19. Juni 2006
Harry Lehmann: „Die flüchtige Wahrheit der Kunst. Ästhetik nach Luhmann“,
Wilhelm-Fink-Verlag, München 2006. 393 Seiten, 49,90 Euro „Die akademische Ästhetik ist abgeschrieben; sie sagt der Kunst nichts mehr (wenn man Künstler fragt).“ Und vielleicht nicht nur, wenn man die Künstler fragt. Das Zitat jedenfalls stammt von Niklas Luhmann, dem fröhlichen Nihilisten, der auch der Philosophie trockenen Auges den Garaus zu machen versuchte, und ziert als Motto den Anfang eines Buches, das sich einer „Ästhetik nach Luhmann“ verschrieben hat.
Das kann bekanntlich Zweierlei bedeuten: zum einen eine Ästhetik im Anschluss an Luhmann und seine begrifflichen Ressourcen; zum anderen eine Ästhetik jenseits von Luhmann und über ihn hinaus. Wenn der Autor das „nach“ konzeptionell im ersten, programmatisch aber im zweiten Sinne verstanden wissen will, wird der Anspruch, ja die Chuzpe seines Unterfangens offenbar. Die Frontstellung wäre eine doppelte: Gegen Luhmann, aber auf Augenhöhe und mit den Mitteln seiner metasoziologischen Kategorien, einen Begriff der Wahrheit zu rehabilitieren, der sich nicht diskursstrategischer Simulation verdankte – und gegen eine Philosophie, deren akademische Erstarrung ihren Urimpuls, den des Staunens, längst vergessen zu haben scheint.
Und es wäre der Versuch, die Kunst selbst (wieder) ernst zu nehmen, sie gegen ihre selbstverschuldete Deklassierung zum Diminutiv des medialen Lautgebells einer „rettenden Kritik“ auszusetzen. Ziel wäre ihre Erkennbarkeit als „gegensystemischer“ Teil des Systems, mithin ihre Rehabilitation als Widerstand gegen das ganze Unwahre.