Bojan ŠarČeviĆ bei BQ, Berlin

Realitätsschock auf der Heckscheibe

Heike Fuhlbrügge
7. Dezember 2011

Bojan Šarčević: „At Present“ – Galerie BQ, Berlin. Vom 21. Oktober bis 17. Dezember 2011

Bojan Šarčević (Jg. 1974) betreibt Kunst als Systemanalyse. In der BQ Galerie tut er das am Beispiel eines Fotos von einem alten Auto, das den Schriftzug PALESTINE in der Heckscheibe trägt. At Present lautet der programmatische Titel von Werk und Einzelausstellung des in Belgrad geborenen Bosniers. Wobei das Wort Ausstellung etwas zu hoch gegriffen scheint mit der Präsentation einer Arbeit. Der Künstler selbst wünschte diese angespannte Einzelpräsentation, mit der er nichts Geringeres als die Frage nach politischer Realität des Gazastreifens und dem Bild, das wir davon haben, mitten ins winterliche Berlin holt.

Zu dem kleinen Foto mit Auto gehört ein Podest mit einer halben Wassermelone darauf, deren hellrotes Fleisch herausgeschabt ist. Stattdessen liegt ein Stück rohes Fleisch von einem Rinderbraten darin. „Möglichst ohne Sehnen soll es sein“, so wünscht es sich Šarčević , und jeden Tag beides bitte frisch, um keine ästhetischen Verschiebungen in der Aussage zuzulassen, wie etwa Vergänglichkeitsvorstellungen durch Fäulnis oder Verwesungsinsekten wie bei Damien Hirst. Zudem gibt uns der Künstler zehn gesellschaftskritische Fragen auf den Weg, die man am Eingang mitnehmen soll. Eine davon lautet: Woran liegt es, dass heute jede Möglichkeit sozialen Protests durch die Medien vereinnahmt und damit neutralisiert wird?

Mit solchen Monumentalaufgaben konfrontiert, ist die Installation beinahe nicht als Einheit denkbar, so brüchig und spröde erscheinen ihre einzelnen Teile, bestehend aus Fotografie, Objekt und Text, in ihrer Zusammenschau. Doch passen diese Glieder nur scheinbar nicht zusammen. Denn es ist gerade diese Offenheit, die Raum gibt für Übersetzungsmöglichkeiten. Mit ihnen bereitet Šarčević die medienkritische Frage auf, wie eigene Meinungsbildung anhand von Realitätsversatzstücken möglich ist. Im Wissenschaftsdiskurs der Bildtheorie heißt das: Wie verhalten sich Referenz und Realität zueinander? Tatsächlich ist die Krise des „Vera-Icon“ (wahren Bildes) so alt wie das Antlitz Christi auf dem Schweißtuch der Veronika – Hans Belting etwa spricht von der „Furcht, dass der Unterschied zwischen Bild und Fakt in den von uns selbst erzeugten Bildern verloren geht.“ In diesem Sinne stellt Šarčević die Frage nach Bild und Abbild: Das Rindfleisch wird zum Platzhalter für Fruchtfleisch – steht also in bester systemanalytischer Tradition für etwas anderes und doch dasselbe zugleich. Gleichzeitig bildet er eine Parallele zu PALESTINE als geschriebenem Wort: Beim Lesen schieben sich sofort bestimmte Bilder vors innere Auge, ohne dass man jemals die Wirklichkeit des Kriegsschauplatzes gesehen hat. Jaques Derrida mit seinem Begriff der „différance“ – die Spanne zwischen Wahrheit und medial vermittelter Realität – lässt grüßen.

Verunsicherung durch Sinnverschiebung und Identitätsverlust: Dafür nutzt Šarčević häufig das Mittel der Dekontextualisierung von Materialien. Seine Objekte können daher auch wie Architekturteile aussehen, die eigentlich nicht in den Ausstellungsraum gehören. Schon mit früheren Arbeiten wie replace the irreplaceable (2006), die als Teile eines Treppengeländers daherkommen, stellt er die Frage nach der Umdeutung von Raum. Wichtiger Impulsgeber dafür war Gordon Matta-Clark (1943-1978) mit seinen zersägten Häusern aus den Siebzigerjahren oder auch Absalons (1964-1993) utopische weiße Wohnzellen.

In der Installation At Present bei BQ scheint Šarčević nun seine eigene Emotionalität zu verarbeiten, als er den Schriftzug PALESTINE las. Er weiß um den realen Konflikt, den die Bemühung um eine Staatenbildung von Palästina mit sich bringt: Schließlich ist er als Bosnier selbst sensibilisiert für das Thema – am Ende des Balkankonflikts zwischen 1991 und 1999 stand die Auflösung des Staates Jugoslawien. Doch wie wird dieses Wissen um Krieg, Menschenrechtsverletzungen und Nationalstaatenbildung nun manifest im Schriftzug auf der Heckscheibe eines Daihatsu? Wie ist Meinungsbildung über ein so komplexes Thema überhaupt möglich?

Die Melone und das Fleisch sollen für diese Fragen senibilisieren und einen Realitätsschock auslösen. Doch eigentlich möchte es Šarčević, der übrigens in Paris und Amsterdam studiert hat und entsprechend philosophisch geschult agiert, noch viel radikaler: Der anonyme Betrachter soll als private Person angesprochen und mit der Autonomiebewegung Palästinas in Beziehung gebracht werden – weshalb der Künstler bereits die Einladungskarten zur Ausstellung in der Stadt Ramallah, dem politischen, kulturellenen und wirtschaftlichen Zentrum der Palästinenser im Westjordanland, produzieren und von dort aus verschicken ließ. Die Karten fanden ihren Weg durch militärische Grenzkontrollen bis zu den Besuchern in die heimischen Briefkästen. Spürbar in dieser strengen Installation ist daher der Drang, gegen die Interessenlosigkeit der Gesellschaft und den gleichzeitigen Meinungsterror der Medien an zu arbeiten. Das Resultat ist ein Realitätsschock auf hohem Niveau.

Preise zwischen 20.000 und 25.000 Euro.


Weitere Artikel von Heike Fuhlbrügge


Feedback abgebenFeedback abgeben
Artikel druckenArtikel drucken