China-News 25. Woche

Der Pavillon der geschlossenen Gesellschaft

Zusammengestellt von Birgit Hopfener
18. Juni 2009
Venedig. Eigentlich ist die chinesische Kunst mehr Aufmerksamkeit gewohnt. Doch in den internationalen Medien wurde bisher kaum über den Chinesischen Pavillon der diesjährigen Biennale von Venedig berichtet. Nach Einschätzung der chinesischen Internetplattform RedBox Review sind die Positionen der sieben Künstler durchaus überzeugend und offenbaren individuelle Weiterentwicklungen der jeweiligen Ansätze. Schuld daran, dass sich das Publikum in Venedig dennoch nicht begeistern ließ, ist laut RedBox Review das magere Konzept der Kuratoren Lu Hao und Zhao Li. Unter dem Titel „What is to come“ („jian wei jian zhu“, was ins Deutsche übersetzt so viel heißt wie „vom ersten Anzeichen auf die spätere Entwicklung schließen“) versuchen die Ausstellungsmacher eine Art Bestandsaufnahme und Präsentation der Vielfalt der chinesischen Kunstszene, bei gleichzeitiger Würdigung des intellektuell hohen Anspruchs. Da jedoch zwischen den einzelnen Arbeiten keine nachvollziehbaren oder interessanten Bezüge hergestellt würden, lässt die gesamte Schau laut RedBox Review einen überzeugenden konzeptionellen Zusammenhang vermissen.

Auch in China wird heftige Kritik an den Kuratoren geübt. Auf der chinesischen Internetseite Heishehui beklagt der Kunstkritiker Zhu Qi mit deutlichen Worten das undurchsichtige Auswahlverfahren der Kuratoren. Unter dem Titel „Rückschritt der Demokratie: die Farce der Kuratoren des chinesischen Pavillons auf der Venedig Biennale 2009“ bezeichnet er die Wahl der Kuratoren als Possenstück von Bürokraten aus dem Kulturministerium, die das nationale Gesetz mit Füßen treten würden und denen das kulturelle Image Chinas gleichgültig zu sein schiene. Zhu Qi entrüstet sich über die undemokratische Vorgehensweise bei der Wahl der Kuratoren und stellt drei sehr konkrete Fragen, um die – seiner Meinung nach – Bevormundung der chinesischen Nation zu offenbaren. So will er wissen, warum die vorgesehene öffentliche Wahl des Kurators für den Pavillon dann doch abgesagt wurde. In seiner zweiten Frage greift er Lu Hao persönlich an: Warum wurde ein zweitklassiger Künstler zum Kurator des nationalen Pavillons erwählt? Und schließlich fragt er sehr direkt, ob bei der Wahl der Kuratoren übel getrickst wurde und warum andere chinesische Kritiker und Kuratoren davon ausgeschlossen wurden.

Zhu Qi nimmt diesen konkreten Fall zum Anlass, grundsätzliche Kritik an der offiziellen Kulturpolitik zu üben. Trotz der „Legalisierung“ der Gegenwartskunst in China, so schreibt er, sei es nicht gelungen, eine neue Kultur voranzubringen. Im Gegenteil: die „Legalisierung“ habe zu Anpassung und korrupten Koalitionen zwischen autokratischen Offiziellen, windigen Geschäftsleuten des Kunstmarkts und einer Gruppe zynischer Künstler geführt. Eigentlich sollten, so Zhu Qi, die nationalen Pavillons auf der Biennale von Venedig Orte sein, an denen interessante kuratorische und künstlerische Positionen gezeigt würden. Ihr Zweck sei doch, dass sich Länder im globalen Kontext positionieren und ihr Image befördern könnten. Da diese Form der kulturellen Diplomatie immer wichtiger werde und das nationale Image maßgeblich mitpräge, fordert er das nationale Kulturbüro zu mehr Transparenz auf. Es solle publik machen, wie es zur Entscheidung für die diesjährigen Kuratoren kam. Des Weiteren verlangt er die Verabschiedung offizieller Richtlinien, mit denen künftig die Wahl der Kuratoren für den Chinesischen Pavillon in Venedig geregelt werden solle, sowie die Etablierung eines Fonds für dessen Finanzierung, damit sich die Kuratoren nicht auch noch selbst um die Mittelbeschaffung kümmern müssten.

Zhu Qi ist überhaupt eine rege Stimme in der Diskussion um den chinesischen Biennale-Auftritt. In der südchinesischen Zeitung „Nanfang Daily“ äußert er sich gemeinsam mit Wang Shen, dem verantwortlichen Direktor des Chinesischen Pavillons. Ihre Kernfrage lautet: „Passen sich die chinesischen Künstler auf der Venedig-Biennale der westlichen Kunst an?“ Wang Shen kommt zu der Überzeugung, dass die Arbeiten im Chinesischen Pavillon formal zwar westlich aussähen, im Kern aber chinesische Weisheiten und Charakteristika aufwiesen. Dies gelte insbesondere für den Beitrag von He Sen mit seinen diskreten, kleinformatigen Gemälden, auf denen traditionell-chinesische Motive wie Blumen oder Vögel zu erkennen sind. Dass zeitgenössische Künstler durch die Teilnahme an internationalen Ausstellungen berühmt würden, hält Zhu Qui für ein „Märchen“, das nicht der Wirklichkeit entspreche. Seiner Meinung nach seien Biennale-Künstler auch nicht notwendigerweise die besten Künstler. Zhu zufolge existieren zwei verschiedene Arten chinesischer Kunst: Einerseits eine chinesische Kunst, wie sie im Westen rezipiert wird, und andererseits eine chinesische Gegenwartskunst, wie sie sich in den vergangenen 30 Jahren entwickelt hat. Von daher wäre es auch nicht richtig zu behaupten, dass chinesische Künstler mit der Intention an internationalen Ausstellungen teilnehmen würden, um westlichen ästhetischen Vorstellungen zu gefallen. Viele Westler hätten eine sehr selektive Haltung gegenüber der chinesischen Gegenwartskunst, und der Kunstmarkt sei in der Tat vom Westen dominiert. Daraus ergebe sich auch, dass einige der für Venedig ausgewählten chinesischen Künstler zwar zu den innovativen Pionieren der chinesischen Gegenwartskunst gehörten, sich heute aber nur noch wiederholten.

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