Chinesische Gegenwartskunst auf der 39. Art Basel

Auf dem Weg in die Selbstverständlichkeit

Andreas Schmid
9. Juni 2008
Art|39|Basel, Messegelände Basel. Vom 4. bis 8. Juni 2008

Beobachtete man die Präsenz chinesischer Gegenwartskunst nach einem Jahr des Riesenhypes, so fiel beim Rundgang über die Art Basel eine befreiende Rückkehr zur Normalität auf. Das ist positiv gemeint: Es gab keine massive Präsenz von Künstlerinnen und Künstlern aus China, sondern eher eine gezielte Auswahl. Eine erfreuliche Selbstverständlichkeit, gepaart mit Selbstbewusstsein, war zu konstatieren - sowohl auf Seiten der chinesischen Galerien wie auch bei den teilnehmenden chinesischen Künstlerinnen und Künstlern in renommierten europäischen Galerien.

Am spektakulärsten und mit am spannendsten blieb die von der Boers-Li Gallery aus Peking auf der "Art Unlimited" präsentierte Arbeit Staring into Amnesia von Qiu Anxiongin Erinnerung. Hier handelt es sich um einen der wenigen Künstler, die sich mit Intensität an schwierige politische Themen wagen. Von diesen heißen Eisen gibt es mehr als genug, die der Bearbeitung harren und es wäre zu wünschen, dass sich auch andere Künstlerinnen und Künstler in Zukunft damit auseinandersetzen würden. Wie das artnet Magazin bereits in der vergangenen Woche im Eröffnungsbericht zur Art Basel beschrieb, stellte diese Arbeit einen wohltuenden Gegensatz zu den bunt-kitschigen Massenproduktionen und den üblichen chinesischen Verkaufsschlagern dar - und übrigens auch zu den Fotos von Teilnehmern der letztjährigen Documenta-Aktion des Künstlerstars Ai Weiwei in ihrer urbanen Umgebung in China, die bei der Galerie Urs Meile Peking/Luzern gezeigt wurden und deren Protagonisten damit nur ein weiteres Mal oberflächlich vermarkteten, anstatt spannendere und auch riskantere Auskünfte über den weiteren Verlauf und das Nachleben der Kasseler Aktionen zu geben. Aber nicht nur Weiwei erging es so, auch die Malerei von Meng Huang wirkte eher wie ein müder Aufguss der ewigen Zirkulation in der eigenen Melancholie.

Genau das Gegenteil stellte sich bei der Landschaftsmalerei von Kailiang Yang ein, die sich wie selbstverständlich in die Reihe der übrigen Exponate der Galerie carlier | gebauer einfügten. Die großformatige Landschaftsmalerei des seit sechs Jahren in Hamburg lebenden 34-jährigen Chinesen erzeugt sehr präsente Stimmungen und Atmosphären; präzise Beobachtungen und Erfahrungen werden darin angedeutet und verfremdet. Eine stupende Technik genügt sich hierbei glücklicherweise nicht selbst, sondern wird in der Umsetzung von unterschiedlichsten Erinnerungen und Referenzen immer wieder vielfältig und intelligent eingesetzt.

Eine sehr stimmige, nahezu "klassische" Gesamtschau bot die ShanghART Gallery (Shanghai/Peking) mit klug nebeneinander gehängten, medial zwar unterschiedlichen, zumeist aber sehr qualitätvollen Arbeiten. Am ehesten fielen dabei die akustische Lichtinstallation von Shen Fan (eine kleinere Schwester der großen Installation auf der Shanghai Biennale von 2006), eine wunderbare ältere Zeichnung von Ding Yi  (beide in Shanghai tätig) sowie Fotoarbeiten von Lu Chunsheng und Geng Jianyi (Hangzhou) auf. Zu Recht auf Risiko setzte Boers-Li nicht nur mit dem Waggon von Qiu Anxiong, sondern auch mit den fragilen, surrealen Arbeiten der erst 31-jährigen Song Kun und der Rauminstallation des gleichaltrigen Qiu Xiaofei, die beide in Peking arbeiten. Sie setzten sich bewusst und wohltuend vom chinesischen Mainstream ab.

Auch den gab es aber in aller Breite zu sehen. Auf der 39. Art Basel wurde diese Kategorie durch die Beijing Art Now Galleryrepräsentiert, deren Exponate in ihrer Qualität extrem unterschiedlich waren und oftmals die Grenze zum Kitsch und zur Geschmacklosigkeit überschritten, ohne sich dessen überhaupt bewusst zu werden. Die Werke wurden mit einem derartigen Mangel an Selbstreflektion angeboten, dass man im Baseler Umfeld gut auf sie hätte verzichten können, so  beispielsweise auf die Arbeiten von Li Bo. Als Ausnahme wären allein He Sen und Ye Yongqing geb. 1958 zu nennen, deren Arbeiten sich auf die klassische chinesische Tuschemalerei beziehen und sie in die moderne Bildsprache umzuwandeln suchen.

