26. August 2009
Investmentfonds für zeitgenössische chinesische Kunst scheinen in Mode zu kommen. Es sieht so aus, als würden sich Chinas Reiche zunehmend für diese Art der Geldanlage interessieren. Die Gründe hierfür sind vielfältig. Viele superreiche Gewinner des jahrelangen Booms in China haben im Prinzip alles, was für Geld zu haben ist. Nach einer Phase ausgiebiger Aktien- und Immobilienspekulationen scheinen viele bereit zu sein, ihr Vermögen in den als risikoreich geltenden zeitgenössischen Kunstmarkt zu investieren. Gerade in schwierigen Zeiten gilt Kunst als interessante Assetklasse, da Kunstinvestmentfonds nicht direkt an die Entwicklungen der Börse gekoppelt sind und sich negative Entwicklungen somit nur indirekt und verzögert auf den Kunstmarkt auswirken. Allerdings ist eigenes Engagement sehr zeitaufwendig und erfordert durch jahrelange Erfahrung erworbene Expertise. Bei Fonds wird dem Anleger dieser Aufwand abgenommen und das Risiko gestreut.
Ein weiterer Faktor ist, dass heimische Gegenwartskunst von vielen Chinesen zunehmend und sicherlich auch aufgrund des internationalen Erfolges als nationales Identifikationssymbol gesehen wird. Nachdem der Antiquitätenmarkt schon seit Jahren als Bühne patriotischer Großtaten mit dem Bieterpaddel gilt, gerät in letzter Zeit die zeitgenössische Kunst in den Fokus der Wohlhabenden. Mit Investitionen in die „eigene“ Kunst unterstützt man das Vaterland und sorgt nicht zuletzt dafür, dass hochwertige Kunstwerte im Land verbleiben, anstatt von ausländischen Sammlern gekauft zu werden.
Der erste, von der China Banking Regulatory Commission lizensierte, chinesische Fond für chinesische Gegenwartskunst wurde im Juni 2007 von der China Mingsheng Bank ins Leben gerufen. Im Juni 2009 lancierte die China Merchants Bank (CMB) in Kooperation mit der China Contemporary Art Foundation ein Produkt für sogenannte „High Wealth Customers“ mit einem Mindestvermögen von 10 Millionen Yuan (rund 1 Million Euro) zur Investition in zeitgenössische Kunst. Bei der China Contemporary Art Foundation handelt es sich um eine in Hongkong ansässige private Stiftung, deren Sammlung chinesischer Gegenwartskunst mehr als 3.000 Kunstwerke umfasst. Die CMB legt Wert darauf, dass sie sich mit ihrem Produkt von herkömmlichen Angeboten insofern unterscheidet, als dass sie nicht nur den ökonomischen, sondern auch den ideellen Wert von Kunst in den Mittelpunkt stellt. Kunden des Fonds können sich nach einer Anzahlung ein Kunstwerk aus einer von Experten zusammengestellten Sammlung aussuchen und für ein Jahr in Besitz nehmen. Nach Ablauf dieser Zeit kann sich der Kunde entscheiden, das Kunstwerk entweder zu behalten oder es gegen Erstattung der Anzahlung zurückzugeben. Nach Aussagen eines Repräsentanten der Bank in einem Interview mit der Onlinezeitung People’s Daily verlässt sich die CMB auf die Qualität der ausgesuchten Kunstwerke und setzt somit auf deren langfristige Wertsteigerungen. Damit setze man sich von der Konkurrenz ab, die mit hohem Risiko kurzfristige Gewinne suche, indem man mit dem Geld der Anleger auf Auktionen mitbietet.
