China-News 27. Woche

Kritischer Erkenntniswert

Zusammengestellt von Birgit Hopfener
2. Juli 2009
Peking. Unter chinesischen Kuratoren und Kritikern wird der Ruf nach einer dezidierten Auseinandersetzung mit Phänomenen gegenwärtiger Kunst trotz – oder vielleicht gerade wegen – der jüngsten staatlichen Eingriffe in die Meinungsfreiheit immer lauter. Aber auch im Zuge der Finanzkrise, die verheerende Auswirkungen auf die chinesische Kunst hat und von einem starken ökonomischen Werteverfall begleitet wird, scheinen viele den monetären Werten inhaltliche entgegensetzen zu wollen. Kontrovers diskutiert werden vor diesem Hintergrund aktuell vor allem zwei Projekte: die Ausstellung „Yi Pai“ von Gao Minglu und Zhu Qis „Biennale“ im Pekinger Kunstviertel 798.

Die Ausstellung von Gao Minglu, Kurator und Professor für Kunstgeschichte an der University of Pittsburgh, findet im Pekinger Today Art Museum statt und zeigt neben Malerei, Skulptur und Installationen auch Architektur sowie Videos von über 30 Künstlern aus China, Hongkong und Taiwan. Auf der Internetseite RedboxReview wird „Yi Pai“ als eine „hoch intellektualisierte thematische Ausstellung“ bezeichnet. „Yi Pai“ („Yi“ heißt auf Deutsch etwa Sinn, Bedeutung, „Pai“ Schule, Richtung), so fasst RedboxReview Gao Minglus Konzept zusammen, sei „eine subversive Theorie, die sich gegen Repräsentation wendet und (…) eine neue Art zu denken, indem sie Begriffe wie Realismus, Modernismus und postmodernen Konzeptionalismus hinter sich lässt“. Offenbar steht hinter dem etwas hermetischen Ausstellungskonzept das Anliegen, den auch in China dominierenden Begrifflichkeiten aus der westlichen Kunsttheorie Alternativen aus dem chinesischen (kunsthistorischen) Kontext entgegenzusetzen. Zwar ist Gao Minglus Frage, inwiefern der im westlichen Kontext entwickelte Begriffsapparat im globalen Kontext funktioniert, durchaus berechtigt. Doch manifestiert sein Ausstellungskonzept die Dichotomie zwischen China und „dem Westen“ mehr, als dass es im Sprechen über zeitgenössische Kunst kulturelle Differenz verhandeln würde. Das wird in China zum Teil ähnlich gesehen. Auf der Internetseite Heshehui finden sich sehr kritische Äußerungen über den Erkenntniswert von „Yi Pai“. So hält der Autor Liao Bangming die Ausstellung für ein reines Sprachspiel. Gao Minglus Schau wollte zwar ein Experiment sein, eine bestimmte Theorie überprüfen, in Wahrheit aber, so der Rezensent, stülpe Gao der zeitgenössischen Kunst eine Theorie über, die keinerlei Bezug zu ihr habe. Dabei gehört Gao Minglu zu den wichtigen Protagonisten aus den Anfangszeiten der chinesischen Gegenwartskunst und war, gemeinsam mit Li Xianting, 1989 Kurator der epochalen Ausstellung „China/Avantgarde“. Doch der „Alte Li“, wie Li Xianting in chinesischen Kunstkreisen auch genannt wird, hat sich aus dem Kunstbetrieb zurückgezogen. Gao dagegen ist nicht nur als Dozent und Kurator aktiv, sondern betreibt im Künstlerdorf Songzhuang auch ein Privatmuseum.
Mehr

Zhu Qis Ausstellung für die diesjährige „Biennale“ in 798, „Gegenwartskunst und der Sinn für ‚Gemeinschaft’“, ist auch als Reaktion auf den Chinesischen Pavillon auf der diesjährigen Biennale von Venedig zu verstehen. Angesichts reduzierter Mittel sieht Zhu die Chance, in der Kunst andere Werte als monetäre in den Vordergrund zu rücken. Ausdrücklich betont er, dass sein internationales Kuratorenteam auf Honorare verzichtet und die Galerien ihre Räumlichkeiten unentgeltlich zur Verfügung gestellt haben. Seinem etwas schwammigen Konzept, das von den Kommentatoren auf der Internetseite art-baba jedoch überwiegend positiv bewertet wird, ist zu entnehmen, dass er einen stärken Bezug zwischen Leben und Kunst befördern möchte. Kunst solle eine wichtige Rolle im Prozess der modernen chinesischen Gesellschaft spielen, besonders in Hinblick auf das Mitspracherecht des Einzelnen. Schon immer, seit dem Auftreten der sogenannten Narbenkunst bis zur heutigen „Cartoon Generation“ der in den 1980er-Jahren geborenen Künstler, habe sich die chinesische Gegenwartskunst im Spannungsfeld zwischen Nationalismus und Individualismus entwickelt, so Zhu. Obwohl die Kunst der jüngeren Generation seiner Meinung nach keinen Bezug zu historischen Entwicklungen habe, beobachtet er in letzter Zeit doch eine Rückkehr zum Gemeinschaftssinn, den er für ein wesentliches Gegengewicht zu nationalistischen Tönen wie dem zunehmenden Individualismus hält. Kunst sollte Zhu zufolge weder im Namen der Politik funktionalisiert noch ausschließlich selbstreferentiell begriffen werden, sondern Teil der chinesischen Gesellschaft werden und unabhängiges Denken befördern.

München. Die Einzelausstellung von Ai Weiwei im Haus der Kunst in München (vom 12. Oktober 2009 bis 17. Januar 2010) soll von einem Blog begleitet werden. Bei arthistoricum.net werden momentan Absolventen im Hauptstudium gesucht, die Interesse an der Mitarbeit haben. Laut dem Aufruf „verwandelt Ai Weiwei das Haus in eine Art chinesisches Nationalmuseum mit eigenen chinesischen Artefakten und performativen Installationen. Er erzählt auf verschiedenen Ebenen mit unterschiedlichen Formen die Geschichte(n) des modernen China.“ Die studentischen Blogger sollen auf diese Weise die Möglichkeit erhalten, in direkten Kontakt mit Ai Weiwei und seiner Arbeitsweise zu kommen.
Mehr


Mehr im Dossier  Kunst in China


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken