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David Claerbout: „The Shape of Time“

Möglichkeitssinn

Michael Mayer

23. Juni 2008 

David Claerbout: „The Shape of Time“, hrsg. v. Christine Van Assche, JPR Ringier Kunstverlag, Zürich 2008. 160 Seiten mit zahlr. s/w- und Farbabb., 40,- Euro

Eine Katze und ein Vogel sitzen gemeinsam in einem Käfig, keinen Meter voneinander entfernt. Die Sequenz dauert 60 Minuten. Nichts passiert. Gelegentlich blickt der Vogel nach links zur Katze hin, dann wieder nach rechts zur Wand; gelegentlich hebt die Katze den Kopf. Nichts passiert. Oder doch? Der Titel der Arbeit Cat and Bird in Peace (1996) wirkt wie eine ironische Verkehrung der Erwartungshaltungen, mit denen der Betrachter der Szene wohl gegenübertritt. Und er wirkt wie eine Anspielung an das biblische Motiv des Paradieses, in dem Lamm und Löwe einträchtig zusammen leben. Die Botschaft wäre also greifbar: Frieden auf Erden zwischen den Protagonisten, deren Zusammentreffen stets tödliche Gewalt freisetzt. Indem das potentielle Opfer sowie der potentielle Täter den natürlichen Rollenerwartungen nicht entsprechen, läge der ethische Imperativ gleichsam auf der Hand: Was Tiere können, können Menschen doch auch?

Das wäre eine erste narrative Fährte, der man folgen könnte, um sich dem Werk des belgischen Künstlers David Claerbout (geb. 1969) zu nähern. Das materiale Bild träte in Spannung zu den Bildern im Kopf, mit denen wir der Wirklichkeit begegnen, um dabei allzu oft zu missachten, wie sehr diese Wirklichkeit mit unseren Vorstellungen von ihr zu kollidieren vermag. Erst deren Demontage öffnet den Blick für das, was ist – nämlich Katze und Vogel in simplem Beieinander – und für das, was sein soll: Friede selbst zwischen natürlichen Feinden.

Eine zweite Spur führt zum intermedialen Arrangement, bei dem Claerbout ebenso geschickt wie subtil zwei der prominentesten Medien der Moderne – Video und Fotografie – so miteinander verschränkt, dass die ihnen innewohnenden Zeitordnungen aus dem Lot geraten. Durch digitale Manipulation am analogen Material macht Claerbout deutlich, dass die im Augenblick gefrorene Zeit des Fotos wie die gedehnte Zeit des bewegten Bildes die Dauer natürlicher Prozesse überdecken. In Kindergarten Antonio Sant’Elia, 1932 (1998) verändert der Künstler ein Schwarzweiß-Foto mit spielenden Kindern im italienischen Como, indem er unbelaubte Bäume nicht nur nachträglich mit Blättern versieht, sondern sie sich – zuerst kaum merklich – im Wind bewegen lässt. Das digital im Foto implantierte filmische Element bricht dessen Fixierung auf, während die Statik des Fotos das dynamische Moment der bewegten Blätter wie einen Loop ins Leere laufen lässt.

Bildwissenschaft und Medientheorie hätten also in Claerbout einen exzellenten Stichwortgeber für Fragen, die sie umtreiben: Fragen der Authentizität und Originalität; der Zuspitzung des illusionären Charakters klassischer Medien zur Simulation neuer Medien; Fragen zum Schicksal des Referenten im Zeitalter seiner digitalen Produzierbarkeit. Mit seinen den Medienwechsel selbst fassbar machenden Installationen betriebe Claerbout Aufklärungsarbeit im besten Sinne: Die Demonstration beliebiger Manipulierbarkeit der visuellen Information nährte im Zuschauer eine gesunde Skepsis gegenüber ihrer vermeintlichen Evidenz, dem Versprechen auf Wahrhaftigkeit. Dass schon die analog kodierten „alten“ Medien Film, Fotografie und Video durch ihre Darstellung die Realität verändern, die sie wiederzugeben scheinen, wird an der Bruchstelle analog/digital überhaupt erst greifbar. Nicht nur begleitet die Praxis bewusster Manipulation die Geschichte aller Medien – wie beispielsweise der Einsatz der Retusche in der politisch instrumentalisierten Fotografie im 20. Jahrhundert. Mit der Auflösung des Referenten im digitalen Kode indessen wird im 21. Jahrhundert offenbar, dass Medien strukturell Wirklichkeit nicht so wiedergeben, wie sie „ist“ und dass unser Zugang zum „Ding an sich“ durch die Werkzeuge unserer Erkenntnis blockiert ist. Zu den Grundeinsichten der Philosophie Immanuel Kants gehört, dass wir das, was als Erkenntnisobjekt in Erscheinung tritt, durch die Mechanismen unserer Wahrnehmung und unseres Denkens mit hervorbringen. Zu den Grundeinsichten der tele-technischen Moderne gehört, dass exakt diese Funktion eine der Apparate, der Medien ist.