Leider stellte sich die GalerieVitamin Creative Space sowohl im "Artist Statement" wie auch bei der "Art Unlimited" mit Arbeiten und Aktionen der Yangjiang Group um Zheng Guogu sehr unglücklich vor. Zum wiederholten Male war die Arbeit Interior Courtyard -The First Line of Couplet der Yangjiang Gruppe zu sehen und rief schon Ermüdungserscheinungen hervor. Außerdem wirkte die Präsentation im Bereich des "Artist Statement" chaotisch und unprofessionell - ganz im Gegensatz übrigens zum heimatlichen Guangzhou, in dem sich die Galerie sehr professionell darstellt. Die Arbeiten selbst erschienen in ihrer Nicht-Kommunikation sehr hermetisch und schotteten sich damit zumindest von einem internationalen Publikum ab. Diese überholte genialische Geste wirkte an dieser Stelle einfach nur noch bemüht. Der documenta-Bonus ist doch schneller verbraucht, als mancher Händler denkt.

Interessanter als dieses Vertrauen auf die Selbstwiederholung war, dass in zwei Panels die chinesische Sache zum Zuge kam: Einmal in einer internationalen  Diskussion unter der Leitung des in Peking lebenden Experten Philip Tinari.Allerdings fand die Diskussion eine Stunde vor der offiziellen Öffnung der Hallen statt und war daher nur einem kleinen Publikum zugänglich. Eine zweites Panel stellte die aktuelle Situation in den beiden großen Zentren zur Diskussion, geleitet von der freien Kuratorin und früheren Museumsleiterin Jo-Anne Birnie-Danzker. Teilnehmer waren Zheng Shengtian, der Co- Herausgeber der renommierten englischsprachigen Kunstzeitschrift Yishu  (dt. Kunst) für chinesische Kunst inklusive Taiwan und Hongkong sowie die beiden Künstler Shen Fan aus Shanghai und Liu Wei aus Peking. Für das weniger vorinstruierte Publikum waren bei dieser Gelegenheit vor allem die allgemeinen Information zur Entstehungsgeschichte der zeitgenössischen chinesischen Kunst interessant, wie sie besonders Zheng Shengtian präsentieren konnte. Allerdings vermissten informierte Beobachter bei der Erörterung der gegenwärtigen Situation jedwede tiefergehende Erörterung, vor allem in den Beiträgen der Künstler. Nur um zu erfahren dass Peking politische und kunstmarktmäßige Hauptstadt, dafür aber Shanghai die ökonomisch stärkste Stadt ist, hätte auch ein wenig Wikipedia-Lektüre ausgereicht. Etwas mehr Nachfragen und Biss hätte kaum schaden können, wenn man den westlichen Interessenten am westlich-chinesischen Kunstaustausch nicht nur als Anleger, sondern auch als Betrachter ernstnehmen will. Die chinesische Kunst hätte das verdient, wie nicht nur Qiu Anxiong mit seinem Waggon als mobilem Gedächtnisraum bewiesen hat. So blieb ein seichtes Gefühl zurück.


Der Boom der Editionen von Mathias Remmele
Auf der zum dritten Mal veranstalteten Design Miami/Basel dominierten mehr denn je die Design-Editionen.

Auf dem Weg in die Selbstverständlichkeit von Andreas Schmid
Nach einem Jahr des Riesenhypes für die chinesische Kunst fiel beim Rundgang über die 39. Art Basel eine befreiende Rückkehr zur Normalität auf.

Dancing Queen von Gerrit Gohlke & Stefan Kobel
Nach wir vor laufen die Fäden der Kunstwelt in Basel zusammen. Auch regionale Konjunkturdellen ändern daran vorerst nichts.

Sleeping Satellites von Stefan Kobel
Wer sich in Zukunft als Nebenmesse zur Art Basel abheben will, der sollte ein inhaltlich wie organisatorisch ausgeschlafenes Programm zu bieten haben.

Survival von Gerrit Gohlke
In Basel funktioniert das ganz Große und das ganz Kleine. Dort entzieht sich die Kunst der Messe und dem Mittelmaß.

Alles wie immer von Stefan Kobel
Die Führung der Art 39 Basel gibt sich verschwiegen und pressescheu. Doch die die Messemaschine läuft wie gewohnt - auch ohne Steuerungsimpulse von oben.

Impress me! von Stefan Kobel
Schöne Menschen, reiche Menschen, teure Kunst - die Art Basel hat alles. Auf der Vernissage der 39. Ausgabe trifft sich der Kunst-Jetset zur größten Leistungsschau des internationalen Kunsthandels. Das artnet Magazin war mit der Kamera dabei.

Art Basel der Zukunft von Stefan Kobel
Rezession auf dem Kunstmarkt - nicht für die Art Basel und die Art Basel Miami Beach. Marc Spiegler spricht über die Zukunft des Formats Kunstmesse.

Die Entdeckung des Gleichgewichts von Ludwig Seyfarth
Während die Messe sich an ihrer Hektik berauscht, herrscht in den Basler Galerien Bedächtigkeit. Nicht zum Schaden der Qualität.


Weitere Artikel von Andreas Schmid


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken