China-News 37. Woche

Herr Fan und Frau Wu dürfen nicht nach Peking

Zusammengestellt von Birgit Hopfener
10. September 2009
Die Kunstmesse ShContemporary, die vom 10. bis 13. September stattfinden wird, kämpft mit den Folgen der Krise und dem Abgang des ehemaligen Direktors Lorenzo Rudolf. Unter neuer Leitung durch Colin Chinnery ist trotz eines dramatischen Einbruchs der Galeriebeteiligung ein anspruchsvolles Rahmenprogramm geplant. So sind für die Vortragsserie „DISCOVERIES: Discovering Contemporary Art?“ unter anderem Beiträge von Boris Groys, Jan Verwoert, Hans-Ulrich Obrist, Carol Lu und Hu Fang angekündigt. Auch in der Stadt wird neben zahlreichen Eröffnungen im Kunstdistrikt M50 (Mogashan Road) Einiges geboten: etwa im Duoland Museum of Modern Art die Ausstellung „1980s – Wen Pulin – The Chinese avant-garde art‘s archive exhibition“. Die Messe selbst hat ihren internationalen Anspruch jedoch weitgehend aufgeben müssen. Unter den 74 Galerien auf der Teilnehmerliste finden sich nur noch 15 rein westliche Teilnehmer, Schwergewicht hier die Marian Goodman Gallery aus New York. Christian Nagel aus Köln/Berlin ist nur mit einem Projekt von Martha Rosler im Sonderausstellungsbereich vertreten. Letztes Jahr hatten noch 140 Galerien teilgenommen. Damit hat die Leitmesse deutlicher verloren als die ältere Shanghai Art Fair, die vom 9. bis 13. September stattfindet. Diese ist mit 120 Teilnehmern in diesem Jahr wesentlich größer, spielt jedoch international keine Rolle.
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Im Pekinger Galeriedistrikt 798 findet zurzeit die erste regierungsunabhängige Biennale statt. Unter dem Titel „Constellation“ werden hier und im Stadtteil Dashanzi bis zum 12. September Werke chinesischer und internationaler Künstler gezeigt. Die Veranstaltung steht unter der Regie des Kurators und Kritikers Zhu Qi. Der Schweizer Marc Hungerbühler führt ein aus fünf Kuratoren bestehendes Team. Neben der Hauptausstellung in Halle 706 auf dem Gelände von 798 haben zahlreiche Galerien ihre Räume zur Verfügung gestellt. Im SZ Art Center etwa hat der deutsche Kurator Martin Wehmer unter dem Titel „Annexe/Infix“ eine Gruppenschau mit chinesischen und deutschen Künstlern kuratiert, darunter Yuan Shun, der zwischen Peking und Berlin pendelt, und der Berliner Künstler Sven Drühl. Zhu Qis Anliegen ist es laut der Internetplattform heishehui.com, mit künstlerischen Mitteln das Nachdenken über die Zivilgesellschaft und ein unabhängiges soziales Bewusstsein zu entwickeln. Aus diesem Grund müsse Kunst seiner Meinung nach heute Ort der Aktivierung, bürgerlichen Verantwortung und Mitbestimmung sein. Als Vorbild nennt er den Künstler Guo Haiping, der in einer psychiatrischen Klinik Malerei unterrichtete, sich überhaupt um psychisch Erkrankte kümmert und auch dafür sorgte, dass zahlreiche Dorfbewohner im Rahmen von Ai Weiweisdocumenta-Projekt „Fairytale“ die Reise nach Deutschland antreten konnten. Kunst, so Zhu Qi, sollte keine elitäre Angelegenheit sein, sondern die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft befördern.

