China-News 10. Woche 2010

Die Ökonomie der Abrissbirne

Zusammengestellt von Birgit Hopfener
11. März 2010
Die Kunstszene in Peking ist wortwörtlich – und höchst unfreiwillig – in Bewegung geraten. Unter dem Druck der offiziellen Stadtplanung, bei der es wohl vor allem um Profitinteressen geht, sind auch etablierte und länger bestehende Künstlerdörfer von der Abrissbirne bedroht. Gerüchten zufolge ist auch Caochangdi, eines der profiliertesten Kunstviertel und Wohnort von berühmten chinesischen Künstlern wie etwa Ai Weiwei, betroffen. In ihrer Existenz aktuell bedroht sind die Viertel Zhengyang Creative Art Zone und der 008 Art District im Nordosten von Peking. In den internationalen Medien wurde über die Proteste der Bewohner berichtet, die – nachdem sie gewaltsam unter Druck gesetzt worden waren, um Platz für gewinnträchtigere Projekte zu machen – in Pekings Innenstadt demonstrierten und auf Bannern ihre Bürgerrechte einforderten. Unterstützt wurden sie dabei auch von Ai Weiwei.
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Der Kurator Zhu Qi äußert sich in einem Artikel auf ionly.com.cn skeptisch angesichts der Künstlerproteste. Er hält sie für wirkungslos, da sie die tatsächlich Verantwortlichen nicht zur Rechenschaft zögen. Diese seiner Meinung nach harmlosen Proteste seien Ausdruck des Dilemmas und der Machtlosigkeit, in der sich die Künstler bzw. Bewohner der betroffenen Viertel befänden. Theoretisch, so schreibt Zhu Qi, bestünde im Falle einer Rechtsverletzung die Möglichkeit, sich an ein lokales Gericht zu wenden, um dort Anklage zu erheben. Dies habe aber aufgrund von Korruption und der gängigen Praxis einer „Zusammenarbeit“ von offiziellen Seiten, Geschäftsleuten und Kriminellen wenig Sinn. Hinzu kämen Schlupflöcher im Gesetz sowie die Tatsache, dass Fälle jenseits von Mord oder Massenaktivismus in der Regel von der Regierung ignoriert würden. Vor diesem Hintergrund bliebe eigentlich nur der Ausweg der Gewalt, um ein bestimmtes Interesse durchzusetzen. Dass Betroffene jedoch so selten Zuflucht bei gewaltsamen Lösungen suchten, offenbare die Machtlosigkeit der Opfer von Staatswillkür. Zum einen könnten gewaltsame Aktionen in der Regel nichts gegen die professionellen Schläger ausrichten, die von den Verantwortlichen der Abrissaktionen beauftragt würden. Zum anderen würden die Initiatoren von überregionalen Aktionen schnell in den Verdacht geraten, politisch zu agieren, worauf die Regierung in der Regel mit Gewalt antwortet. Es scheint also kaum Handlungsspielraum zu geben, so beklagt Zhu Qi, zumal viele Künstler diesen in den vergangenen Jahren sogar noch verringert hätten, weil sie weit mehr an ihrem eigenen anstatt am Gemeinwohl interessiert wären. Erschwerend kommt für Zhu Qi hinzu, dass es den Betroffenen nicht nur an Macht und Geld mangelt, sondern auch an Unterstützung in der breiten Bevölkerung, da hier das Bewusstsein für diese Problematik fehle. Deswegen sei ein effektiver Protest zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich und der Kampf gegen den drohenden Abriss nicht zu gewinnen. Zhu Qi fordert in seinem Artikel dazu auf, die Probleme an der Wurzel zu packen. Für ihn heißt das, daran mitzuarbeiten, dass ein öffentliches Bewusstsein entsteht für die politischen und ökonomischen Einstellungen und Motivationen derjenigen, die hinter den Abrissaktionen stehen.
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Dass in China die meisten politischen Entscheidungen von wirtschaftlichen Interessen getragen werden, erklärt auch die zunächst widersprüchlich scheinende Tatsache, dass die chinesische Regierung zwar Kunstviertel abreißen lässt, zugleich aber den Marktwert von Kunst erkannt hat und in diesem Kontext prestigeträchtige Projekte fördert. So zum Beispiel das neue architektonisch durchaus aufregende Kunstviertel in Songzhuang, das in Zukunft 25.000 Künstler beherbergen soll. Auch in der Expo-Stadt Schanghai unterstützt die Regierung ähnliche Projekte. Der Sektor Kulturindustrie zählt zu den wichtigsten Pfeilern der Stadtplanung. Mit insgesamt 81 von der Stadt geförderten „Creative Parks“ hat sich Schanghai offiziell bei der UNESCO als „Design Stadt“ und um entsprechende Mittel beworben. In Wirklichkeit sind die meisten sogenannten „Creative Parks“ inhaltsleere Bühnen für Lifestyleprodukte, bei denen es keine Berührung mit der Bevölkerung gibt. Das Interesse an Design ist ohnehin sehr gering. Die meisten „Creative Parks“ sind Ansammlungen von Boutiquen und Restaurants sowie Büros von Firmen aus der Werbe- und Designbranche. Viele sagen, dass darin der Grund für die kreative Kälte dieser Viertel liegt, denn die meisten Künstler meiden eher die Nähe zur Werbeindustrie, als dass sie diese suchen.
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Bislang waren die Ressourcen, um breitere Informationen zur chinesischen Gegenwartskunst zu erhalten, überschaubar. Nun scheint sich auf diesem Gebiet etwas zu tun. So wurde beispielsweise gerade die Internetseite www.artspeakchina.org ins Leben gerufen. „Artspeak“ ist eine bilinguale Internetseite (englisch-chinesisch), die bislang u.a. eine als wiki angelegte Enzyklopädie umfasst sowie eine Zeitleiste mit den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte der zeitgenössischen chinesischen Kunst. Die Seite soll in naher Zukunft ausgebaut und um zusätzliche Angebote erweitert werden. Hinter der neuen, ebenfalls chinesisch-englischsprachigen Zeitschrift „Leap“ steht als Herausgeber Philip Tinari, wichtiger Akteur und langjähriger Kenner der chinesischen Kunstszene. Nach eigener Auskunft soll sich das Magazin von vergleichbaren Publikationen abheben, indem es kritischer über chinesische Kunst oder über Kunst und China berichtet – seit dem Auktionsboom im Jahr 2006 gibt es in Peking zahlreiche Kunstzeitschriften. Die soeben erschienene erste Ausgabe von „Leap“ enthält Interviews, Künstlerprofile, Ausstellungsbesprechungen und einen Rückblick über die chinesische Kunst der vergangenen zehn Jahre. Auf der Internetseite „Redboxstudio“ wurde das Magazin wegen seiner Mixtur aus Ernsthaftigkeit und einem popkulturellen Ansatz jedenfalls als vielversprechend begrüßt.
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