4. Mai 2006
„China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft“ im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin. Bis zum 14. Mai 2006 Die zeitgenössische chinesische Kunst hat in den letzten 25 Jahren eine atemberaubende Entwicklung genommen. Gestartet am Ende der 1970er Jahre nach dem Sturz der „Viererbande“ und sozusagen vom Nullpunkt aus, entwickelte sie sich mit fast unheimlicher Geschwindigkeit und hat heute mit flächendeckender Präsenz in Galerien und internationalen Ausstellungen rund um die Welt eine beeindruckende Position erreicht. Gleichzeitig sind die Künstler durch die Einbindung in das internationale Kunstgeschehen Verführungen und Zwängen ausgesetzt, die mitunter ihre Arbeiten allzu glatt und unverbindlich ausfallen lassen. Die ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen mit ihren vielfältigen Auswirkungen wie z.B. der Vernichtung von traditionellen Stadtteilen und Kulturgütern oder die Hochstilisierung des Geldes zum singulären Ideal stellen die chinesische Gesellschaft sowie das Individuum vor hohe Herausforderungen und Schwierigkeiten.
In der Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Fotografie im Haus der Kulturen in Berlin lassen sich an einigen ausgewählten Arbeiten besonders gut die Reaktionen chinesischer Künstler auf die Veränderungen der letzten 10 Jahre ablesen und auch die Unterschiedlichkeiten im Herangehen der verschiedenen Künstlergenerationen beobachten. Es handelt sich übrigens durchgehend um Positionen von Künstlern, die in den großen Städten des Ostens (Beijing, Shanghai) und Südens (Guangzhou) leben und arbeiten.
Anfang der 1990er Jahre finden sich in vielen Künstlerfotografien deutlich dokumentarische Aspekte, die sich unter anderem in der Verwendung von Schwarzweiß-Filmen widerspiegeln. So liefert Liu Zheng (geb. 1969) in den über 130 Fotografien seiner Serie „The Chinese“, 1994-2001, eine in jahrelanger Recherche entstandene Bestandaufnahme der chinesischen Gesellschaft, die es so vorher nicht gegeben hat. Auch Tabuthemen wie den Tod bezieht er dabei mit ein, wie die Aufnahmen von Unfallopfern zeigen. Die technisch perfekten Aufnahmen (jeweils 36,8 cm x 36,8 cm) sind von nüchterner Anteilnahme geprägt und weisen Sandersche Qualitäten auf.
Die gezielt inszenierten Gruppenfotos von Zhuang Hui (geb. 1963) sind 1996/97 mit einer geliehenen Panoramakamera entstanden. Die ungewöhnlichen horizontalen „Rollbilder“ zeigen ganze Arbeitseinheiten, das heißt gesellschaftliche Gruppen wie zum Beispiel die Bewohner eines Dorfes, Schulklassen, Polizisten, das Klinikpersonal eines bestimmten Krankenhauses oder die Belegschaft einer Energieversorgungsgesellschaft. Mit diesem Konzept legt der Künstler, der übrigens immer am Rande der Gruppenfotos zu sehen ist, die Brüche innerhalb der chinesischen Gesellschaft offen. Bewusst greift er im Stil auf die gestellten Gruppenfotos der 1920er Jahre wie auch auf die Frontalfotografien der Mao-Ära zurück. Allerdings zeigt sich bei näherer Betrachtung die leere Hülle dieser Fotografien, die keine Einheit mehr garantiert oder vorgibt. Sie hat einer neuen Individualität Platz gemacht, die sich in den Gesichtern widerspiegelt. Gleichzeitig ist das Individuum auf sich gestellt und muss mit den Herausforderungen umgehen lernen.
Yang Yong (geb. 1975) verkörpert eine ganz andere junge Künstlergeneration: Seine Fotografien der Serie „Diary of Cruel Youth“, 2001 – zumeist farbig und groß, oft Lastwagenfolie mit einem Ausmaß von über 2 Metern – und weisen bewusst eine gewollte Kunstlosigkeit wie auch die Nähe zur Werbefotografie auf . Der Künstler stellt flanierende Mädchen in den Boomtowns des Südens wie Shenzhen oder Guangzhou in ihrer Umgebung dar. Die Fotografien zeigen die Auswirkungen eines zunehmenden Konsumismus und einer wachsenden Kapitalisierung der VR China. Die abgebildeten jungen Mädchen spielen sich selbst in ihrem Großstadtalltag; ihr Leben besteht aus Shopping, Büro, Zurechtmachen, Flanieren, die eigene Langeweile pflegen und weist dabei aber totale inhaltliche Leere auf. Der Künstler selbst schreibt in seinem Statement im Katalog, dass die Frage nach der (Schein)-Identität und scheinbarer Virtualität ihn am meisten an diesen Aufnahmen fasziniert.
Anfang des 21. Jahrhunderts greifen chinesische Künstler mit zunehmender Beschleunigung der Veränderungen verstärkt auf Inszenierungen von Historie oder surreal-märchenhaften Phantasievorstellungen zurück. Wang Qingsong (geb. 1966) hinterfragt in seinem großformatigen, farbigen Tryptichon Past, Present, Future, 2001, nachdenklich wie ironisch die Errungenschaften der chinesischen Geschichte – aber ebenso die Zukunft. Er greift bei der Darstellung von Gegenwart und Vergangenheit (links und rechts der Zukunft positioniert) auf Denkmäler des Sozialismus aus der Maozeit am Tian-Anmen-Platz zurück und positioniert seine Schauspieler wie in früheren Zeiten auf Marmorpodesten. Allerdings sind diese sämtlich künstlich. In der Vereinheitlichung der Soldaten (Vergangenheit) durch aufgetragenen Schlamm oder der Versilberung der Arbeiter (Gegenwart) wird die nur scheinbar emphatische Geste der Aufstellung ironisiert. Ebenso entsprechen Haltung und Geste wie auch das Inventar der Schauspieler durchaus nicht der Einheitlichkeit des Originals.
Sich selbst stellt Wang Qingsong unnatürlich verkleinert ins Bild: einmal als verwundeten, bandagierten Soldaten mit Blumenstrauß, einmal als Tourist mit Pet-Dog. Während Vergangenheit und Gegenwart seitwärts ausgerichtet sind, sehen wir uns der Zukunft in Gestalt verschiedenster mit Goldpulver überzogener Protagonisten inklusive des Künstlers direkt gegenüber, werden selbst zum Teil der Zukunft. Gesichter und Gesten sind abwartend, skeptisch und besorgt. Wang Qingsong sieht, so sagt er, China als ein Land ohne Ideale, in dem die Gier nach Geld und Macht alte Ideale und Hoffnungen ersetzt hat. Für Qingsong ist China wie eine schöne Frau, die eine Schönheitsoperation hinter sich hat: Alles ist Fake, die Zukunft steht auf tönernen Füssen.
In der Filmreihe „celluloid revolutions“ im Haus der Kulturen der Welt zeigt der Kurator und Filmemacher Ou Ning (Guangzhou) am 4. Mai 2006 den Film „moments/houjie township“ und am 5. Mai 2006 Künstlerfilme von Wang Xiaoshuai, Cao fei und Ou Ning und anderen zu den rasanten Urbanisierungsprozessen und Veränderungen am Perlflussdelta und in der Umgebung von Guangzhou. Jeweils um 20 Uhr.