6. Januar 2010
Noch bis zum 23. Januar findet derzeit in Shenzhen und Hongkong die
Shenzhen & Hong Kong Bi-city Biennale of Urbanism/Architecture statt. Shenzhen feiert dieses Jahr den 30. Jahrestag seiner Gründung als Sonderwirtschaftszone und bildet damit den Schwerpunkt der Veranstaltung. Das einstige kleine Fischerdorf hat sich innerhalb dieser Zeit zu einer Metropole entwickelt, in der heute mehr als 10 Millionen Menschen leben. Shenzhen ist somit in gewisser Weise Modell und Geburtsort, wie es auf der Webseite der Biennale heißt, der rapiden urbanen und ökonomischen Entwicklung, die heute nahezu ganz China erfasst hat. Die Veranstaltung hat sich den Titel „Mobilization of the City“ gegeben und damit ein demokratisches Anliegen. So beklagt der Kurator, dass es derzeit an einer zentralen Macht, an spiritueller Solidarität und praktischer Organisation mangele. Vor diesem Hintergrund soll die Biennale die Möglichkeit einer effektiven sozialen Mobilisierung erproben und konzentriert sich daher auch nicht auf die Präsentation spektakulärer Architekturmodelle, sondern vielmehr auf die Untersuchung und Visualisierung von sozialen und politischen Strukturen innerhalb des Stadtgefüges.
Die Biennale findet im gesamten Stadtraum statt, auf öffentlichen Plätzen, in Einkaufszentren und im Rahmen des sogenannten Odyssee Projekts sogar jenseits der beteiligten Städte. Für dieses Projekt wurden neun chinesische Autoren beauftragt, sich literarisch mit berühmten Bauwerken außerhalb Shenzhens zu befassen. Zu den teilnehmenden bildenden Künstlern gehören unter anderem Liu Xiaoliang, der aus Stahl detailgetreue Modelle chinesischer Architekturen baut, der Pekinger Installationskünstler Wang Wei, die südchinesische Künstlergruppe Yangjiang Group sowie die Architekten Urbanus und MAD. Daneben umfasst die Biennale auch ein Filmprogramm zu den Themen Urbanisierung und Architektur, das teilweise öffentlich als Open-Air-Format zu sehen ist, sowie eine Retrospektive zum Werk des chinesischen Architekten Hsia Changshi. Kuratiert wurde diese dritte Ausgabe von Ou Ning, der international zudem auch als Designer und Autor bekannt ist. In China initiierte er in den vergangenen Jahren die Ausstellungsreihe „Get it Louder“, bei der er junge Künstler und Designer mit chinesischem Hintergrund an den Schnittstellen beider Disziplinen vorstellte. In Europa war er im Rahmen der zweiteiligen Ausstellungsreihe „China Power Station“, die 2006 von der Londoner Serpentine Gallery in Kooperation mit dem Astrup Fearnley Museum of Modern Art in Oslo initiiert wurde, für den Bereich Sound zuständig.
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Die Ausrichtung der offiziellen Stadtentwicklung Chinas nach ökonomischen Kriterien hat auch Konsequenzen für die Kunstszene: In Peking sind immer wieder Künstlerdörfer vom Abriss bedroht, deren Grund und Boden im Entwicklungsplan für eine andere, gewinnbringendere Bauentwicklung vorgesehen sind. Im Sommer 2009 berief die lokale Regierung des Bezirks Chaoyang in Peking eine Versammlung über den Ausbau und die Urbanisierung von ländlichen Grundstücken in Stadtrandlage ein. Im Zuge dieser Urbanisierungspläne droht einigen Kunstvierteln, so auch dem international bekannten Galerienviertel Caochangdi, der Abriss. Denn nach geltendem chinesischem Eigentumsgesetz ist die Regierung befugt, Grundstücke und Immobilien gegen Abfindungszahlungen zu übernehmen, sollte ein „öffentliches Interesse“ daran bestehen. Es liegt auf der Hand, dass sich an der Auslegung dieser Formulierung heftige Konflikte entzünden. Chinesische Immobilienunternehmen nutzen die schwammige Gesetzeslage für ihre kommerziellen Interessen. Oft beziehen sie die Betroffenen nicht in ihre Abrisspläne ein, wodurch Bewohner mitunter erst sehr spät vom drohenden Verlust ihrer Häuser erfahren.
