China-News 17. Woche

Genesung wider Erwarten

Zusammengestellt von Birgit Hopfener
23. April 2009
ück in den chinesischen Kunstmarkt. Vor allem die erfolgreichen Sotheby‘s Auktionen vom 4. bis 7. April in Hongkong, aber auch die positiven Meldungen von chinesischen Auktionshäusern geben Anlass zur Hoffnung, dass die Bodenbildung des Marktes bereits stattgefunden hat. Bei der in Umfang und Schätzpreisniveau reduzierten Hongkonger Frühlingsauktion von Sotheby‘s sind die größten Erfolge in der Sektion moderne chinesische Malerei des 20. Jahrhunderts zu verbuchen. Dank dieser Anpassungen konnten wieder 80 Prozent der Lose verkauft werden. Besonders groß war die Nachfrage laut Sotheby‘s im hochpreisigen Bereich vor allem unter Bietern aus der VR China. So wurde die Ölmalerei Fishing Harvest des Künstlers Lin Fengmian (1900-1991), der in seiner Kunst traditionelle chinesische Malerei mit westlicher Ästhetik verbindet, zum weltweiten Auktionshöchstpreis von 16.340.000 Hongkong-Dollar inklusive Aufgeld (rund 2,1 Millionen US Dollar) verkauft, bei einer Taxe von 3 bis 3,5 Millionen Hongkong-Dollar. Doch nicht nur das Geschäft mit Chinas klassischer Moderne, auch der Handel mit der Gegenwartskunst scheint den Tiefpunkt überwunden zu haben. Insgesamt wurden 74 Prozent der Lose verkauft, in Zeiten der Krise ein beachtliches Ergebnis. In vielen Fällen wurden Verkäufe an der oberen Grenze der geschätzten Preise erzielt und darüber hinaus sogar einige Rekorde gebrochen. So gingen sowohl Arbeiten von Huang Yongping als auch von Sui Jianguo für Preise über den Auktionsblock, wie sie auf Versteigerungen bisher unerreicht waren. Huang Yongpings Arbeit Sixty-Year Cycle Chariot wurde für mehr als das Doppelte ihres Schätzwertes in Höhe von 1,5 Millionen Hongkong-Dollar bei 3.380.000 Hongkong-Dollar zugeschlagen, und eine Eisenskulptur von Sui Jianguo fand für 3.140.000 Hongkong-Dollar einen Käufer. Gute Ergebnisse erzielt weiterhin ein unbetiteltes Gemälde von Zhang Xiaogang, das 4.820.000 Hongkong-Dollar erbrachte, und zwei Werke von Yue Minjun. Dabei wurde die Arbeit Armed Forces aus der Serie "Hat" für 4.580.000 Hongkong-Dollar verkauft, während Archeology mit 2.060.000 Hongkong-Dollar fast das Dreifache des Schätzpreises erbrachte und damit alle Erwartungen übertraf. C.K. Cheung, Leiter der Sektion Chinesische Malerei bei Sotheby‘s, äußerte gegenüber China Daily, es sei ein sehr ermutigendes Zeichen, dass die Nachfrage nach qualitativ hochwertiger Kunst sehr groß sei, immerhin hätten drei Viertel der Lose die Schätzwerte überschritten. Viele der Sammler kämen aus der VR China und Europa, aber auch die Amerikaner kehrten allmählich zurück.
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Im Internet ist eine rege Debatte über die chinesische Gegenwartskunst entbrannt. „Die drei unheilbaren Krankheiten der chinesischen Kunst“ betitelt der Kritiker Liu Xiaolin seinen Artikel auf der Internetseite arts.tom.com, wo auch eine Replik seines Kollegen Lu Yitian nachzulesen ist. Liu kritisiert vor allem das Streben nach Ruhm und Reichtum, worin er den vorherrschenden Antrieb für das aktuelle künstlerische Schaffen sieht. Anstatt wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund zu stellen, was seiner Meinung nach nur zu inhaltloser Kunst führt, wünscht sich Liu die Rückkehr des Idealismus und plädiert außerdem dafür, gleichzeitig der künstlerischen Technik wieder verstärkt Beachtung zu schenken. Als Zweites beklagt er die Überheblichkeit vieler junger Künstler und die damit zusammenhängende Ignoranz, ja Abfälligkeit gegenüber der Kunst der älteren Generationen und Meister. Als dritte Krankheit diagnostiziert Liu einen Mangel an Intellektualität und Selbstkultivierung in der heutigen Malerei und Kalligrafie. Den traditionellen Prämissen der Literatenmalerei folgend, der es auf eine Erfassung des Geistigen ankommt, lehnt auch Liu die reine Formenähnlichkeit ebenso ab wie eine ausschließlich technische Versiertheit. Kunst besitze das Potential, die Welt auf andere Weise erfahrbar zu machen. Der Künstler könne in seinen Werken seinen subjektiven Wahrnehmungen Ausdruck verleihen, was der Rezipient nachempfinden könne. Obwohl sich Liu Xiaolin nach eigener Aussage auf Maler und Schriftkünstler, das heißt auf die althergebrachten chinesischen künstlerischen Ausdrucksmittel bezieht, lassen sich seine Ausführungen zumindest im ersten Punkt auch auf die zeitgenössische „experimentelle“ Kunst übertragen.

Wenngleich auch Lu Yitian den aktuellen Zustand der chinesischen Kunst für problematisch hält, ist er dennoch mit Lius Ausführungen nicht einverstanden. Liu begreift den Künstler nach traditionellem chinesischem Verständnis als Intellektuellen. Demgegenüber sieht Lu keinesfalls die gesamte chinesische Kunst im Niedergang, wenn es auch Künstler gebe, deren Intellektualität weniger ausgeprägt sei. Grundsätzlich geht es bei dieser Diskussion wohl auch um die Funktion und gesellschaftliche Verantwortung, die der Kunst in China traditionell und später nach sozialistischem Verständnis zugeschrieben wurde, ein Verständnis, das aufgrund des neuen Kunstsystems, also vor allem aufgrund eines mittlerweile etablierten Kunstmarktes, nicht mehr aktuell ist. So hält Lu auch Lius ablehnende Haltung gegenüber ökonomischen Interessen für falsch, schließlich seien wirtschaftliche Aspekte schon immer Teil der Kunstproduktion gewesen. Als historisches Beispiel aus anderen Regionen der Welt führt er hier die Rolle des aufstrebenden europäischen Bürgertums mit seiner Kunstförderung an. Nach Lus Meinung hat die Überbetonung wirtschaftlicher Aspekte in der offiziellen Politik Chinas allerdings negative Einflüsse auf die Kunst. Doch hält er es für naiv und wenig hilfreich, dies pauschal als die Ursache für die Krise der chinesischen Kunst zu bezeichnen. Wie schon der Künstler Zheng Qinyan, der sich für die Kunstvermittlung stark macht, plädiert auch Lu dafür, die Vermittlung von kunstrelevanten Themen in der Öffentlichkeit zu fördern, um auf diese Weise das Bewusstsein für Kunst und deren Belange zu steigern.
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