Chinas Kunst zwischen Aufbruch und Kommerz

Was kommt nach dem Hype?

Birgit Hopfener
8. Januar 2008
Die chinesische Gegenwartskunst hat nach Aspekten der Quantität an Sichtbarkeit gewonnen. Doch wie steht es um ihre Qualität? Unter all die positiven und euphorischen Nachrichten mischen sich diesbezüglich zunehmend auch skeptische Stimmen. Ist die chinesische Kunst überbewertet? Verdirbt der Markterfolg als vorherrschendes „Instrument der Evaluierung“ insbesondere in ihrem Herkunftsland die Qualität der chinesischen Kunst? Ist der Markt entfesselt? Gibt es Anlass zu der Befürchtung, dass wir es mit einem temporären Hype zu tun haben und muss gar mit dem Platzen einer Blase gerechnet werden? Welche Rolle spielt die Kunstkritik? Und wie ist es insbesondere in China um ihre Qualität bestellt?

Im Rahmen des Symposiums „Chinas Kunst zwischen Aufbruch und Kommerz“, das vom 19. bis 21.Oktober 2007 im Kontext der Ausstellung „Mahjong“ im Museum der Moderne in Salzburg stattfand, wurden unter anderem diese Fragen von international ausgewiesenen Experten der chinesischen Gegenwartskunst leidenschaftlich diskutiert. Man zog Resümee, machte Bestandsaufnahmen und suchte nach Erklärungen für den derzeitigen Zustand der chinesischen Gegenwartskunst, prognostizierte die Zukunft und entwarf Visionen, die es sich jetzt, Anfang 2008, noch einmal vor Augen zu halten lohnt.

Unter den Sprechern und Diskutanten waren u. a. Uli Sigg, der als einer der wichtigsten Sammler moderner chinesischer Kunst weltweit gilt; Johnson Chang, einer der „Väter“ der Promotion zeitgenössischer Kunst aus Hongkong, der eine der ersten Ausstellungen chinesischer Kunst in Hongkong und Großbritannien realisierte und heute als Galerist, Kurator (z. B. im Team der kommenden Guangzhou Triennale 2008) und Autor tätig ist; Zheng Shengtian, der ein langjähriger und intimer Kenner der chinesischen Kunstszene ist und heute als Herausgeber der Zeitschrift Yishu fungiert sowie einige der derzeit wichtigsten europäischen Galeristen chinesischer Kunst, namentlich Lothar Albrecht (L.A. Galerie, Frankfurt am Main), Urs Meile (Galerie Meile, Bern und Peking) und Alexander Ochs (Alexander Ochs Galleries Berlin und Peking).

Ausgangspunkt der Diskussionen war der schwindelerregende Markterfolg der chinesischen Gegenwartskunst. Man erinnerte sich an die zarten Anfänge der Sammleraktivitäten, als sich Ende der 1990er Jahre, Anfang 2000 erste Sammler aus dem Westen für die chinesische Kunst zu interessieren begannen. Seit 2004 erlebt die Gegenwartskunst aus China einen Boom, der zunehmend nicht nur westlichen, sondern auch chinesischen Sammlern zu verdanken ist. Einer der Auslöser für das gestiegene Interesse an der zeitgenössischen Kunst in China war beispielsweise die Knappheit am Antiquitätenmarkt. Antiquitäten gelten unter Chinesen gemeinhin als sichere Anlage und befriedigen zudem das Bedürfnis, sich mit der „eigenen“ Kultur auch materiell zu identifizieren. Auch steuerliche Nachteile bei Immobiliengeschäften dürfte dem großen Kunstboom den Boden bereitet haben.

Die große Anerkennung der chinesischen Kunst im Ausland gilt bei chinesischen Sammlern als Erfolgsgarant und mit Sicherheit war auch die international hohe Beachtung, die 2005 in Bern der Präsentation der Sammlung Sigg entgegengebracht wurde, ein wichtiges Signal, um der eigenen zeitgenössischen Kunst mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Waren es laut Urs Meile in seiner Galerie vor ein bis zwei Jahren nur circa fünf Prozent chinesische Sammler, so sind es heute deutlich mehr. Auf der internationalen Kunstmesse „Shcontemporary“ in Shanghai im Herbst 2007 verkaufte Meile bereits mehr Kunst an Chinesen als an westliche Sammler.

