11. Juli 2007
La Biennale di Venezia, 52. Esposizione Internazionale d’Arte, Venedig. Vom 10. Juni bis 21. November 2007 Obwohl entsprechende Stimmen im Vorfeld zu hören gewesen waren, konnte offenbar auch zur 52. Biennale in Venedig keine neue und eigene Nationalarchitektur für einen ständigen chinesischen Pavillion realisiert werden. Eine Zeichnung des Künstlers Dan Perjovschis mit dem Titel Before and After reaching the Chinese Pavillion im Eingangsbereich des Arsenale bereitet den Besucher also auf den langen Weg zur chinesischen Repräsentanz vor, die wie bereits im Debutjahr der Chinesen 2005 auch heuer wieder im Zisternengebäude, dem einstigen Treibstofflager, sowie unter freiem Himmel in den Vergini Gärten im Arsenale, dem ehemaligen Gelände der italienischen Flottenbasis, angesiedelt ist – und damit am letzten Ende des Geländes.
Der Kurator der diesjährigen Repräsentativschau chinesischer Kunst ist der international bekannte Kritiker und Kurator Hou Hanru, der in China geboren und aufgewachsen, lange Zeit in Paris lebte, bevor er im vergangenen Jahr nach San Franscisco zog, um am dortigen San Franscisco Art Institute unter anderem als Direktor des Ausstellungsprogramms zu arbeiten. Venedig ist für ihn bekanntes Terrain, denn unter seinen zahlreichen Ausstellungsprojekten in Europa, Asien und den Vereinigten Staaten findet sich auch die Schau „Z.O.U.“ (Zones of Urgency), die er im Rahmen der von Franscesco Bonami kuratierten 50. Venedig Biennale (2003) realisierte. Sein nächstes Großprojekt ist die Kuratorenschaft der diesjährig zum zehnten Mal stattfindenden Istanbul Biennale, die er im September eröffnen wird.
Zu Hou Hanrus Hauptthemen zählen die Beschäftigung mit Aspekten und Phänomenen der Globalisierung, wie sie insbesondere in den sich rapide expandierenden Städten Chinas unübersehbar sind, sowie deren Auswirkungen auf den Menschen und dessen künstlerische Produktion. „Everyday Miracles“, so der Titel seiner Ausstellung zur Biennale in Venedig, versammelt Positionen von vier chinesischen Künstlerinnen aus vier unterschiedlichen Generationen, deren weibliche Sicht auf die zeitgenössische chinesische Wirklichkeit seiner Meinung nach bisher sowohl in China als auch im internationalen Kontext zu Unrecht vernachlässigt wurde. Auch um der problematischen und von vielen als nicht mehr zeitgemäß empfundenen Struktur der Länderpavillions ein Schnippchen zu schlagen, wird Hous Konzentration auf das Feminine als globale Kategorie von manchen als kluges Manöver bewertet. Ob die gezeigten Arbeiten von Shen Yuan, Yin Xiuzhen, Kan Xuan und Cao Fei nun tatsächlich den spezifisch weiblichen Blick, der Hous Worten zufolge „spirituellen Instinkt mit Intellekt vereint“ widerspiegeln, sei dahingestellt. Fest steht, dass die Gesamtpräsentation einem synästhetischen Erlebnis gleicht: Schon beim Betreten des Zisternengebäudes steigt einem der beissende Geruch von Altöl in die Nase - Spuren des Treibstoffs, der sich früher in den mächtigen, den Raum auch heute noch dominierenden Tanks befand und der eine hysterische Amerikanerin mit den Worten „This smell is killing me“ während der Eröffnung zum fluchtartigen Verlassen des Ausstellungsraums veranlasste. Schade, denn so hatte sie weder Augen für die ortspezifische Installation Arsenale von Yin Xiuzhen, noch Ohren für die klingelnden, zirpenden und schreienden Sounds der Videoarbeiten von Kan Xuan. Während Yin Xiuzhens an der Decke des Gebäudes angebrachten artifiziellen Geschosse, die in ihrer Form sowohl an Speere als auch an Fernsehtürme erinnern, auf den Eingang ausgerichtet sind, verstecken sich Kan Xuans Videoarbeiten auf mehreren Bildschirmen zwischen den Treibstofftanks.
Die weiche Eigenschaft der bunten textilen Materialien, aus denen auch die Waffen von Arsenale kreiiert sind, ist ein Markenzeichen der Künstlerin Yin Xiuzhen. Ihrer Verwendung ist es zu verdanken, dass sowohl das Thema der Arbeit als auch die Martialität des Ortes gleichermachen betont und entschärft oder zumindest um eine komplementäre sanfte Seite ergänzt wird.
