20. September 2007
„Bonjour Russland – Französische und Russische Meisterwerke von 1870-1925 aus Moskau und St. Petersburg“, Museum Kunst Palast, Düsseldorf. Vom 15. September 2007 bis 6. Januar 2008Mit Superlativen sollte man sparsam umgehen. Zu groß ist die Gefahr, sich mit der marktschreierischen Werbung von Discountern und dem Marketingjargon übereifriger PR-Agenturen in eine Ecke zu stellen. Manchmal muss es jedoch sein: Die Ausstellung „Bonjour Russland“ im Düsseldorfer Museum Kunst Palast ist nichts weniger als eine Sensation. Was Chefkurator Sir Norman Rosenthal aus den vier wichtigsten russischen Museen zusammengetragen hat, bietet einen Blick auf die russische Kunst um die Wende zum 20. Jahrhundert, wie er so umfassend noch nie zu sehen war und so bald auch nicht wieder zu sehen sein wird.
Rosenthal ist es gelungen, Platzhirsch-Attitüden und persönliche Eitelkeiten der vier großen russischen Museen auszuhebeln und sie zu einer Kooperation zu bewegen. So sind nicht nur viele Werke überhaupt erstmals im Ausland zu sehen, sondern erstmalig auch unter einem Dach. Aus der Zusammenschau auf das Beste der Bestände von Eremitage und Russischem Museum in St. Petersburg sowie Puschkin-Museum und Tretjakow-Galerie in Moskau ergibt sich ein umfassendes Bild der russischen Kunstszene. Das Publikum kann verfolgen, wie aus der Auseinandersetzung mit dem Pariser Impressionismus bis zum Kubismus eine zunächst tastende und später immer selbstsicherer werdende, das europäische Vorbild gar überflügelnde russische Nationalkunst wächst. Der durchaus noch etwas verspäteten Aufnahme des Realismus etwa durch Ilya Repin oder des Impressionismus durch Valentin Serov in seinen Gesellschaftsporträts folgt sehr schnell und nahezu gleichzeitig die Auseinandersetzung mit den Ausdrucksformen der Avantgarde nach 1900.
Bereits kurz nach der Jahrhundertwende erweist sich die Eigenständigkeit der russischen Kunst mit Persönlichkeiten wie Ignaz Wrubel und Filipp Malyavin. Deren Farbdelirien finden zwischen Symbolismus und Jugendstil eine ganz eigene Formensprache, die selbst in ihrer Heimat keine nennenswerte Nachfolge haben wird. Zu den Initialzündungen der neuen russischen Malerei gehört Ilya Mashkovs irritierendes Gemälde Selbstbildnis mit Konchalovskiy von 1910, das im Rahmen der provozierenden Ausstellung „Karo-Bube“ im gleichen Winter in Moskau gezeigt wurde. Die monumentale Darstellung der beiden fast unbekleideten muskulösen Männer in einem Musizierzimmer muss wie ein Paukenschlag gewirkt haben, vergleichbar nur mit den einige Jahre zuvor entstandenen Demoiselles d'Avignon von Picasso. Anders als die Inkunabel des großen Spaniers ist dieses Werk im Westen jedoch so gut wie unbekannt. Mit dem Weg in die Abstraktion standen die Russen dann in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg endgültig an der Speerspitze der Avantgarde. Allein durch seine Monumentalität überwältigendes Beispiel hierfür ist Wassily KandinskysKomposition VII.
Bislang wenig beachtete Sonderwege der russischen Kunst sind ebenfalls zu sehen. Das Bildnis des Regisseurs Vsevolod Meyerhold von Boris Grigorev und das gemeinsame Selbstbildnis von Vasiliy Shukhaev und Aleksandr Yakovlev weisen auf Neue Sachlichkeit und Magischen Realismus bereits vor dem Ersten Weltkrieg voraus. Bei dem Bildnis des Komponisten Arthur Lourié von Pëtr Miturichschließlich wäre der Betrachter ohne Bildlegende völlig hilflos, denn die großen Farbflächen mit ihren versetzt oder völlig selbständig gezogenen Konturen lassen zuerst an Andy Warhol oder vielleicht noch C.O. Päffgen denken, nicht jedoch an ein über 90 Jahre altes Gemälde.
Besonders angeraten sei die Ausstellung den Sammlern russischer Avantgarde-Kunst. Zahlreiche Exponate von Natalia Goncharova, Alexandra Exter, Nathan Altman und anderen sind eine hervorragende Sehschule. Die eigene Urteilsfähigkeit ist neben einer glaubhaften Provenienz das einzige Instrumentarium, mit dem sich das aktuelle Marktangebot in diesem Segment bewerten lässt, da selbst Expertisen von ausgewiesenen Fachleuten nicht immer zuverlässig erscheinen. Doch auch wer selten gesehene Mesiterwerke der französischen Malerei an einem Ort bewundern möchte, ist in Düsseldorf richtig. So sind Rotes Zimmer und der berühmte Tanz von Henri Matissein der Ausstellung vertreten. Die Kunstsammlung NRW hatte zu ihrer Matisse-Retrospektive noch auf die beiden Gemälde verzichten müssen.
Bemerkenswert ist die Ausstellung noch aus einem anderen Grund: Trotz der enormen Versicherungssumme, über deren Höhe alle Beteiligten Stillschweigen bewahren, könnte die Ausstellung auch wirtschaftlich ein Erfolg werden. Anders als beim MoMA in Berlin springt nicht die Allgemeinheit über die scheinbar preiswerte Staatshaftung ein – scheinbar deshalb, weil im Schadenfall der Steuerzahler in die Pflicht genommen wird. Bei mehreren Milliarden Versicherungswert käme da für jeden einzelnen Bürger schon eine erkleckliche Summe zusammen. In Düsseldorf schultert das als Stiftung organisierte Museum die Prämien für die Versicherung selbst, zusammen mit den Kosten für Transport und Ausstellungsdurchführung.
Der Kunstpalast hat über die Laufzeit eine maximale Besucherkapazität von gut 450.000 Personen. Über Katalogverkauf, Private Views und andere Events soll trotzdem im Idealfall ein positives Ergebnis erzielt werden. E.on stellt – abgesehen von einer Werbekampagne – lediglich eine Ausfallbürgschaft. So könnte es sein, dass nur durch das Vorhandensein eines starken Partners aus der Wirtschaft eine aufwendige Ausstellung zustande kommt, ohne dass dieser finanziell in Anspruch genommen werden muss. Für Großausstellungen könnte das tatsächlich ein Modellfall sein. Wünschenswert ist das allerdings nur, wenn die künstlerische Substanz und die kuratorische Arbeit stimmen. Das ist in Düsseldorf der Fall.