In diesem Kontext ist zu verstehen, warum zunächst auch chinesische Bürger zur Teilnahme an der Biennale eingeladen wurden, die sich selbst nicht als Künstler bezeichnen würden, in den vergangenen Monaten jedoch in der chinesischen Öffentlichkeit aus unterschiedlichen Gründen große Aufmerksamkeit auf sich zogen und teilweise von der Regierung für ihre Zwecke missbraucht wurden. Ihr berühmtester Vertreter ist der unter dem Namen Fan Pao Pao bekannte „rennende Lehrer Fan“, der während des Erdbebens in Sichuan nicht bei seinen Schülern blieb, sondern davonrannte und sich in Sicherheit brachte. Von der chinesischen Presse wurde er als feiger Hund beschimpft und von offizieller Seite als Feigling bezeichnet, Ai Weiwei jedoch ergriff das Wort für ihn. Denn im Unterschied zu den Behörden, die für die maroden Schulgebäude und somit für den Tod der Schulkinder verantwortlich wären, sei Fan wenigstens ehrlich. Er hätte immerhin eingestanden, dass ihm sein eigenes Leben am wichtigsten war. Ebenfalls zunächst eingeladen war Wu Ping, eine Bewohnerin der Stadt Chongqing, die sich weigert, ihr Haus zu räumen und einem großen Bauvorhaben Platz zu machen. Auf behördlichen Druck hin jedoch wurden beide wieder ausgeladen, um nicht die Realisierung der gesamten Biennale zu gefährden. Diese leidet ohnehin unter den verstärkten Zensurmaßnahmen im Vorfeld der 60-Jahr-Feiern der Chinesischen Revolution am 1. Oktober. Während die Ausstellungen in privaten Galerien nicht beanstandet wurden, mussten die Kuratoren aus der Hauptausstellung verschiedene Werke entfernen, so Zhang Lishengs Videoarbeit über die Migration im Zuge des Dreischluchten-Staudammprojekts, Yuan Gongs Arbeit über die Katastrophenzone im Erdbebengebiet sowie ein Werk Liu Jiakuns, das er einem zwölfjährigen Erdbebenopfer gewidmet hatte.

Zensur ist allerdings nicht die einzige Sorge der Ausrichter. Kritik zog nicht nur Wang Jun auf sich, Kurator der Biennale Sektion, zu der Fan und Wu eingeladen worden waren, als er deren Schicksal trotz Teilnahmeverbots thematisieren wollte. Auch Zhu Qi sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, sein Anliegen, mithilfe von Kunst am Aufbau der Zivilgesellschaft beizutragen, sei naiv und zu idealistisch, auch wenn seine Überzeugungen als ehrenwert und vernünftig eingeschätzt werden. Denn es herrscht weitgehend Konsens darüber, dass die rapide Entwicklung der chinesischen Gesellschaft das bisher praktizierte „Kopieren westlicher Ausdrucksmittel ohne eine eigene Haltung zu entwickeln“ obsolet gemacht habe. In diesem Sinne wird Zhu Qis Konzept als realitätsnaher gewertet als etwa die Ansätze des Kurators Gao Minglu, der zuletzt, wie artnet berichtete, im Pekinger Today Art Museum die Ausstellung „Yi Pai“ kuratierte.
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Fan Dian, Direktor der chinesischen Nationalgalerie in Peking, spricht in einem Interview mit Ionly über die wachsende Bedeutung der Sammlungstätigkeit öffentlicher Museen in China. Seiner Meinung nach kommt der Sammlung im Museum als, nach heutigem Verständnis, Ort der Kunstvermittlung und Forschung eine wichtige Bedeutung zu. Allerdings könnten öffentliche Museen finanziell beim Erwerb von Kunstwerken häufig nicht mit Privatsammlern mithalten. Seine Institution habe jedoch von der Regierung eine Unterstützung erhalten, mit der die Bestände fast verdoppelt werden konnten. Diese Aufwertung der Sammlung habe dazu geführt, dass zunehmend auch Privatsammler und Künstler für Zuwendungen an die Nationalgalerie zu gewinnen seien. Darüber hinaus würden im Zuge des neu ins Leben gerufenen „Pavillon Projekts“ an der Nationalgalerie verstärkt ausländische Sammlungen aus Indien, Russland, Osteuropa, Japan und der Mongolei zu sehen sein. Generell beobachtet Fan eine gestiegene Wertschätzung chinesischer Kunst in ihrer Heimat: „In der Vergangenheit kauften Ausländer chinesische Kunst, inzwischen verläuft der Trend in die entgegengesetzte Richtung. Der Aufstieg Chinas zum Global Player hat unsere Möglichkeiten, unsere Sammlung zu erweitern, vergrößert, was auch als Indiz für Chinas wachsenden Einfluss in der Welt verstanden werden kann.“
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