Kan Xuans Arbeiten hingegen berühren den Betrachter durch ihre konfrontative Direktheit und oszillieren zwischen Zuständen der An- und Entspannung, der Bestätigung und Auflösung des Selbst. Beinahe meditativ in seiner Wirkung ist das schwarz-weiß Video Or Everything von 2005, in dem die Künstlerin Figuren des buddhistischen Pantheons animiert, so dass diese wie Spiegelungen auf einer Wasserfläche wirken - was wiederum als eine Referenz an die buddhistische Lehre und deren Paradigma der Leere, das heißt der Vergänglichkeit verstanden werden könnte. Schließlich gilt es, diese zu begreifen, um zur Erleuchtung zu erlangen. Irritation und Verstörung löst die Videoarbeit Kan Xuan! – Ai! von 1999 aus, die Kan Xuan wie von sich selbst verfolgt, ihren eigenen Namen laut ausrufend durch eine Unterführung hetzend zeigt. Versucht sie sich durch diese „verrückte“ Aktion aus gesellschaftlichen Konventionen zu befreien und ist die eigene Existenz nur in der ständigen Ambivalenz zwischen Vergewisserung und Abstand begreifbar?
In den Vergini Gärten thematisiert die Künstlerin Shen Yuan mit ihrer Installation Le Première Voyage, die sich aus Einzelteilen überdimensionaler Babyutensilien und einer Videodokumentation über die erste Reise chinesischer Kinder in ihr neues Zuhause zusammensetzt, die Adoption chinesischer Kinder durch westliche Eltern. Dabei bezieht sie sich auf ihre eigenen Erfahrungen, die sie als Chinesin im Westen seit vielen Jahren macht und problematisiert das ewige Schicksal des Andersseins aufgrund des asiatischen Äußeren und einer ursprünglich anderen kulturellen Konditionierung.
Cao Fei, die jüngste Künstlerin im Bunde, tritt in Venedig zusammen oder in Gestalt ihres Atavars „China Tracy“ aus der virtuellen Computerwelt „Second Life“ auf. In einem futuristisch anmutenden aufblasbaren weißen Plastikzelt, dem China Tracy Pavillion, laden bunte Sitzkissen und sphärische Popklänge zum Verweilen und Eintauchen in die alle Nationalgrenzen transzendierende Sphäre „Second Life“ ein. In dem auf Leinwände projizierten dreiteiligen SL Dokumentarfilm i.mirror, der mit den Worten „To go virtual is the only way to forget about the real darkness“ schließt, begleiten wir China Tracy und ihren virtueller Freund Hug Yue bei ihren Ausflügen und lauschen ihren philosophischen Gesprächen über die reale und die virtuelle Welt.
Auch in Robert Storrs Ausstellung „Think with the Senses, Feel with the Mind - Art in the Present Tense" sind Positionen chinesischer Künstler vertreten. Im Arsenale werden alle fünf Teile des epischen, auf 35mm gedrehten Schwarz-Weiß-Films Seven Intellectuals in Bamboo Forest (2003-2007) von Yang Fudong gezeigt. Die international viel beachtete Arbeit besticht insbesondere durch ihre betörend schöne Ästhetik und ihre melancholische Grundstimmung. Sie ist die moderne Interpretation einer traditionellen chinesischen Überlieferung aus dem 3. Jahrhundert, in der sich sieben Weise in einen Bambushain zurückziehen, um den Wirren der weltlichen Welt zu entfliehen und dort trinkend, spielend und dichtend das ideale Leben und die Verwirklichung ihrer selbst zu realisieren.
Die aus mehreren nebeneinander montierten großen Leinwänden bestehende Videoinstallation I will die (2007) des Shanghaier Künstlers Yang Zhengzhong zeigt Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts und verschiedener Nationen, die jeweils in ihrer Sprache, den existentiellen Satz „Ich werde sterben“ aussprechen und damit nicht nur sich selbst, sondern auch den Betrachter mit dieser unabwendbaren Wahrheit konfrontieren.
Den Parcours chinesischer Kunst auf der 52. Venedig Biennale 2007 beschließt letztendlich die aus Kerzen und einem metallenen Kinderbad kreierte Skulptur Antel de Lumiere (1999) des im Jahr 2000 mit 45 Jahren verstorbenen Künstlers Chen Zhen, die im zweiten Teil der Ausstellung Storrs im italienischen Pavillion in den Guardini zu finden ist.