Charité und DRK-Klinikum streiten um Baselitz-Triptychon

Entführte Lebenskraft

Petra Henninger
19. August 2005
Als Prof. Dr. Ernst Kraas – Chefarzt am DRK-Klinikum im Berliner Westend – 2001 seine Stelle antrat, fiel ihm auf, dass das Triptychon des Malers Georg Baselitz mit dem Titel Lebenskraft nicht mehr an dem für ihn bestimmten Platz hing. Kraas, der Jahre zuvor als Assistenzarzt an dem Klinikum gearbeitet hatte, kannte das Bild gut – war er doch damals täglich daran vorbeigegangen. Wie er berichtet, saßen die Leute mit Zahnschmerzen und dicker Backe direkt unter dem Gemälde, denn hinter der Wand, an dem das Triptychon damals noch ganz ungeschützt hing, befand sich die Notaufnahme der zahnmedizinischen Abteilung.

Ende der 1960er Jahre wurde das damalige Charlottenburger Krankenhaus am Spandauer Damm weiter ausgebaut. Nach dem Entwurf von Peter Poelzig und unter der Projektleitung des Architekten Josef Paul Kleihues, der damals im Büro Poelzig arbeitete, entstand ein Hochhausneubau. In der Eingangshalle plante Kleihues dezidiert einen Platz für zeitgenössische Kunst ein. Dazu wurden drei Nischen in der Pfeilerarchitektur der Eingangshalle gelassen, die Platz für eine künstlerische Arbeit boten und für deren Ausstattung es Ende der 60er Jahre einen beschränkten Wettbewerb gegeben hatte, ausgelobt vom Bauamt Charlottenburg. Kleihues schließlich setzte sich vehement für die Auswahl des Triptychons von Baselitz ein, der damals noch wenig bekannt war. Seine zu diesem Zeitpunkt erstmals in umgedrehter Form präsentierten Gemälde stießen noch auf breites Unverständnis.

„Im Oeuvre von Baselitz kommt dem Bild Lebenskraft eine besondere Stellung zu“, sagt Anne Marie Freybourg, Kunstwissenschaftlerin und Beraterin des Fördervereins Kunst in den DRK Kliniken Berlin Westend, „denn es ist im Gegensatz zu anderen Gemälden aus dieser Zeit ein idyllisches, heiteres Bild und erst das zweite oder dritte, das er auf dem Kopf gemalt hat.“ Baselitz also schuf 1970/71 aus Mitteln für Kunst am Bau besagtes Triptychon exakt für jenen Ort. Dem Vorhaben flossen damals circa 20.000 DM von Seiten der öffentlichen Hand zu.

Prof. Dr. Ernst Kraas, der sich sehr für die Vermittlung von Kunst am DRK Klinikum einsetzt, begann 2001 Nachforschungen über den Verbleib des Bildes anzustellen. Wie Die Welt am 11. August 2005 berichtete, suchte man das Kunstwerk im Keller wie auch in den Depots des Klinikums vergeblich, denn es befand sich mittlerweile im Vorzimmer des ärztlichen Direktors des nun zur Charité gehörigen Virchow-Krankenhauses und war damit den Blicken der Öffentlichkeit bis auf Weiteres entzogen. Hierhin war das Werk 1991 im Zuge der Umstrukturierungen der verschiedenen Berliner Universitätskliniken verbracht worden, aus denen sich laut Auskunft der Pressesprecherin der Charité, Frau Kerstin Ullrich, auch der Eigentumsanspruch von Seiten der Charité ergibt. Sie teilte am Telefon mit, dass bezüglich der Eigentumsfrage bereits zwei Gerichtsurteile vorlägen, die die Eigentumsfrage eindeutig zu Gunsten der Universität bzw. der Charité entschieden hätten.

Ohne diese Eigentumsfrage antasten zu wollen, ist aus Sicht von Fachleuten der neue Standort mit der Tatsache, dass das Werk aus Mitteln für Kunst am Bau finanziert und 1970/71 für einen ganz bestimmten Ort geschaffen wurde, nicht recht zu vereinbaren. Derzeit befindet sich das Werk sogar wieder an seinem ursprünglichen Standort, denn die Charité hat es anlässlich des 100jährigen Jubiläums des Klinikums im Westend im Sommer 2004 dorthin ausgeliehen. Allerdings fordert sie das Werk, dessen Wert – wie man munkelt – mittlerweile auf ca. 3 Millionen Euro angestiegen ist, bis zum Ende der offiziell vereinbarten Leihfrist am 24. August 2005 zurück.

Zur Stunde hoffen Prof. Dr. Ernst Kraas und auch der Förderverein auf ein Machtwort von Seiten des Berliner Senators für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Herrn Dr. Thomas Flierl, der kürzlich in diesem Streit eingeschaltet wurde. Es bleibt zu hoffen, dass ein solches Machtwort fällt, denn dann könnte das Triptychon Lebenskraft, dessen Platz auch Baselitz selbst ganz eindeutig in der Eingangshalle des Hochhausneubaus des jetzigen Berliner DRK Klinikums sieht, an diesem Ort verbleiben und müsste für den Rücktransport in die Charité nicht erneut abgespannt werden. Im Westend wäre das Kunstwerk dann auch weiterhin einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich, als wenn es zukünftig wieder im Vorzimmer des ärztlichen Direktors des Universitätsklinikums Charité hinge.


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