China-News 43. Woche

Subversiver Gleichklang

Zusammengestellt von Birgit Hopfener
22. Oktober 2009
PEKING. Das seit 2004 jährlich in London abgehaltene „Global Collecting Forum“ fand in diesem Jahr erstmals in Peking statt. Veranstaltet wird es von dem unabhängigen britischen Institute for Strategic Dialogue (ISD), das sich als Financiers die Reignwood Group, die Chinese Culture Promotion Society und die Beijing Culture and Arts Foundation ins Boot holte. 25 Akteure der internationalen zeitgenössischen Kunstszene trafen sich vom 9. bis 11. Oktober in Chinas Hauptstadt, um unter dem Titel „Collecting in Today’s Turbulent World – A Dialogue between East and West“ über neueste Entwicklungen in China und die Rolle Chinas im globalen Kontext zu sprechen. Zu den geladenen Experten gehörten Alexandra Munroe (Kuratorin für asiatische Kunst des Solomon R. Guggenheim Museum), Gao Minglu, Kurator und Professor für chinesische Kunst an der Universität Pittsburgh, der Schweizer Sammler Uli Sigg, Wang Huangsheng, Direktor des an die Pekinger Central Academy of Fine Art angegliederten CAFA Art Museums, Melissa Chiu von der Asia Art Society sowie Jay Levenson vom Museum of Modern Art. Erörtert wurden die generellen Auswirkungen der Finanzkrise auf die internationalen Kunstmärkte, der Markt für chinesische Kunst, Chinas Museen und deren Engagement bei ausländischen Kunstinstitutionen sowie der kulturelle Austausch zwischen China und der übrigen Welt.

Sowohl die chinesischen als auch die ausländischen Teilnehmer versprachen in den Diskussionen eine größere Unterstützung für die chinesische Kunst und ihren Markt. Chinesische Kuratoren und Museumsdirektoren ließen sich von Vertretern großer westlicher Museen in Sachen Sammlungsphilosophie und -politik sowie pädagogischer Vermittlungsarbeit beraten. Beklagt wurde von chinesischer Seite, dass sich viele wichtige Werke der modernen chinesischen Kunst in westlichen Sammlungen befänden und deswegen nur in sehr begrenztem Maße für ein chinesisches Publikum zugänglich wären. Uli Sigg wiederholte in diesem Zusammenhang sein bereits in der Vergangenheit geäußertes Vorhaben, seine enzyklopädische Sammlung der chinesischen Gegenwartskunst langfristig einem chinesischen Museum zu überlassen. Beide Seiten setzten dabei große Hoffnungen in die chinesische Gesellschaft und deren zunehmende Beschäftigung mit Gegenwartskunst. Dies hat natürlich vor allem ökonomische Gründe. Sollte das Interesse an der zeitgenössischen Kunst weiter steigen, sind das in einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern rosige Aussichten für die Entwicklung eines neuen Markts. Dies mag auch einer der Gründe sein, warum das Forum in diesem Jahr nicht an seinem angestammten Ort in London, sondern in Peking stattgefunden hat.
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PEKING. In China ist der einheimische Sammler zeitgenössischer Kunst ein relativ neues Phänomen, dem in jüngster Zeit international und im Land selbst viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. So fand im Kontext des 5.Songzhuang Art Festival in Peking unter der Regie des chinesischen Kurators und Kritikers Li Xianting die erste Ausgabe der „Annual Conference of Collectors of Chinese Contemporary Art“ statt. Li Xianting zufolge hat die Dominanz westlicher Sammlungen von chinesischer Gegenwartskunst dazu geführt, dass auch ästhetische Maßstäbe durch den Westen geprägt wurden. Um sich aus dieser „Abhängigkeit“ zu befreien, obliege der wachsenden Zahl chinesischer Sammler seiner Meinung nach nun die Verantwortung, „eigene“ ästhetische Kriterien für die chinesische Gegenwartskunst zu entwickeln.

Dabei steht Li Xianting selbst in der Kritik. Als Kurator der bahnbrechenden Ausstellung „China/Avantgarde 1989“ sowie als Förderer der chinesischen Kunst im Ausland – insbesondere als Mentor wichtiger Vertreter des Zynischen Realismus und des Political Pop – hatte er die chinesische Kunstszene seit Ende der 1980er-Jahre wesentlich mitgeprägt. Auf der Internetseite www.heyshehui.com ist jetzt eine kontroverse Debatte über seine Rolle entbrannt. In jüngster Zeit hat sich die institutionelle Infrastruktur in China geändert und ist die chinesische Kunstszene insgesamt wesentlich pluralistischer geworden. Einer der Kommentatoren kritisiert Li Xiantings Verhalten auf der „Annual Conference of Collectors of Chinese Contemporary Art“, weil dieser angeblich zur Befolgung der offiziellen Linie und somit zur Förderung der „Kulturindustrie“ aufgerufen haben soll. Die Angriffe auf Li Xianting stehen für ein weitaus größeres Problem und zwar, wie ein anderer Kommentator bedauert, für die grundsätzliche Dominanz finanzieller Interessen und damit verbunden, so weiter, dem blinden und egoistischen Glauben an Ruhm. Eine weitere Stimme warnt vor der Verbindung aus Geldgier und einem wachsenden Nationalismus in China, der dieser Meinung nach von der Regierung auch mithilfe der Kunst gefördert würde. Dies würde umso schwerer wiegen, so ein anderer, da in China keine demokratischen Verhältnisse herrschten. Anstatt Demokratie nur am eigenen (ökonomischen) Wohlergehen festzumachen, sollten seine Landsleute endlich verstehen, dass Demokratie nicht in erster Linie finanzielle Interessen schützt und stärkt, sondern vielmehr Unabhängigkeit im Denken befördern muss. Erst wenn dies erkannt würde, so fährt der Kommentator fort, würden sich auch die Bedingungen für die zeitgenössische Kunstproduktion verbessern.
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Ai Weiwei dürfte hierzulande spätestens seit vergangener Woche auch einem eher kunstfernen Publikum bekannt sein, da im Zuge der Eröffnung seiner Einzelausstellung im Münchner Haus der Kunst ausführlich auch über seine Schikanen durch die chinesische Polizei berichtet wurde. Ai Weiwei setzt seine Protestaktionen gegen das offizielle China fort und beweist damit großen Mut, schließlich hätten ihn die letzten Einschüchterungsversuche fast das Leben gekostet. Im Internet findet sich der Kurzfilm Grass Mud Horse, Motherland. Im Chinesischen haben diese Worte dieselbe Aussprache wie „F*ck Your Mother, Motherland“. Im Film treten nacheinander unschuldig in die Kamera blickende Menschen auf, die den vermeintlich harmlosen Satz von sich geben, der hinter ihnen auf einer weißen Tafel geschrieben steht.
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Mehr im Dossier  Kunst in China
Mehr im Dossier  Ai Weiwei – Archiv

Unter eigener Beobachtung von Evelyn Pschak
Bei Ai Weiwei ist Kunst Aktivismus und Aktivismus Kunst. Seine Schau im Münchner Haus der Kunst war schon vor der Eröffnung ein Politikum.

Operation Geburtstagsfeier von Zusammengestellt von Birgit Hopfener
Die VR China stimmt sich auf ihren 60. Geburtstag ein – mit einer Ausstellung konservativer Werke. Die Vertreter kritischer Kunst haben es derzeit schwer.



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