Die meisten, häufig spekulativen Käufe werden von Chinesen aus Taiwan und Hongkong getätigt. Insgesamt ist zu beobachten, dass vermehrt Auslandschinesen in chinesische Kunst investieren. Hatte man es bisher auch in der Volksrepublik überwiegend mit Spekulanten zu tun, so ist dort momentan ein Zuwachs an ernstzunehmenden Sammlern zu beobachten, die sich auch aus inhaltlichem Interesse der chinesischen Kunst zuwenden. Neben dem erhofften finanziellen Erfolg erwirbt man chinesische Kunst als Ausdruck der Identifikation mit der eigenen Kultur. Ähnlich wie der Kauf von Antiquitäten eine Anbindung an die Vergangenheit bedeutet, partizipiert man mit dem Kauf zeitgenössischer Kunst sowohl am modernen China als auch an der „Aufarbeitung“ der jüngeren Geschichte. Die Motivation, sich mit der chinesischen Gegenwartskunst auseinanderzusetzen, hat häufig sehr persönliche Gründen und ist eng an die jeweilige Biografie geknüpft.

Reich gewordene Kaufleute in den Fünfzigern erinnern sich an ihre Jugend in den 1980er Jahren und somit an idealistischere Zeiten. Jüngere Sammler spüren in der zeitgenössischen Kunst Zeitgeist und Verbindung zu ihresgleichen. Die große persönliche Identifikation ist wohl auch einer der Gründe, warum die „fremde“ westliche Gegenwartskunst bei chinesischen Sammlern bisher nur auf geringes Interesse stößt. Neben vorwiegend großen Namen werden zum heutigen Zeitpunkt Kunstwerke von westlichen Künstlern gesammelt, die in der Entwicklung der modernen Kunst in China eine Rolle gespielt haben. Zum Beispiel Arbeiten von Robert Rauschenberg oder auch Jörg Immendorf, die jeweils bereits in den 1980ern mit Ausstellungen in China vertreten waren. Die westliche Kunst wird von chinesischen Sammlern also oftmals in den chinesischen Kontext eingebettet, weswegen auch Positionen von jungen und experimentellen Künstlern aus dem Westen bisher kaum eine Rolle spielen.

Uli Sigg erinnerte daran, dass die zeitgenössische Kunst bis in die 1990er Jahre in China sowohl in offiziellen Kreisen als auch in der breiten Bevölkerung als „Un-kunst“ galt und erst durch die jüngsten Auslandserfolge ihre heutige Legitimierung erreicht hat. Auch wenn es insgesamt positiv zu bewerten ist, dass die zeitgenössische Kunst in China an Öffentlichkeit gewonnen hat (was sich in den zahlreichen Neugründungen von privaten Sammlermuseen in China widerspiegelt), so ist allerdings auch hier die Überbetonung ökonomischer Faktoren offensichtlich.

Dank der staatlichen Kulturpolitik, die Kulturindustrie und Konsum von „Kultur“ in den Vordergrund stellt, um sie auf diese Weise zu „entschärfen“ (vgl. Mark Siemons, „Rote Kulturindustrie. Partei, Markt, Volk – Chinas Planspiele um Kunst, Konsum und Zensur“, in: Lettre International, Nr. 79 Winter 2007), aber selbstverständlich auch aufgrund der großen globalen Nachfrage nach „anything Chinese“ konnte der übermächtige Markt in China eine großen Einfluss entwickeln und fungiert deswegen momentan als Hauptinstrument zur Evaluierung „guter“ und „schlechter“ Kunst. In einer defizitären institutionellen Infrastruktur, die zudem durch einen Mangel an öffentlicher Unterstützung geprägt ist, fördert die Übermacht des Marktes weder die für die Entwicklung kreativen Potentials so wichtige Experimentier- noch Risikofreudigkeit, was sich langfristig auf die Qualität der Kunst auswirken wird.