Der neueste Kunstfond wurde von der China Construction Bank in Zusammenarbeit mit dem SDIC Trust und Polyculture für wohlhabende Klienten entwickelt. Das Produkt ist wesentlich komplexer. Auch auf direkte Nachfrage des artnet Magazins bei der China Construction Bank in Peking waren detaillierte Informationen zu diesem Finanzprodukt allerdings nicht erhältlich. Auf Grundlage eines Beitrages auf der Finanzinformationswebseite finance.sina und einem Artikel der Bejing Youth Daily beträgt das Gesamtvolumen des Fonds mit einer Laufzeit von 18 Monaten 40,65 Millionen Yuan (rund 4,2 Millionen Euro). Der SDIC Trust, die größte staatliche Investmentfirma, die bereits 1995 gegründet wurde, fungiert in diesem Plan als Verwalter. Polyculture ist, ebenso wie Poly Auctions ein Unternehmen der halbstaatlichen Poly-Gruppe, zuständig für die Auswahl und Schätzung der zeitgenössischen Kunstwerke aus den Beständen jener Sammler, die Kunden des Finanzprodukts sind. Der Fond erwirbt dabei die Kunstwerke auf Zeit. Nach Aussage eines Managers des SDIC Trust ergibt sich der Profit aus den Preisen, welche die Sammler der Kunstwerke bei einem Rückkauf bereit wären zu zahlen, was schon zu Beginn vertraglich festgelegt wird. Dieser Preis ist natürlich höher als der Einstandspreis der Bank. Die Differenz dürfte vom Verhandlungsgeschick des Sammlers und den vermuteten Marktchancen des jeweiligen Kunstwerks abhängen. Falls die Sammler nach Ende der Laufzeit nicht bereit sind, die Kunstwerke zurückzukaufen, werden diese zur Auktion gegeben, mit der Hoffnung auf höhere Preise. Letztlich scheint es sich bei diesem Fond um eine Art umgekehrter Wandelanleihe zu handeln, bei welcher der Anleger entscheidet, ob er das de facto geliehene Geld plus einer Gebühr zurückzahlt oder den hinterlegten Sachwert abtritt und dabei auf mögliche Gewinnsteigerungen verzichtet. Bei wem das jeweilige Kunstwerk in der Laufzeit verbleibt, war nicht auszumachen.
Offensichtlich steckt das Investmentgeschäft mit zeitgenössischer Kunst in China noch in den Kinderschuhen, worauf auch die Schwierigkeiten auf der Suche nach definitiven und detaillierten Informationen über derartige Produkte hinweisen. Ein nicht unerheblicher Faktor bei einem eventuellen Erfolg dieser Anlageform dürfte der ausgeprägte Hang der Chinesen zum Spiel sein.
Ob diese Art der „Kunstförderung“ im chinesischen Kontext in Zukunft eine Rolle spielen wird, bleibt abzuwarten. Einige Beteiligte scheinen sich jedoch ernsthaft um die Vermittlung von Wissen über die chinesische Gegenwartskunst zu kümmern. Der Partner der CMB, die China Contemporary Art Foundation, war in die Organisation des ersten China Contemporary Art Forum im Mai diesen Jahres in Peking involviert, das sich aktuellen Fragen der zeitgenössischen chinesischen Kunst widmete. Einen positiven Impuls für die chinesische Museumslandschaft liefert in diesem Zusammenhang das Mingsheng Museum for Modern Art, das auf Initiative der China Mingsheng Bank in Shanghai im Herbst mit dem Künstler Zhou Tiehai als Direktor eröffnen soll. Offensichtlich mit eigener Sammlung ausgestattet, freut dies auch in China ansässige Galerien, die durch solche Initiativen die teilweise verheerenden Auswirkungen der Finanzkrise abmildern können. In der vergangenen Woche wurde unter dem Titel „Warm Up“ vor dem offiziellen Eröffnungstermin eine „Aufwärmausstellung“ eröffnet, an der über 30 Künstler teilnehmen, darunter u.a. Liang Yuanwei, Liu Wei, Wang Guangyi oder Qiu Xiaofei.
finance.sina
Bejing Youth Daily