12. März 2009
Peking/Paris. Die Weigerung des chinesischen Sammlers
Cai Mingchao, die von ihm Ende Februar bei
Christie‘s ersteigerten qingzeitlichen Tierköpfe aus Bronze zu zahlen, ist in China ein heiß diskutiertes Thema. Dort hat sich die Affäre um die beiden Stücke aus der Sammlung
Yves Saint Laurent und
Pierre Bergé, die für 31 Millionen Euro brutto zugeschlagen wurden, zu einem Politikum ausgewachsen. Laut einer Reihe von Umfragen hält die Mehrheit der Chinesen Cais Handlungsweise für richtig. Hierzulande wird dies häufig pauschal als Ausdruck eines zunehmenden Nationalismus in China interpretiert und kritisiert, der mit der wachsenden ökonomischen und politischen Macht des Landes zusammenhinge. Doch welche Gründe verbergen sich im Einzelnen hinter der befürwortenden Haltung? Warum heißen die meisten Chinesen Cais Provokation für gut?
Grundsätzlich fühlt man sich in China im internationalen Machtgefüge benachteiligt. Viele sehen sich durch die sogenannte Erste Welt bevormundet und empfinden eine drastische Aktion wie die Cais als einzige Möglichkeit, sich aus der vermeintlichen Ohnmachtsposition zu befreien. Denn auch eine juristische Lösung, wie sie im Vorfeld der Yves Saint Laurent Auktion zwischen Christie‘s und dem chinesischen Staat gesucht wurde, hatte, so sagen viele Chinesen, ohnehin wenig Aussicht auf Erfolg. Denn das im Zusammenhang mit dem Thema „Beutekunst“ geltende internationale Recht ist nach chinesischer Meinung Ausdruck des seit Kolonialzeiten geltenden internationalen Machtungleichgewichts. Die entsprechenden Gesetzeskonventionen, so wird in diversen Internet-Diskussionsforen konstatiert, stammen aus dem Jahr 1995 und sehen vor, dass Rückgabeforderungen innerhalb von 50 Jahren gestellt werden müssen, ansonsten verjähren sämtliche Ansprüche. Alle Forderungen für Objekte, die vor dem Zweiten Weltkrieg entwendet wurden, finden somit keine juristische Berücksichtigung. Folglich sei abzusehen gewesen, dass Christie‘s den Prozess gewinnen würde, denn die bronzenen Tierköpfe wurden bereits während des zweiten Opiumkrieges 1860 von den französischen und britischen Truppen im Zuge der Zerstörung des Alten Sommerpalasts von dort erbeutet.
In den einschlägigen Internetforen meinen viele, Cai hätte darauf gezielt, dass die beiden Stücke nicht mehr weiterverkauft würden. Er selbst äußerte die Hoffnung, dass seine Aktion zum Präzedenzfall würde und bei zukünftigen Versteigerungen von Objekten mit ähnlich problematischer Provenienz weniger ignorant gehandelt würde. Bei der Mehrheit der Chinesen gilt Cai deshalb als Nationalheld und wird umso mehr bewundert, als er dafür beträchtliche persönliche Nachteile in Kauf nehme. So sei sein Ruf in der Branche für immer ruiniert, außerdem werde er die Kaution, die er bei Christie‘s hinterlegt haben soll, nicht zurückerhalten. Cai selbst hatte allerdings behauptet, dass er aufgrund seines bis dato guten Namens keine Kaution hinterlegen musste. Nur eine Minderheit der Stimmen in den chinesischsprachigen Medien und Diskussionsplattformen hält Cais Verhalten für falsch. Die Gewichtung von 72 Pro- und 28 Kontra-Stimmen auf der chinesischen Internetseite „NetEase“ (www.163.com) etwa spricht für sich. Cais Kritiker hingegen verurteilen seine Handlungsweise als rufschädigend für die chinesische Sammlerschaft und interpretieren seine Aktion als eigennützige und aufmerksamkeitsheischende Strategie.
Doch wer ist Cai Mingchao? Zum einen ist er Geschäftsführer des Auktionshauses Harmony Art International Auction Company im südchinesischen Xiamen. Zum anderen ist er Privatsammler und hat bereits in der Vergangenheit mehrfach das öffentliche Interesse erregt, weil er in internationalen Auktionen ursprünglich aus China stammende Objekte ersteigert hatte, um sie auf diese Weise an sein Heimatland zurückzugeben. Da er bei diesen Gelegenheiten stets seine Beraterfunktion im privaten Fonds für chinesische Nationalschätze erwähnt hatte – der explizit für die Rückkehr von Raubkunst nach China eintritt – wird insbesondere im Land selbst gemutmaßt, Cai habe im Auftrag höherer Stellen, eventuell sogar in Zusammenarbeit mit offiziellen Behörden agiert. Dies wird jedoch auf der Internetseite der zuständigen staatlichen Behörde für Kulturerbe (Zhongguo Wenhuaju) nachdrücklich dementiert. Die Aktion sei rein privat motiviert gewesen, gab der Direktor der Behörde Shan Jixiang gegenüber der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua am vergangenen Freitag an.
Generell wird der Preis für die zwei zur Diskussion stehenden Tierköpfe in den chinesischen Medien ohnehin als überzogen bezeichnet. Einige verstehen Cais Zahlungsweigerung auch als Aufforderung, keine überteuerten Antiquitäten mehr auf westlichen Auktionen zu kaufen. So soll der Preistreiberei, die aus der großen Nachfrage vor allem aus China stammender Sammler resultiert, Einhalt geboten werden. Andere chinesische Stimmen sind der Meinung, dass es einer zweiten Ausbeutung gleichkomme, wenn man gestohlene Kulturgüter zu überhöhten Preisen zurückkaufe. Bei den bronzenen Tierköpfen handelt es sich auch nicht um hochwertige Antiquitäten. Sie waren im Ursprung lediglich schmückende Ausstattung für die sogenannte „Hai Yan Tang“-Architekturgruppe im Alten Sommerpalast aus dem 18. Jahrhundert. Hauptverantwortlich für die Entwürfe war der damals am chinesischen Kaiserhof lebende italienische Jesuit Giuseppe Castiglione (1688-1766). Die Tierköpfe waren Teil des Ensembles „Da Shui Fa“, einem Brunnen im europäischen Stil, der mit den zwölf Tierkreiszeichen der chinesischen Astrologie dekoriert war.
Grundsätzlich, so wird in diversen Diskussionsforen gefordert, solle man nicht zu viel Energie in die Diskussion um die Rückgabe dieser vergleichsweise unwichtigen bronzenen Tierköpfe stecken. Vielmehr gelte es, sich auf höherer Staatsebene um die wirklich bedeutenden chinesischen Kulturschätze zu bemühen, die sich in westlichen Sammlungen befinden. In diesem Kontext wird vielfach betont, dass es nicht darum gehen solle, möglichst viele der verlorenen Antiquitäten zurückzukaufen. Viel wichtiger sei, dass von staatlicher Seite strengere juristische Maßnahmen gegen den Schmuggel antiker Objekte ergriffen würden.