kunstsammler, zugeflogen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Wang Wei, die die gemeinsame, bedeutende Sammlung ausschließlich chinesischer Kunst kuratiert, plant der Self-made-Milliardär, der auf der Forbesliste der reichsten Chinesen 2010 auf Platz 204 rangiert, zurzeit einen Museumsbau in Shanghai. Der soll als Dragon Art Museum im November 2012 eröffnet werden. Baukosten: 31 Millionen US-Dollar (rund 22 Millionen Euro) für 10.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche. Das nimmersatte Kaufverhalten der beiden Sammler gilt als einer der Hauptgründe für den explosionsartigen Boom chinesischer Auktionshäuser. Die bereichern diese seit Jahren mit Unsummen, die sie vor allem für alte chinesische Malerei der Song Dynastie und die Kunst der Revolutionsära von 1949 bis 1979, auch genannt „Rote Klassiker“, ausgeben. Bei mehreren hundert Millionen Yuan (100 Millionen Yuan entsprechen grob 11 Millionen Euro) liege ihr jährliches Budget, so die Sammlerin kürzlich in einem Interview – mit dem schönen Zusatz, gegen öffentliche Sammlungen und staatliche Museen habe sie eigentlich noch nie ein Bietgefecht verloren - getreu dem Motto ihres Ehemannes „Mit dem Teuersten liegt man immer richtig“. Mittlerweile ist der Sammler auch Teilhaber des Auktionshauses Beijing Council International Auction. Der Ursprung des großen Reichtums liegt freilich anderswo. Liu Yiqian, geboren 1963 als Sohn einer einfachen Arbeiterfamilie und einst tätig als Taschenverkäufer, hat seine Fortune angeblich mit einer einzigen Transaktion begründet. Ähnlich ist es vielen chinesischen Superreichen ergangen, die aus einfachsten Verhältnissen zu großem Ruhm aufstiegen. Und zum bourgeoisen Sonderzubehör der neuen Reichen gehört eben längst auch die Kunst an der Wand. Umso besser, wenn deren Wiedererkennungswert groß ist und die Vita des berühmten Künstlers der eigenen ähnelt. Auch, dass Qi als Bauernsohn einen eigenen, weniger intellektuellen Stil der Gelehrtenmalerei schuf, mit der man ja eigentlich sowieso spätestens seit der Kulturrevolution abgeschlossen hatte, kommt dem mentalen Ausgleich des mächtigen Zwiespaltes zwischen heutigem Totalkapitalismus und der jahrzehntelang indoktrinierten Ablehnung desselbigen entgegen.

Eine herrschaftliche Provenienz

Der letzte und wichtigste Grund für die Explosion des Adlers jedoch, dessen preislicher Versteigerungsnachfolger Blumen und Vögel „nur“ rund 14 Millionen US-Dollar einbrachte (9,7 Millionen Euro), ist der seiner politischen Dimension. Qi Baishi malte das starke Flügeltier einst anlässlich des 60. Geburtstages von Chiang Kai-shek. Ein Geburtstagsgeschenk für den großen Widersacher Maos, dessen Stellung um den Geburtstag, im Jahr 1947, herum schon geschwächt war, sollte das Flügeltier sein. Ob Qi das Geschenk aus freien Stücken schuf, oder ob er aufgrund seines Werdeganges vom eher der Bourgeoisie nahe stehenden Militärführer Chiang Kai-shek dazu instrumentalisiert wurde, dessen Einheit mit dem wiederum dem Widersacher nahe stehenden Bauernvolk zu demonstrieren, sei dahingestellt. Nach 1949 jedenfalls stand dem Aufbau Qi Baishis zum Volkshelden nichts mehr im Wege. Hochbetagt starb er 1957 im Alter von 93 Jahren, vorher noch zum „Ersten Künstler des Volkes" und langjährigen Vorsitzenden der Chinesischen Künstlervereinigung gekürt. In eben dieser Tradition schreitet die Vereinnahmung seiner Person durch politische Stellen bis heute munter fort. Ein zurzeit in der Agitations-Schau „Glary Course - Age Scene – Art Works to Celebrate the 90th Anniversary of the Foundation of CPC“ der Kommunistischen Partei Chinas ausgestelltes Ölgemälde des Künstlers Li Shidong, für dessen Entstehungsjahr 2005 absurd anachronistisch, zeigt den greisen Künstler in Begleitung von Zhou Enlai, Premierminister Chinas von 1949 bis 1976. Denn an „guojia“, dem Staat oder übersetzt der „Staatsfamilie“, kommt am Ende auch im 21. Jahrhundert in China niemand vorbei.


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