Blockadepatent für das ästhetische Recycling von Fotoabfällen?

Entdeckerlaunen

Eberhard Ortland
18. August 2006
Marc Volk. ränder rauschen remixed. Fotografische Arbeiten 2003-2006, Galerie J.J. Heckenhauer, Berlin. 18. August bis 20. September

„Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!“ ließ Timm Ulrichs schon 1969 in seinen Grabstein meißeln. Der paradoxe Imperativ, durch den der bekennende Egomane sich unvergesslich zu machen suchte, hat sich bewährt. Wer könnte den vergessen, der uns so unnachahmlich aufforderte, ihn zu vergessen? Doch der inzwischen pensionierte Professor von der Kunstakademie Münster, unbestritten einer der originellsten Köpfe seiner Generation, sorgt sich um seinen Ort in der Kunst­geschichte. Er fürchtet, in Vergessenheit zu geraten, wenn andere sich selbst künstlerische Errungenschaften zugute halten, die doch in Wahrheit niemand anderer als er, Timm Ulrichs, als erster gefunden hat.

Ulrichs war – und ist immer noch – stolz darauf, in den Anfangsabschnitten entwickelter Diafilmstreifen die Möglichkeit eines Bildes entdeckt zu haben, wo niemand sie vermutet hätte. „Mir war – immerhin bereits 1972 – aufgefallen, dass diese Dia-Anfangsstücke, wo Helligkeit und Dunkel sich trennen, so betrachtet, dass der schwarze Part unten ist, wie Landschaften anmuten: eine kleine Entdeckung vielleicht, aber, bedenkt man, dass dies im Regelfall als Abfall gilt, ein ästhetisch doch relevantes Recycling“, schrieb er 2003 in einem Brief.

Einleuchtend wird diese Möglichkeit durch den Titel, den Ulrichs seinen Bildern aus Diafilm­anschnitten gegeben hat: Landschafts-Epiphanien. Dieser Titel ist höchst suggestiv. Er weist uns darauf hin, dass wir die Verteilung von Helligkeit und Dunkel sowie die visuell höchst interessante, durch gewisse unregelmäßige Farbverteilungen bestimmte Grenze zwischen dem dunklen und dem hellen Bereich, die wir auf diesen Anfangsabschnitten finden, als das Bild einer Landschaft sehen können. Genauer gesagt: wir sehen die Epiphanie, den Vorschein oder Aufgang eines Blicks auf eine Landschaft.

Die Möglichkeit der profanen Erleuchtung, die Ulrichs in den Diafilmanschnitten entdeckt hat, eröffnet einen visuell-imaginativen Zugang zu einer im Wortsinn utopischen Landschaft von strenger Evidenz: Konkret genug, dass er uns einlädt, uns in diese Landschaft hineinzusehen, uns von ihrer tangiblen Präsenz und atmosphärischen Dichte einnehmen zu lassen, dabei zugleich unergründlich geheimnisvoll-unbestimmt, so daß wir uns nie sicher sein können, ob wir sie schon ganz gesehen haben. Nicht ohne Grund wurden die Landschafts-Epiphanien, wie Ulrichs selbst meint, „meine bekannteste Findung im Bereich der Fotografie“, bzw. „alles in allem meine „erfolgreichste“ fotografische Arbeit“, vielfach ausgestellt und publiziert.

Im Jahr 2003 erlebte der Konzeptkünstler bei einem Besuch in der Berliner Galerie Jarmuschek und Partner ein Déjà- vu der unangenehmeren Art: „das Mißvergnügen, „meine“ Landschafts-Epiphanien wiedersehen zu dürfen, – nur allerdings mit dem Autorennamen Marc Volk“ und unter dem Titel Ränder.