Der Einfluss von Auktionshäusern ist in China außerordentlich groß. Sie legen derzeit nicht nur die Preise fest, sondern besitzen darüber hinaus die Deutungshoheit, die bestimmt, bei welcher Kunst es sich um gute oder schlechte Qualität handelt. Während das Vertrauen in vermeintlich öffentliche Auktionsinstitutionen unverhältnismäßig groß ist, leidet das private Galeriengeschäft unter einem schlechten Ruf. Folglich spielt der Primärmarkt im Unterschied zum Westen kaum eine Rolle. Die hohen Auktionsergebnisse aber haben mit den Preisen von neuen Arbeiten, die in den Galerien erhältlich sind, nichts zu tun und stellen deswegen für die Entwicklung der chinesischen Kunst eine Gefahr dar. Sowohl Museen als auch viele ernsthafte private Käufer, deren Sammlungen langfristig Wertsteigerungen versprechen würden, üben sich derzeit aufgrund der rapiden Preisentwicklung in Zurückhaltung.

Der ökonomische Höhenflug der zeitgenössischen Kunst beeinflusst selbstverständlich auch die chinesischen Künstler – und solche, die es werden wollen, was der Andrang auf die Kunstakademien zeigt. „Today artists are having a good time. The market is very strong, they have everything they want: money, huge studios etc…”, berichtete Zheng Shengtian. In China Künstler zu sein in China bedeutet heutzutage entweder den Weg des schnellen finanziellen Erfolgs zu gehen – das heißt häufig, unter dem Label „Made in China“ schnell produzierte Ware mangelnder Qualität an beliebige Sammler zu verkaufen – oder aber dem schnellen Geld abzusagen und sich mit dem Ziel der internationalen Anerkennung langfristig zu orientieren und sorgfältig zu arbeiten. Vor allem Urs Meile betonte, dass es die Aufgabe guter Galerien sei, Künstler zu unterstützen, um nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten, denn ein zu schneller Preisanstieg rüttle an der Basis der künstlerischen Entwicklung und wirke sich zwangsläufig auf die Qualität der Kunst aus.

Nur eine starke und unabhängige Kunstkritik kann, so waren sich in Salzburg alle einig, dem starken Einfluss der Marktkräfte auf die zeitgenössische Kunst regulierend entgegenwirken. Erst inhaltliche Auseinandersetzungen schaffen Reibungsflächen für Künstler und ihr Publikum und sind für ein langfristig pluralistisches Kunstschaffen dringend notwendig. Zum heutigen Zeitpunkt sehen sich viele vermeintlich freie Kunstkritiker aus finanziellen Gründen gezwungen im Auftrag und also in Abhängigkeit von Galerien, Privatmuseen und Künstlern zu arbeiten. Um die unabhängige Kunstkritik zu stärken und um auf Abhängigkeiten hinzuweisen hat Uli Sigg 2007 einen Preis für Kunstkritik ins Leben gerufen, der auch als Signal an die offizielle Seite zu verstehen ist, sich in Zukunft um die Ausbildung junger Leute zu Kunstkritikern zu kümmern.

Abschließend bleibt zu fragen, wie es um die Zukunft der chinesischen Kunst bestellt ist und was nach dem Hype kommen wird. Unter den Salzburger Teilnehmern überwog die Meinung, dass der Wert der zeitgenössischen chinesischen Kunst allen Unkenrufen und Warnungen zum Trotz weiterhin steigen werde. Selbst wenn sich die institutionelle Situation auch in absehbarer Zeit nicht verbessern sollte, so Sigg, würden die Kunstpreise so lange weiter steigen wie die asiatische Wirtschaft wachse und sich die Vermögen vermehrten. Die Preise für die chinesische Kunst würden sich verselbstständigen und sich vom internationalen Markt, das heißt von den zyklischen Prozessen abkoppeln. Allerdings werde verstärkt Selektion einsetzen und Wert auf Qualität gelegt werden. Gute Kunst aus China werde noch weitere Preissteigerungen erleben, während schlechten „Chinoiserien“ schon bald nicht mehr die Aufmerksamkeit zukommen werde, die sie heute teilweise noch genössen.


Mehr im Dossier  Kunst in China

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