Candice Breitz in der Temporären Kunsthalle Berlin

Wallfahrt zur Monotonie

Gerrit Gohlke
31. Oktober 2008
Candice Breitz – „Inner + Outer Space“, Temporäre Kunsthalle Berlin. Teil 1: 30. Oktober bis 27. November 2008; Teil 2: 28. November bis 28. Dezember 2008

Es gibt Ausstellungen, bei denen sich die ungehörige Frage lohnt, wozu es sie eigentlich gibt. Nicht als polemischer Einwand gegen die Kunst, die sie zeigen. Nicht als grundlegender Zweifel am ausstellenden Institut. Warum aber beispielsweise in der herbeigesehnten Temporären Kunsthalle Berlin die Eröffnungsausstellung von Candice Breitz bestritten wird, ist ein vernünftig schwer zu entschlüsselndes Denksportproblem. Noch bevor man feststellt, dass Breitz schon 2002 in Berlin ihre erste größere institutionelle Ausstellung in Deutschland hatte und ihre in der Kunsthalle gezeigten Arbeiten prominent bereits an anderer Stelle zu sehen waren, muss man sich fragen, ob es nicht allein schon in Berlin dutzende andere Orte gäbe, an denen diese Werke ebenso gut gezeigt werden könnten. Die für den Betrachter ernüchternde, die gemeinnützige Cube Kunsthalle GmbH aber niederschmetternde Antwortet lautet: Dieses Projekt passt an so gut wie jeden Ort. Es könnte eines der glatten, kontextlosen Angebote jedes um Besucherquote bemühten Museums sein. Berlin hat neben dem großen nun auch den kleinen Hamburger Bahnhof. Das Publikum sieht, was es sowieso schon kennt, mit Verspätung nochmal. So neu das Gebäude, so alt das in ihm bemerkbare Syndrom.

Das ist keineswegs eine Kritik an Candice Breitz, einer Künstlerin, die imstande ist, aus der bloßen Widerspiegelung medialer Erwartungen erzählerische Vexierbilder zu formen. In ihrer legendären Installation Alien (Ten Songs from Beyond) von 2002 ließ sie beispielsweise deutsche Muttersprachler a cappella deutschlandtypisches Liedgut singen, angefangen beim Deutschlandlied, aufgehört bei Hänschen klein, Jugenderinnerungen mischten sich mit Nationalpathos-Assoziationen. Zu sehen freilich waren in der Videoinstallation singende Migranten verschiedenster Herkunft, deren Gesichtern und Mimik die Aufnahmen untergeschoben wurden, während am unteren Bildrand der Inhalt der Gesänge in Untertiteln zu lesen war und ein hinterhältiges Spiegelbild der Betrachtererwartungen entstand. Durfte man dem Schwarzafrikaner im Kreuzberger Victoriapark etwa das entschlossen vorgetragene Deutschlandlied nicht zutrauen? War die klaffende Lücke zwischen Text, Physiognomie und Klang nicht vor allem eine Spaltung im Fassungsvermögen des Publikums? Ähnlich ist es bei Breitz‘ neueren Arbeiten, in denen sie das Publikum pop-industrieller Ikonen wie Michael Jackson und Madonna bei der Nachahmung seiner Helden zeigt. Im geschlossenen System des Karaoke-Gesangs entlarvt sich die Inbrunst industrieller Musik von selbst. Der Fan verfällt in die Mimik des Stars, trägt Teile seines Kostüms, singt und windet sich in dessen Erscheinung hinein. Er wird dabei keineswegs denunziert, die Entfernung zwischen der eigenen körperlichen Erscheinung und dem Bild, dem sie sich angleichen will, ist so sichtbar wie sonst selten irgendwo.

Ist es also doch eine gute Idee, der in Berlin lebenden, 1972 in Johannesburg geborenen Künstlerin am Schlossplatz ein „Schaufenster“ zu bieten, wie es sich Constanze Kleiner und Coco Kühn, die Gründerinnen des Kunsthallenprojekts ursprünglich doch vorgenommen hatten? Drei sehr verschiedene Antworten erklären, warum es sich bei dieser Annahme um einen bitteren Berliner Trugschluss handelt. Erstens stehen Breitz‘ in der Temporären Kunsthalle gezeigten Arbeiten in keinem Zusammenhang mit dem Ausstellungsort. Zweitens ist es wenig einfallsreich, eine Künstlerin mit einer epischen Ausstellungs-Vita zwischen Cincinnati und Kapstadt zwölf Jahre nach ihrer ersten Galerie-Ausstellung heim in die Berliner Mitte zu holen. Drittens aber – wäre es anders, könnte man die beiden anderen Argumente getrost übersehen – ist die Ausstellung, die später noch durch eine neue, nicht rechtzeitig fertiggestellte Arbeit ergänzt werden soll, ein kuratorisches Armutszeugnis: Sie zeigt drei methodisch gleichartige, der Größe nach auf Überwältigung setzende Drillingsarbeiten auf einen Streich.

Wie kommt man auf diese Idee? Weil Breitz „eine der größten Videokünstlerinnen überhaupt“ sei, wie der Kurator Gerald Matt in sinnloser Huldigungsrhetorik am VIP-Voreröffnungsabend zum Besten gab? Zwingt dieser historische Rang die Kunsthallenbetreiber, eine vielseitige Künstlerin zum Spektakelmarkenzeichen umzufunktionieren, zum kontextlosen Discoglitter einer Ausstellungsbox, die umstandslos und ohne Tiefenschärfe drei Kammern mit Monumentalvideowänden füllt, um dem Publikum ein homogenes Ambiente zu bieten, statt Candice Breitz‘ visuelle Methodologie aufzubereiten und anschaulich zu machen? Heißt Kuratieren an Berlins neuestem Ausstellungsort mit lang gepredigtem Reformanspruch wirklich nur, aus Kunst distanzlose Einheitsware zu machen und Candice Breitz‘ immerhin analytischen Anspruch zu der Pop-Funktion zurückzuentwickeln, den sie eigentlich dekonstruieren wollte?

Diese Ausstellung ist keine Ausstellung, sie ist eine Echo-Kammer. Nicht nur ahmen sich die drei Arbeiten gegenseitig nach. Die Kunsthalle ahmt auch den sicheren Mainstream nach. Ohne, dass sich die Künstlerin dagegen zur Wehr setzen könnte, wird sie zur Meterware eines kuratorischen Flagship-Stores, der in allen Punkten das Gegenteil von dem ist, womit seine Initiatoren ihn uns und seinem Förderer und Stifter schmackhaft gemacht haben. Hier, am Schlossplatz, sollte das Bild einer lebendigeren und aktuelleren, experimentelleren und diskussionsfreudigeren Ausstellungspolitik entstehen. Hier, hieß es, arbeitet man an der Utopie. Die Wahrheit ist, man hat sich hier mit aller Entschlossenheit in die falsche Richtung bewegt. Tief in die Berliner Misere hinein, die sich mit etwas Eröffnungs-Glamour und pathostrunkenen Reden nicht bemänteln ließ. Die Kunsthalle hat sich gerade erst einen neuen künstlerischen Geschäftsführer gesucht. Eine herkulische Aufgabe liegt vor ihm, wenn dem künstlerischen Beirat und dem bestellten Kurator diese Ausstellung bis zuletzt als kluge Idee erschienen ist.

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