In der Tat sieht das eine oder andere Bild aus der Serie Ränder von Marc Volk – jedenfalls in der digitalen Reproduktion – so aus, als hätte es auch ein Bild aus der Serie Landschafts-Epiphanien von Ulrichs sein können. Insbesondere ein Motiv, das mit einer imaginären Unterzeile wie „Abendstimmung über der Kalahari“ ohne weiteres auch in einem Tourismus­prospekt Eindruck machen könnte

Auch weitere, etwas cooler anmutende Bilder, sehen vom Motiv her manchem ähnlich, was Ulrichs in seiner Serie als Landschafts-Epiphanie zu sehen empfahl: Von daher kann man schon nachvollziehen, wie Timm Ulrichs zu der Einschätzung kommt, es handle sich bei der Serie Ränder von Marc Volk „um eine unveränderte Übernahme, um nicht von Diebstahl, von Plagiat zu sprechen“. Den Plagiatsvorwurf sucht Ulrichs zu erhärten durch das Argument: „Dass Volk die Prints in der gleichen Weise ausstellt wie ich – dunkle Zone unten, helle oben – also bewusst auch den Landschaftscharakter betont, dürfte auch kein Zufall sein“.

Dem ist insofern zuzustimmen, als Marc Volk es in der Tat nicht dem Zufall überlässt, wie seine C-Prints ausgestellt werden. Er wäre nicht der bemerkenswerte Fotokünstler, als der er sich in den letzten zehn Jahren einen Namen gemacht hat, wenn er nicht sehr genau wüsste, was er in einem Bild oder einer Serie zeigen will und wie er seine Bilder zeigen will. Ob freilich Volk durch die elementare bildnerische Gewichtsverteilung „unten dunkel, oben hell“ unbedingt und in jedem Fall – wie Ulrichs annimmt – den „Landschafts­charakter“ seiner Motive betont, und ob er das Vorbild Ulrichs brauchte, um darauf kommen zu können, steht keineswegs so fraglos fest, wie Ulrichs meint.

Diese Annahme wird durch die übrigen Bilder der Serie Ränder nicht in dem Maße bestätigt, wie vielleicht durch die beiden – aufgrund ihrer augenscheinlichen Nähe zu der Idee der Landschafts-Epiphanien – zuerst herangezogenen. Denn die Serie, von der Timm Ulrichs 2003 „ca. sechs Fotos“ gesehen hat, besteht aus einer größeren Anzahl von extremen Vergrößerungen recht unterschiedlicher, je für sich bemerkenswert erscheinender Farb­verteilungen, wie sie sich in den Randbereichen des entwickelten Film­materials finden: Spuren unkontrollierter fotochemischer Prozesse im Randbereich des Trägermediums der analogen Fotografie, die nun durch die extreme Vergrößerung und das technisch aufwendige Verfahren des C-Prints als Bildgegenstand von erheblichem ästhetisch-malerischem Reiz entdeckt werden.

Bei einigen dieser Bilder wählt Volk einen Bildausschnitt, der von dunkel nach hell aufsteigend geschichtete Farbverteilungen zeigt, wie sie auch in Timm Ulrichs’ Fundstücken für die Landschafts-Anmutung ausschlaggebend waren. Freilich sind diese nicht nur in Landschaftsbildern, sondern z.B. auch in geologischen Gesteinsschnittbildern oder in abstrakten Kompositionen von Mark Rothko bis Gerhard Richter zu sehen.

Man kann sich unschwer klar machen, wie grundlegend anders diese Bilder wirken würden, wenn sie uns etwa um 90° gekippt mit dominanten Vertikalen gegenüberträten. Bei anderen Bildern seiner Serie hat Marc Volk andere Bildausschnitte gewählt und ist dementsprechend zu sehr anders aussehenden Motiven gekommen.

Wenn man sich mit der Serie Ränder und mit anderen Arbeiten von Marc Volk eingehender beschäftigt, wird man bemerken, dass dieser Foto­künstler sich weder für Landschafts­bilder noch für das Epiphanie-Potential und den die Imagination anregenden Überschuss der Fotografie interessiert, sondern in erster Linie für die ästhetische Qualität seines Materials - das ihm selbst zum Gegenstand seiner sichtbar machenden Kunst im Medium der Fotografie wird.

