Bücher zum Schenken (Teil 4)

Die Wahrheit stößt das Geheuere um

23. Dezember 2009
„Gehen ist ein metaphysischer Akt, loslabern ein ethischer.“ Auf Rainald Goetz‘ neuem Buch steht drauf, was drin ist: „Loslabern“ meint wirklich Loslabern. Denn nach wie vor ist Goetz in wahrhaft historischer Mission unterwegs. Er will die DNA der Gegenwart beobachtend und schreibend entschlüsseln, um zumindest von Zeit zu Zeit mit einem rasiermesserscharfen Satz ein paar Doppelhelix-Windungen durchzuschlagen. Zwischen jetzt und damals, da war was, die Nullerjahre – und um die geht‘s. 2009 ist die Galerie der neue Club, Kunst manchmal irgendwie der neue Rave und Loslabern die neue Pillengegenwärtigkeit. Goetz 2.0. Ein Relaunch, reflektierter dann und wann und dennoch ziemlich undurchsichtig. Goetz, der einsame Beobachter-Wolf zweiter Ordnung zieht also los durchs Dickicht des letztjährigen Börsenherbstes – mit der Digitalkamera in der Brust- und dem Notizblock in der Gesäßtasche, über die Frankfurter Buchmesse, den Herbstempfang der FAZ und ja, das Abendessen zu Ehren von Albert Oehlen im Weddinger Walfischbauch der Galerie Max Hetzler. Er ist immer noch getrieben, die Gegenwart sitzt ihm im Nacken wie niemand anderem; unglaublich wach, wahnsinnig reflektiert, knallhart und schneidend scharf und doch gleichzeitig so offen subjektiv, sichtbar selbst gefangen, so hier, jetzt und da, mittendrin eben, in diesem seltsam leeren Loch aus Hier und Jetzt. „Was die Nullerjahre denn für eine Zeit gewesen waren“, wie der Klappentext die Frage formuliert, das kann uns auch „Loslabern“ nicht sagen. Aber was in diesem schmalen Bändchen steht, das unglaubliche Tempo der Sprache, der wahnsinnige Informations-Überforderungs-Modus, das fühlt sich richtig an. Ein Bild für die Zukunft, ein Sittengemälde des Wahnsinns dieser Zeit, für die Nachwelt fixiert in Stil, Gestus und Ton. Dominikus Müller

Rainald Goetz: loslabern, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2009. 192 Seiten, ISBN 978-3-518-42112-3, EUR 17,90,--

Axel Vervoordt ist einer der erfolgreichsten Kunsthändler. Dabei ist er eigentlich von Hause aus Inneneinrichter. Neuerdings gibt es sogar Kataloge seiner Geschmacksmanufaktur. Der Clou ist, dass sie ebenso wie die Verkaufsausstellungen, die sie begleiten, nicht als solche zu erkennen sind. In diesem und dem vorletzten Jahr im Palazzo Fortuny in Venedig und dazwischen in der Pariser Sainte Chapelle drapierte Vervoordt als Geschmackspapst ausgewählte Objekte zwischen den dort beheimateten Exponaten und brachte jeweils einen aufwendig gestalteten Prachtband dazu heraus. Das ist auf freche Art wirksam. Das Publikum genießt den Mix und sieht keine Preisschilder oder Bestellnummern. Es bezahlt für eine honorige Kunstausstellung, die in Wirklichkeit ein luxuriöses Privat-Schaufenster ist. Vervoordt, der Händler, will gern als Sammler gesehen werden, der, anstatt selbst ungeheure Mengen von Wertvollem oder Kuriosem anzuhäufen, anderen komplette Kollektionen zusammenstellt. Die Kunden müssen sie nur noch mit eigenem Leben füllen. Sollten Ihnen dafür die Mittel fehlen, greifen Sie zu „In-Finitum“, der aktuellen Katalog-Ausgabe Vervoordts. Sie erwerben ein kleines Schmuckstück guten Geschmacks und subventionieren den Eigennutz eines anderen. So ist der Kunstmarkt heute. Schaffen Sie sich ein kleines kokettes Denkmal generöser Schamlosigkeit. Stefan Kobel

Axel Vervoordt: In-Finitum, Merz-Verlag, 339 Seiten. ISBN: 978-9076979816, EUR 76,99,--

Das wichtigste Stück in einer Sammlung ist meist jenes Objekt, das noch fehlt und auf das alles obsessive Begehren gerichtet ist. Als Sammler von Kunstbüchern der Sechziger- und Siebzigerjahre möchte ich Ihnen deshalb kein neues, sondern ein altes Buch vorstellen, das ich nach langem Suchen gerade erwerben konnte und dessen kunsthistorische Bedeutung bis heute kaum gewürdigt wurde. 1967 kuratierte der Frankfurter Künstler Peter Roehr gemeinsam mit dem späteren Galeristen Paul Maenz die Ausstellung „Serielle Formationen“ in der studentischen Studiogalerie der Universität Frankfurt. Teilgenommen hatten 48 Künstler und bemerkenswert viele Künstlerinnen der Minimal, Conceptual, Pop und Op Art aus Europa und den USA. Zum ersten Mal wurden dabei in Deutschland auch minimalistische Arbeiten von Carl Andre, Dan Flavin, Donald Judd und Sol LeWitt präsentiert. Im Sinne von Mel Bochners Diktum „Serial order is a method, not a style“ konnte das Projekt somit in breiter Form die Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit serieller Arbeitsweisen aufzeigen. Der in 500 Exemplaren gedruckte Ausstellungskatalog enthält nicht nur eine präzise Liste der gezeigten Werke nebst Abbildungen, sondern stellt den Künstlerangaben auch einzelne, fast schon programmatische Zitate zur Seite. Überhaupt geben die Einführungstexte von Siegfried Bartels und Paul Maenz/Peter Roehr einen großartigen Einblick in die sehr leidenschaftlich und persönlich geführten Debatten jener Zeit. Zudem enthält der ambitionierte Katalog beiliegend sechs originale Druckgrafiken, etwa von Charlotte Posenenske und Peter Roehr, die dem damaligen Zeitgeist entsprechend einer Politik der Demokratisierung der Kunst folgen. Ein künstlerisches und kunsthistorisches Juwel. Hubertus Butin

