China-News 19. Woche

Die Erdung der Himmelssöhne

Zusammengestellt von Birgit Hopfener
7. Mai 2009
Peking. In Chinas Kunstbetrieb ist die Wertediskussion in Gang gesetzt. So reflektiert Yang Bingying im chinesischen Kunstmagazin „Dangdai Meishu Jia“ („Contemporary Artist“), welche Institutionen eigentlich den Ausschlag dafür geben, wer in der zeitgenössischen Kunst zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern zählt. Anlass ist für ihn die Pekinger Gruppenausstellung mit dem bezeichnenden Titel „Die Acht Söhne des Himmels“, in der im vergangenen Jahr unter anderem Werke der chinesischen Künstlerstars Zeng Fanzhi und Yue Minjun zu sehen waren. Wer aber, fragt Yang, hat diese Künstler zu „Himmelssöhnen“ geadelt? Waren es die Auktionshäuser, die Kunstkritik, das Publikum? Oder hat gar die Geschichte zu dieser Einschätzung geführt? Generiert sich der Wert von Kunst über Verkaufsstrategien von Galerien, lässt sich der Wert eines Kunstwerks heute noch über die traditionell ästhetische Kategorie des Schönen ermitteln, oder ist eine künstlerische Arbeit gut, wenn sie den Zeitgeist trifft? Bis vor Kurzem, das heißt vor Einbruch des Kunstmarkts, wurde die zeitgenössische Kunst in China vor allem nach ökonomischen Erfolgskriterien bewertet. Gründe hierfür sieht Yang in der durch die offizielle Seite vertretenen Ideologie des freien Marktes, die mit dem bekannten, häufig Deng Xiaoping zugeschriebenen Slogan „to get rich is glorious“ auf den Punkt gebracht werden kann.

Es ist bezeichnend, dass in China Künstler-Rankings nach dem Vorbild von Listen, wie sie etwa im WirtschaftsmagazinForbes“ von den 100 mächtigsten und reichsten Menschen der Welt veröffentlicht werden, als wichtige Orientierung bei der Bewertung von zeitgenössischer Kunst dienen. Yang lehnt derartige Listen nicht per se ab, steht ihnen aber sehr kritisch gegenüber. Da die Listen in erster Linie auf den Verkaufswerten beruhen, repräsentieren sie also ökonomische Wertmaßstäbe. Die Macht dieser Rankings wird laut Yang auf bedenkliche Weise manifestiert, wenn – wie im März 2008 geschehen – das „Hurun Report Luxury Business Portal“ einen Vertreter des chinesischen Kulturministeriums einlud, die Liste der erfolgreichsten Künstler zusammenzustellen. Kunst werde auf diese Weise offiziell als populäres Lifestyle-Produkt gefeiert, teure Kunstwerke fungierten dadurch in erster Linie als Statussymbol, um erfolgreiche Künstler werde ein Starkult betrieben. So entstünde der Eindruck, die Rankings spiegelten den populären Geschmack wider. Dabei seien sie in Wahrheit, so Yang, doch nur Instrument der wohlhabenden Gesellschaftsschichten, der Kunstsammler und -händler, die auf diese Weise ihren Wohlstand und ihren damit verbundenen Einfluss manifestierten. Kunstkritik und Kunstvermittlung, die hier als Regulativ auftreten könnten, seien in einem solchen geschlossenen System nahezu machtlos. Beide müssten seiner Meinung nach deswegen umso mehr gestärkt werden. Yang moniert, dass man aus den Rankings schließen könnte, es gäbe objektive Wertmaßstäbe. Dem setzt er entgegen, dass künstlerische Urteile tatsächlich immer subjektiver Natur seien. Wichtige Voraussetzung für die Herausbildung subjektiver Urteile aber sind seiner Meinung nach kulturelle Bildung und Erfahrung, denn ein künstlerisches Urteil basiere auf der Fähigkeit des Vergleichs. Funktionieren könnten solche Listen seiner Meinung nach, wenn sie nicht nur auf Verkaufspreisen beruhen, sondern auch andere Richtlinien einbeziehen würden, wie etwa die institutionelle Vernetzung und Sichtbarkeit von Künstlern in Ausstellungen.
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Peking. Ai Weiwei gilt mittlerweile als unangefochtener Meinungsmacher, im chinesischen Kontext, aber auch weit darüber hinaus. So lud ihn „Die Zeit“ sogar ein, aus chinesischer Perspektive zu reflektieren, inwiefern die USA nach der Wahl Barack Obamas eine neue Rolle im internationalen Mächtegeflecht spielen werden (29.04.09). Ai Weiweis zahlreiche Aktionen sind in erster Linie Engagement für mehr bürgerliche Mitbestimmung vor allem in China. Zuletzt machte er mit seinem Einsatz für die Erdbebenopfer in Sichuan von sich Reden, aber auch mit einem Schuhwurf auf das britische Parlamentsgebäude – eine ironische Hommage an den Schuhwurf eines Studenten auf den chinesischen Premierminister Wen Jiabao bei dessen Besuch in Cambridge. Während Ai Weiweis Tat in Großbritannien keine nennenswerten Reaktionen nach sich zog, wurde der Protest gegen Wen Jiabao in China als existentielle Bedrohung der Staatsmacht empfunden. Vor diesem Hintergrund plädiert Ai Weiwei an die offizielle chinesische Seite, Kritik hinzunehmen und die öffentliche Meinung nicht zu ignorieren. Die Kunst, insbesondere die traditionellen Formen wie Malerei und Skulptur, reichen nach Ai Weiweis Überzeugung nicht aus, um seiner Meinung den nötigen Ausdruck und das nötige Gehör zu verschaffen. In Blogs, Interviews und Artikeln kontinuierlich und öffentlich seine Meinung kundzutun, versteht er als Bürgerpflicht. Andernfalls werde man von der Gesellschaft und dem Establishment schnell missverstanden oder ignoriert.

Quellen:
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Mehr im Dossier  Kunst in China
Mehr im Dossier  Ai Weiwei – Archiv

Das Schweigen durchbrechen von Zusammengestellt von Birgit Hopfener
Chinas Regime verfolgt immer noch eine restriktive Informationspolitik. Das bekommt aktuell auch Ai Weiwei zu spüren, der einen regierungskritischen Dokumentarfilm drehen will.



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