CHINA-NEWS 22. Woche 2010

Eingebaute Zensur-Lizenz

Birgit Hopfener
3. Juni 2010

Während die Stimmung in Peking vergleichsweise gedrückt ist, scheint sich die Kunstszene in Schanghai zu neuen Höhen aufzuschwingen. Anders als in der Hauptstadt, wo selbst dem prominenten Kunstviertel Caochangdi die Abrissbirne droht, weil der Masterplan der Stadtregierung eine andere Nutzung des Gebiets vorsieht, scheint das offizielle Klima in Schanghai derzeit freundlicher. So ist schon allein die Tatsache, dass im Kontext der Weltausstellung Expo 2010 (1.5-31.10.2010) mehrere Positionen chinesischer Gegenwartskunst präsentiert werden, eine positive Nachricht. Alles ist unter den Bedingungen der Zensur besser als nichts – auch wenn vielerorts kritisiert wird, dass wieder einmal nur große Namen berücksichtigt werden. Nach Auskunft des Galeristen Lorenz Helbing (ShangART) haben die Schanghaier Künstler Ding Yi und Hu Jieming spezielle Projekte für kleinere chinesische Provinzpavillions geschaffen. Aber auch andere chinesische Künstler sind auf der Expo aktiv. Das nicht-kommerzielle Kunstprojekt Hipic wurde vom pakistanischen Pavillon, Xiang Liqing vom französischen Pavillon beauftragt, und Dänemark arbeitet mit Ai Weiwei zusammen. Ai dokumentierte die Reise der Meerjungfrau-Skulptur, dem Wahrzeichen Kopenhagens, nach China – die Plastik wird tatsächlich im dänischen Pavillon gezeigt – und bietet eine Liveschaltung aus dem Pavillon von China nach Dänemark. Aus Angst vor politischen Aktionen des Künstlers – Ai Weiwei gerät unter immer größeren Druck der Behörden, vor allem wegen seines Engagements für die Erdbebenopfer von Sichuan – mussten die dänischen Organisatoren der offiziellen chinesischen Seite das Zugeständnis machen, einen Schalter einzubauen, der die Liveübertragung im „Notfall“ sofort unterbrechen könnte. So sieht wohl der Preis für ein wirtschaftliches Engagement in China aus: Das Zensurwerkzeug ist vorauseilend mitzuliefern. Erstaunlich, worauf Demokratien sich einzulassen bereit sind.
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Doch auch außerhalb des offiziellen Programms bieten einige Institutionen Ausstellungen chinesischer Kunst. In der Schanghaier Galerie „Three on the Bund“ werden Gemälde von Yue Minjun, Fang Lijun und Ye Yongqing gezeigt, und der Künstler Gu Wenda eröffnete im Kontext eines großen Bauprojekts in einem Vorort von Schanghai sein „Green Calligraphy Art Project“. Besonders von sich reden machen derzeit aber zwei Neuzugänge in der Schanghaier Museumslandschaft. Das Rockbund Art Museum (RAM) befindet sich am berühmten Schanghaier Bund in einem Gebäude im Art Deco Stil von 1932, dessen Restauration und Innendesign vom britischen Architekten David Chipperfield vorgenommen wurde. Die Eröffnungsausstellung wurde von dem auch international bekannten Künstler Cai Guoqiang kuratiert (siehe Sabine B. Vogel: Weichgespült und abgerundet). Gleichzeitig eröffnete das Mingsheng Bank Art Museum, das von einer der größten chinesischen Banken Chinas gegründet, vollständig finanziert und auch betrieben wird. Neben dem Mingsheng Museum, das sich der Vermittlung zeitgenössischer Kunst verschrieben hat, unterhält die Bank in Peking seit 2007 das Yanhuang Museum, das chinesische Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zeigt.

Glaubt man Zhou Tiehai, einem vielbeachteten Künstler und Multiplikator in Schanghai (der 2007 maßgeblich an der Entwicklung und Durchsetzung der Kunstmesse SHcontemporary beteiligt war und heute Vizedirektor des Mingsheng Museums ist), besitzt die Bank derzeit zwar noch gar keine eigene Sammlung, plane aber sehr wohl, eine aufzubauen. Das lässt aufhorchen, denn die Preise für chinesische Gegenwartskunst machen eine solche Aktivität inzwischen zu einem teuren Prestigeprojekt. Zudem befindet sich, so Zhou Tiehai, die meiste hochwertige chinesische Kunst bereits in ausländischen Sammlungen. Dennoch spricht der Künstlerkommunikator seinem Museum große Potenziale zu. Er habe den Ehrgeiz, das Haus auf internationalen Standard zu bringen und einen engen Kontakt zur lokalen Gemeinde zu pflegen. Vor Kurzem wurde bekannt, dass das Museum in Zukunft mit dem Pekinger Center For Chinese Art (UCCA) kooperieren wird. Die beiden Organisationen werden etwa bei der Durchführung von Ausstellungen zusammenarbeiten, bei der Ausbildung von Angestellten und der Produktion von Publikationen. Obwohl beide Seiten dies klar dementieren, gibt es bereits Gerüchte, Mingsheng wolle das UCCA irgendwann ganz übernehmen. Auch im Umfeld der Expo bleibt der chinesische Kunstbetrieb ein Schlachtfeld der Globalisierung.
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Gewinner der Chinese Contempary Art Awards 2010

Soeben wurden die Gewinner der diesjährigen Chinese Contempary Art Awards bekanntgegeben. 1997 von Uli Sigg, dem Schweizer Sammler chinesischer Kunst, ins Leben gerufen, werden von einer international besetzten Jury aus Kunstexperten jährlich Preise in drei Kategorien vergeben. Der Preis der besten Künstlerin ging an die Malerin Duan Jianyu, als bester junger Künstler wurde der Multimedia-Artist Sun Xun geehrt, und der chinesische Vater der Videokunst, Zhang Peili, erhielt einen Preis für sein Lebenswerk.
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Mehr im Dossier  Kunst in China

Weichgespült und abgerundet von Sabine B. Vogel
Bei der Expo Shanghai haben die Aussteller Angst vor der Kunst. Künstlerische Eigenständigkeit gibt es nur in zwei Museen außerhalb der Expo zu sehen.


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