„Ausstellung: Serielle Formationen“, Ausstellungskatalog Studio Galerie der Universität Frankfurt, Frankfurt/Main 1967. Auflage 500, im Antiquariat

In der Philosophie überzeugen häufig die einfachen Wahrheiten. Das weiß auch Boris Groys. Eine solche Wahrheit, schreibt er, handelt von der Wahrheit selbst: Die Theologie gehe davon aus, dass sie sich in der Vergangenheit bereits offenbart habe; die Philosophie dagegen erwarte sie ständig von der Zukunft. Sie sei „nur möglich, wenn Sophia ihr Verführungsspiel niemals aufgibt, sich niemals dem Philosophierenden hingibt“. Dem Autor selbst ergibt sich die Sophia durchaus nicht willenlos, aber wie sehr dieser Denker von ihr betört ist, bekunden seine Aufsätze über Kierkegaard und Derrida, Walter Benjamin und Ernst Jünger, Greenberg und McLuhan in jeder Zeile. Der neuerdings in New York lebende Philosoph bürstet die Lektüre der Klassiker so beherzt gegen den Strich, dass man diese mitunter in völlig neuem Licht sieht. Ein Coup ist das Stück über Heidegger und dessen berühmt-berüchtigten, bodenständigen „Kunstwerk-Aufsatz“ aus den Jahren 1935/36. Groys zerpflückt ihn nicht etwa, um ihm einen Antimodernismus nachzuweisen, im Gegenteil: Er weist dem Aufsatz nach, eine Apologie der künstlerischen Innovation zu sein. Wie das? „Das Ins-Werk-Setzen der Wahrheit stößt das Ungeheuere auf und stößt zugleich das Geheuere und das, was man dafür hält, um“, zitiert Groys Heidegger: „Das Bisherige wird in seiner ausschließlichen Wirkung durch das Werk widerlegt.“ Heideggers Kunsttheorie, schließt Groys, präferiert das Kommende gegenüber der Gegenwart und der Geschichte ebenso, wie seine existentiale Philosophie dies tut. Seine Kunstauffassung sei „radikal futuristisch“. Ausgerechnet Heidegger als Kronzeugen der künstlerischen Innovation aufzurufen – darauf muss man erst einmal kommen. Georg Imdahl

Boris Groys: Einführung in die Anti-Philosophie, Carl Hanser Verlag, München 2009, 290 Seiten. ISBN-13: 978-3446234048, EUR 21,50,--

Mit großem Gewinn habe ich dieses Jahr Piotr Piotrowskis „In the shadow of Yalta: Art and the Avant-Garde in Eastern Europe, 1945-1989“ gelesen. Als Ordinarius für Kunstgeschichte an der Mickiewicz-Universität Poznán und Direktor des Nationalmuseums Warschau zählt Piotrowski zu den führenden polnischen Kunsthistorikern der Avantgarde- und Modernismus-Forschung. Sein neues Buch ist ein flammendes Plädoyer gegen eine universalistische Kunstgeschichte, die historische und geografische Idiosynkrasien nur gelten lässt, wenn sie dem westlichen Kanon eingeschrieben werden können. Dieses vordergründig humanistische, aber letztlich hegemoniale Geschichtsmodell entdeckt Piotrowski beispielsweise in der Ausstellung „Europa, Europa“ (Kunst- und Ausstellungshalle Bonn, 1994), die Kunst aus Ost und West zusammenführte. Dies ist insofern richtig, als im Ausstellungskatalog zwar die Rede von „andersartigen Traditionen“ ist, zugleich aber auch von „der universalen Kunst“. Jenem Universalismus setzt Piotrowski eine neue komparative Kunstgeschichte entgegen und vergleicht auf 498 Seiten die differierenden soziopolitischen Funktionen der Avantgarden in Polen, Rumänien, Ungarn, in Jugoslawien, der Tschechoslowakei, Bulgarien und der DDR. Zwar kann auch er „westliche“ Kategorien und Narrative nicht gänzlich hinter sich lassen. Doch er schärft den Blick dafür, dass moderne Kunst nie selbsterklärend ist, sondern sich nur über ihre jeweiligen geografischen, politischen, soziokulturellen Kontexte erschließt. Dieser Ansatz wird Schule machen. Jörg Scheller

Piotr Piotrowski: In the shadow of Yalta: Art and the Avant-Garde in Eastern Europe, 1945-1989. Reaktion Books, London 2009. 498 Seiten. ISBN-13 978-1861894380, EUR 33,99,--


Haken? Wo soll da ein Haken sein? von
Die besten Bücher 2009 – artnet-Autoren stellen Ihnen Titel vor, die Sie sich anschaffen sollten (Teil 3).

Von der Künstler-Tropfsteinhöhle ins Scheinwerferlicht von Dominikus Müller
Es gibt den Katalog als vermittelnden Kontext-Provider, und Kataloge, die selbst Kunst sind. Bücher zum Schenken (Teil2).

Militante Liebe, deliröse Bilder von Astrid Mania
Schmachten, büßen, denken. Bücher voller Bilder, Bücher gegen Bilder, ein Leben für die Bilder im Buch, Bücher zum Schenken (Teil1).



Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken