Chinesische Gegenwartskunst in Berliner Galerien

Häretische Trendsetter

Birgit Hopfener
22. April 2008
China ist in Mode im Kunstbetrieb, der Markt wächst. Und so spiegelt sich die wachsende Präsenz der chinesischen Gegenwartskunst im internationalen Kunstbetrieb auch in einigen Berliner Galerieprogrammen wider: Christian Nagel, Michael Schultz, Volker DiehlundArndt & Partneretwa präsentieren in ihrem ansonsten westlich geprägten Portfolio mittlerweile auch chinesische Künstlerinnen und Künstler. Alexander Ochs, der mit seiner Galerie Alexander Ochs Galleries Berlin ¦ Beijing bereits seit der Gründung chinesische Künstler vertritt und den Schwerpunkt seiner Programmarbeit auf die Präsentation ostasiatischer Kunst gelegt hat, sieht diese Entwicklung sportlich: „Das verhält sich wie mit chinesischen Restaurants in Berlin. Je mehr Konkurrenz, desto besser die Nudeln. Leider gibt es noch zu wenig gute chinesische Restaurants. Ich hoffe, es werden mehr.“  Er selbst hat sich nach über 10 Jahren entschieden, seine Pionierrolle in diesem Feld aufzugeben. „So wie andere Galerien jetzt auch ein oder zwei Chinesen im Programm haben, werden wir 2009 zwei oder drei westliche Künstler zeigen.“ Bei der Eröffnung seiner neuen Räume im vergangenen Monat bekannte er, dass zwar weiterhin chinesische und ostasiatische Kunst im Zentrum seines Interesses stehen werde, kündigte aber auch ein insgesamt internationaleres Programm an. Die chinesische Kunst sei inzwischen in der internationalen Arena angekommen, erkärt Ochs die Veränderungen. Viele chinesische Künstler lehnten es ab, mit einem anderen Maß als ihre westlichen Kollegen gemessen zu werden.

Christian Nagel, der zum Kreis seiner Künstler die Maler Jiang Congyi und Gang Zhao zählt, und auch an den Messen CIGE in Peking und der SHcontemporary in Shanghai teilnimmt, steht der Qualität der zeitgenössischen chinesischen Kunst eher skeptisch gegenüber. Zwar bringt er China eine große Begeisterung entgegen und sieht in der dortigen Kunstszene Potential für zukünftige Entdeckungen, findet aber die chinesische Kunst im Allgemeinen bis auf wenige Ausnahmen, von denen er zwei in seiner Galerie zeigt, „oft furchtbar“. Auf die Frage, welche Kriterien er bei der Auswahl „seiner“ chinesischen Künstler anlege, setzt Nagel auf Intuition: „ Mit den Kriterien, die wir über Jahrzehnte für westliche Kunst entwickelt haben, kommen wir in China nicht wirklich weiter. So muss man dort mit einer guten Nase und einem guten Auge experimentierfreudig operieren“.

Ihm ähnlich verlässt sich auch der Galerist Michael Schultz in China bei der Auswahl von Kunst auf seine Erfahrung und sein Empfinden. Nachdem er bereits vor zwei Jahren eine Dependance in Seoul eröffnet hat, betreibt er nun seit November 2007 auch eine Galerie in Peking, die für seine chinesischen Künstler Ma Jun, Shen Liang, Huang He, Ren Hong, Wang Zhijie und Zhang Hongbo als direkte Anlaufstelle fungiert. Schultz hält die chinesische Kunst für interessant „weil sie die westliche und östliche Ästhetik auf eine sehr spannenden Weise miteinander verbindet und somit auch Spiegel unserer aktuellen Zeit ist.“ Gerade auch weil sich China und somit die dortige Kunst so rasant verändert, will Schultz vor Ort sein, denn „als Galerist der zeitgenössischen Kunst ist es ein Muss, die Augen offen zu halten.“

Ebenso reiht sich der Galerist Claes Nordenhake in diesen Trekk nach Fernost, zuletzt als Mitglied im Auswahlgremium der Art Basel. Obwohl er die dortigen Entwicklungen mit Interesse verfolgt und einige wichtige Vertreter der intellektuelleren chinesischen Kunstszene wie Zhang Wei und Hu Fang vom Guangzhouer Vitamin Creative Art Space oder Fei Dawei vom Ullens Art Center in Peking persönlich kennt, steht auch Nordenhake der chinesischen Kunst sehr skeptisch gegenüber und hält das aktuelle „Branding“ chinesischer Kunst, ihren Aufbau zum Markenartikel, für völlig uninteressant. Nur wenige chinesische Positionen wie zum Beispiel die des südchinesischen Künstlers Xu Tan, der im Jahr 2002 als DAAD Stipendiat in Berlin lebte, findet er spannend, vertritt aber in seinem Galerienprogramm keine chinesischen Künstler. Die Qualität lasse sehr zu wünschen übrig. Das führte dazu, dass es kaum einer chinesischen Galerie gelang, zur weltweit wichtigsten Messe zugelassen zu werden.

Neben all den kulturellen Anregungen, die der chinesischen Kunst von den Galeristen zugesprochen werden, geht es natürlich ums Geld. Viele der erwähnten Berliner Galerien mit chinesischer Kunst im Programm nehmen inzwischen regelmäßig an Messen in Peking und Shanghai teil. Noch sind die Verkäufe dort überschaubar, insbesondere an einheimische Sammler. Doch der potentielle Kunstmarkt in China ist groß. Die interessante Frage, was geschieht, wenn der chinesische Binnenmarkt für Gegenwartskunst durch seine pure Kapitalkraft noch beherrschender wird, ist auch für die Chinakenner unter den Berliner Galeristen bislang nicht zu beantworten. Das Interesse an zeitgenössischer Kunst unter wohlhabenden Chinesen hat bereits zugenommen. Die Aussichten sind rosig. Aber für welche Kunst?


Mehr im Dossier  Kunst in China

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