In der Vergangenheit entstanden gerade viele Künstlerdörfer in Stadtrandlage, die jetzt, im Zuge des urbanen Wachstums, auch für Unternehmen attraktiv wird. 798 etwa wurde durch die Initiative von Künstlern zu einem internationalen Kulturzentrum. Hier konnte der drohende Abriss abgewehrt werden, da die Regierung letztendlich die Bedeutung von 798 erkannte und die ehemalige Fabrikanlage unter Denkmalschutz stellte. Zunächst hatte es so ausgesehen, als hätte der Bezirk ein positives Beispiel erfolgreicher Entwicklung sein können. Doch der kommerzielle Erfolg des Projektes führte dazu, dass sich die Mieten in atemberaubende Höhen schraubten, wodurch viele Künstler dazu gezwungen wurden, ihre Ateliers aufzugeben und sich in der näheren Umgebung nach günstigeren Standorten umzusehen. So entstanden in der Nähe eine Reihe neuer Kunstviertel, darunter in Huan Tie, Fei Jia Cun, Suo Jia Cun, Cao Chang Di, Dong Ying oder Jiang Fu. All diese Dörfer gehören zum Bezirk Chaoyang, der Teil des Stadtentwicklungsplans der Regierung ist. Wie hier die Zukunft aussehen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt unentschieden: Wird es den Künstlern gelingen, durch Verhandlungen mit Regierung und Unternehmen den Abriss ihrer Ateliers zu verhindern, oder werden sie auch in Zukunft gezwungen sein, immer wieder umzuziehen?
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Ai Weiwei setzt nach seinem längeren Europa-Aufenthalt – unter anderem anlässlich seiner Einzelausstellung im Münchner Haus der Kunst – seine Aktivitäten gegen das autoritäre chinesische Regime fort. Auf der Webseite „China Digital Times“ finden sich aktuell in englischer Übersetzung Auszüge eines Gesprächs, das Ai Weiwei zum Thema „Bürgerecht und Freiheit“ am 17. Dezember online mit Teilnehmern der zum unabhängigen Blog „China Free Press“ gehörenden Internetplattform „Canyu.org“ (Partizipation) geführt hat. Er bekräftigt darin sein kompromissloses Eintreten für Freiheit und Demokratie. Auf die Frage, was er von der Regierung bzw. den chinesischen Bürgern hinsichtlich der Themen Freiheit und Bürgerrechte erwarte, gibt er zur Auskunft: „Die Weisheit der Regierung besteht momentan darin, sich tot zu stellen. Weises Verhalten der Bürger ist es, der Regierung in den Hintern zu treten, gleichgültig, ob diese sich tot stellt oder wirklich tot ist.“ Ein anderer Teilnehmer wollte wissen: „Glauben Sie, es gibt noch Hoffnung für China? Meinen Sie, die nächsten Reformen werden von oben oder von unten kommen?“ Ai Weiweis Antwort lautete: „Ich hatte niemals irgendeine Hoffnung für China. Ich wehre mich einfach nur gegen die Hoffnungslosigkeit, die mir China aufzwingt.“ Auf die Frage, warum er weiter gegen die Restriktionen der Regierung kämpft und China nicht einfach verlässt, sagt er: „Wenn ich dieses Land, in dem ich lebe, aufgebe, habe ich auch den Grund verloren, in ein anderes Land zu gehen. Wenn ich meinen gegenwärtigen Weg aufgeben würde, gäbe es keinen anderen Weg, den ich in Zukunft gehen könnte.“ Ai Weiwei appelliert an seine Mitbürger, ihrer Meinung Ausdruck zu verleihen und sich mit anderen zusammenzuschließen, um Widerstand gegen den Einfluss der Regierungspropaganda, die jeden Winkel der Gesellschaft zu durchdringen scheint, zu leisten. Bisher fordern in China angeblich nur fünf Prozent der Bevölkerung ein demokratisches System. Auf die Frage, was diese wenigen tun sollen, erwidert Ai Weiwei knapp: „So schnell wie möglich sechs Prozent erreichen.“
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