Ihre Glaubwürdigkeit steht also auf dem Spiel. Und das ist gut so. Und doch beschleicht den Rezipienten der Kunst von David Claerbout das Gefühl, dass sie sich weder in moralpraktischen noch medientheoretischen Parametern zureichend beschreiben lässt. Auch wenn eine Publikation wie The Shape of Time – anlässlich einer großen Ausstellung von Werken der Künstlers im Pariser Centre Pompidou vom Oktober 2007 bis Januar 2008 – mit statischen Abbildungen seiner Arbeiten deren Pointe darstellungstechnisch verfehlen muss, bleibt doch die durch sie gestützte Erinnerung an eine ästhetische Erfahrung, die etwas zu sehen gab, was sich im kritischen Diskurs gerade nicht erschöpft. „The video-projeted still“, sagt Claerbout in einem Interviewbeitrag des Bandes, „is full of potential of movement, and it is precisely this ‚not happening‘ which is an inverted energy, not a forward moving energy.“

Energie aber, energeia, bedeutet im griechischen Ursinn die Kraft, die dem Möglichen zur Wirklichkeit verhilft. Wird aber diese Energie gehemmt, bleibt das Mögliche eben möglich. Und eine Möglichkeit zu denken, nein, zu sehen zu geben, die mehr und anderes ist als eine unmittelbar sich verwirklichende Option, die als Möglichkeit also bestehen und in der Schwebe bleibt, rührt womöglich an das innerste Begehren von Claerbouts eigenartig verstörender, faszinierender Kunst. Es ist das Fluidum der Möglichkeiten selbst, die als Möglichkeiten fühlbar werden, indem Claerbouts Bilder deren Aktualisierung hintertreiben. Die Intensität seiner visuellen Kompositionen, die Spannung, die „inverted energy“, die sie auszeichnet, verdankt sich dem Umstand, dass sie sich weder in optischen noch narrativen Sensationen entlädt. Gerade dadurch baut sie sich auf, wird sie als eigenständiges Moment des Realen selbst erfahrbar, das sich gerade nicht im nur mehr Aktuellen erschöpft. Seine Kunst gilt der Recherche nach einer verlorenen Zeit, die die verlorene Dimension des Realen selbst darstellt.

Und das wäre die dritte, die vielleicht am schwierigsten zu erkennende Fährte zum Werk Claerbouts: Dass der manipulative Eingriff ins Bild Realität nicht verstellt und verzerrt, sondern ihr dient, sie erst hervorzubringen vermag. Paul Celan sagte das einmal so: „Wirklichkeit ist nicht. Wirklichkeit will gesucht und gewonnen sein.“ David Claerbout hat sein Medium gefunden, mit dem er sich auf die Suche nach ihr begeben hat: das digitale Bild. Das appellativ Moralische wie das medienkritisch Skeptische sind gewiss Motive, die man in seinen Arbeiten finden kann. The Shape of Time – auch dank dreier lesenswerter Beiträge von Françoise Parfait, Dirk Snauwaert und Raymond Bellour – macht deutlich, dass es noch ein anderes, fundamentaleres Begehren zu entdecken gilt, nämlich das nach der Wirklichkeit der Zeit und der Zeit der Wirklichkeit.


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