China-News 51. Woche

Rosige Zeiten für Kunstkritik

Zusammengestellt von Birgit Hopfener
18. Dezember 2008
PEKING. Nachdem die diesjährige Herbstsaison der Kunstauktionen in China am ersten Dezemberwochenende zum Abschluss gekommen ist, steht der Verlierer fest. Während der Markt für alte Kunst stark zulegte, verzeichneten in der zeitgenössischen Sektion fast alle chinesischen Auktionshäuser starke Einbußen. Hoffnungsvoll stimmten einzig die überraschend guten Ergebnisse des Unternehmens Poly Auction, das bei seinen Auktionen für Gegenwartskunst insgesamt einen Umsatz von 135 Mio. RMB (circa 1,24 Mio. Euro) erzielte und nahezu 70 Prozent aller Lose verkaufte. Besonders erfolgreich war mit einem Umsatz von 64 Mio. RMB (circa 5,9 Mio. Euro) und Zuschlägen von 88 Prozent der Abendverkauf mit 42 Werken etablierter chinesischer Künstler wie Liu Ye, Wang Guangyi, Zhou Chunya und Zhang Xiaogang. Der höchste Preis wurde mit 6,16 Mio. RMB (circa 567.000 Euro) für die Arbeit Mask Series von Zeng Fanzhi gezahlt. Auch die Auktion „New and Vigorous Chinese Art”, die 170 Werke aufstrebender chinesischer Künstler wie Li Jikai anbot, lief mit einem Umsatz von 21,2 Mio. RMB (circa 1,95 Mio. Euro) und einem Verkauf von 76 Prozent der Lose überraschend gut. Als Gründe für den Erfolg der Auktionen zeitgenössischer Kunst in Zeiten der Krise gibt das Auktionshaus selbstbewusst an, dass es sich ausgezahlt habe, konsequent auf hohe Qualität zu setzen. Nach Auskunft des Unternehmens hat der Anteil chinesischer Käufer zugenommen und lag bei zwei Dritteln. Heimische Sammler zeigen sich scheinbar unbeeindruckt in ihrer Kauflaune, da sie wohl nach wie vor über eine hohe Investitionskraft verfügen und die Preise für Kunst im Zuge der Krise wieder moderate Ausmaße angenommen haben.

HONGKONG/PEKING. Kunstkritik und qualitative Aspekte könnten in der chinesischen Kunstszene demnächst eine wichtigere Rolle spielen. Anlass zur Hoffnung auf eine Bändigung der plutokratischen Verhältnisse geben sowohl offizielle Stimmen, wie die von Fan Di’an, seines Zeichens Direktor der Nationalgalerie in Peking, als auch „unabhängige“, wie die der freien Kritikerin und Kuratorin Pauline F. Yao, 2007 Preisträgerin des von Ulli Sigg initiierten Preises für Kunstkritik (Contemporary Chinese Art Awards CCAA) in China.

Im Newsletter des Hongkonger Asia Art Archive äußert sich Pauline F. Yao, die in Peking lebt und in den USA aufgewachsen ist, skeptisch über Entwicklung und Notwendigkeit einer funktionierenden Kunstkritik in China. Yaos Diagnose fällt vernichtend aus: Aufgrund der Übermacht eines spekulativen Marktes, dem Fehlen einer Kritikkultur nach westlichem Verständnis und der mangelhaften kunsthistorischen Ausbildung habe sich eine „echte“, das heißt eine „unabhängige“ und analytische Kunstkritik in China (noch) nicht herausgebildet. Dass es keinerlei lokalen Diskurs gibt, der unabhängiges Denken fördert und kritische Tiefe verlangt, sei das Resultat einer totalen Durchökonomisierung, die sämtliche Lebensbereiche nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten bewertet. Die Profession des Kunstkritikers, die nach Yaos westlich geprägter Überzeugung die Vorstellung einer eigenen Meinung als „bürgerliche Pflicht“ impliziert, ist – so gibt sie zu – zum heutigen Zeitpunkt in China nicht denkbar. Die Etablierung eines zeitgenössischen Kunstsystems stecke noch in den Kinderschuhen. Bis auf wenige Ausnahmen, wo eine unabhängige Förderung betrieben wird, zum Beispiel durch den CCAA oder den 2008 von Hallam Chow initiierten Preis für junge Kritiker an der Kunstakademie in Peking, seien chinesische „Kunstkritiker“ auf Auftraggeber wie Galerien und Künstler, aber auch Museen, die mithilfe der „Kunstkritik“ den Wert bestimmter Arbeiten steigern wollten, angewiesen. Trotz oder gerade wegen dieser Umstände plädiert Yao für „Verantwortung“ in der Kunst. Sie hält es für unabdingbar, dass in China, wie schon einmal Mitte der 1980er Jahre während der sogenannten „85er Bewegung“, erneut zentrale Fragen nach dem Sinn und der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst diskutiert werden. Denn nur dann bestünde die Chance, dass China auch auf dem Gebiet der Kunstkritik rosigen Zeiten entgegensieht.
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Obwohl Fan Di’an als Museumsdirektor der Nationalgalerie in Peking ein hoher Vertreter der offiziellen Kunstsphäre ist, gibt es zwischen seiner Position und der von Pauline F. Yao doch erstaunlich viele Überschneidungen. In einem Interview für die Wochenzeitung Nanfang Zhoumo, die von vielen chinesischen Intellektuellen gelesen wird und als vergleichsweise liberal gilt, plädiert Fan ebenso wie Yao an das Verantwortungsgefühl, das er im gegenwärtigen China nicht nur in der Kunst, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen vermisst. So wie sich das Streben nach ökonomischen Vorteilen im Skandal um die verseuchte Babymilch deutlich zeige, offenbare sich dieses mangelnde Verantwortungsgefühl auch im Umgang mit Kultur und Kunst. Fan sieht die gesellschaftliche Bedeutung der Kunst im heutigen China darin, dass dezidiert geäußerte Meinungen in der Kunst auch zu Veränderungen in anderen Bereichen, wie zum Beispiel der Wirtschaft oder der Verwaltung, führen könnten. Allerdings, so bemerkt Fan kritisch, sieht er in der derzeitigen Kunstproduktion kaum Anzeichen dafür, dass sich Künstler für die Bedürfnisse ihrer Rezipienten interessierten. Er begreift die gegenwärtige, durch die ökonomische Situation verstärkte Krise als Chance, sich wieder mehr auf Inhalte zu konzentrieren. Den Museen gesteht er dabei eine besonders wichtige und wachsende Rolle als Vermittler von Kunst zu, weswegen verstärkt in deren Professionalisierung investiert werden müsse.

NÜRNBERG. Die Kunsthalle Nürnberg wartet momentan mit einer Einzelausstellung der chinesischen Künstlerin Cao Fei auf. Bis zum 15. Februar 2009 sind dort unter anderem die Videoarbeiten Cos Players (2004) oder Nu River (2007) der jungen Künstlerin zu sehen, die 1978 in der südchinesischen Stadt Guangzhou geboren wurde und international bereits große Beachtung gefunden hat. So bespielte sie unter anderem auf der vergangenen Venedig Biennale den Chinesischen Pavillon mit ihrer Installation China Tracy Pavilion.
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