Volk ist Materialist. Es geht ihm nicht um utopische Landschaften, nicht um ein sich Ergehen in Möglichkeiten, sondern um die Ausbildung einer technisch unterstützten Sensibilität für die Gegenwart des Naturschönen im mikroskopischen Maßstab. Es geht ihm nicht um das, was man in eine bestimmte Konfiguration hineinsehen kann, sondern um diese sichtbare Konfiguration selbst. Er interessiert sich für die Bilder, die er macht, als konkrete, mehr oder weniger bemerkenswert gestaltete, um ihrer selbst willen beachtliche Artefakte – nicht bloß als im Einzelnen irrelevante Veranschaulichung einer allgemein einleuchtenden Idee.

Die ästhetische Qualität, die Marc Volk im Rauschen eines unbelichteten Films durch extreme Vergrößerung ebenso wie in den Rändern seines Fotomaterials, im Dunkel nächtlicher Aufnahmen oder in der Unschärfe von Aufnahmen aus dem fahrenden Auto entdeckt, hat mehr mit dem zu tun, was etwa Gerhard Richter oder gar Paul Cézanne in der Malerei versuchten, als mit den Landschafts-Epiphanien von Timm Ulrichs.

Für diese ästhetische Qualität scheint Timm Ulrichs keinen Sinn zu haben. Ihm scheint es auch egal zu sein, ob er seine Landschaftsbilder in einen vier Zentimeter schmalen Diastreifen hineinsieht oder in einen hochauflösenden C-Print. Er sieht keine Unterschiede zwischen Volks Bildern und seinen eigenen. „Gerade die gleichartige visuelle Aufbereitung“ gilt ihm „als Indiz für das Volk'sche Plagiat“. Vielleicht hat Ulrichs aber doch einen Sinn für die ästhetische Qualität der Bilder von Marc Volk. Das könnte die Vehemenz erklären, mit der er darauf beharrt, sie seien nichts als ein „dreistes Plagiat“ eines von ihm selbst gefundenen und deshalb ihm als dem ersten Finder zustehenden Bildes.

Das führt zurück auf die wohl berühmteste Performance des Konzeptualisten: Ich kann keine Kunst mehr sehen von 1975. Ist Timm Ulrichs wirklich (partiell) blind, nämlich unfähig, „Kunst“ (whatever that might be) zu sehen? Aber wie wäre er dann in der Lage gewesen, ein Werk wie seine Landschafts-Epiphanien zu schaffen, das ja doch eine bemerkenswerte ästhetische Sensibilität voraus­setzt? Spielt er nur den Blinden, weil er es nicht mehr erträgt, sich all das anzusehen, was auf dem Kölner Kunstmarkt angeboten wird? Ist er am Ende blind vor Wut auf die anderen, die sich erdreisten, dem „Totalkünstler“ die Schau zu stehlen?

Urheberrechtlich hat Ulrichs gegen Volk nichts in der Hand. Es handelt sich bei den Ränder-Bildern von Volk weder (wie Ulrichs behauptet) um Kopien eines Werks von Ulrichs, die lediglich mit fremder Urheberbezeichnung neu auf den Markt gebracht wurden, noch um eine Bearbeitung seiner Landschafts-Epiphanien, sondern schlicht um etwas anderes: Eigenständige Werke, von denen das eine oder andere dem einen oder anderen Motiv aus der Serie von Ulrichs ähnlich sehen mag - was den Gegebenheiten des Materials, mit dem sie sich beide auseinandersetzen, geschuldet ist. Zum Verwechseln ähnlich allerdings dürften selbst die Bilder von Volk mit der stärksten Landschafts-Anmutung dem, was Ulrichs mit seinen Diafilmanschnitten gemacht hat, wohl nur für einen Betrachter wirken, dessen Blick fixiert ist auf die Möglichkeit, überhaupt Landschaften und insbesondere Timm-Ulrichs-Landschaften in Vergrößerungen von Diafilm-Anfangsschnipseln hineinzusehen.

Timm Ulrichs spricht zwar von seinem Urheberrecht, das er durch die Bilder von Marc Volk verletzt sieht, was er aber gegen Volk in Anspruch nehmen möchte, geht über die gesetzlich geregelten Rechte des Urhebers an seinem Werk weit hinaus: Er hätte gern ein Blockadepatent auf das ästhetische Recycling von Fotoabfällen. Sein Verfahren hat er aber seinerzeit gar nicht zum Patent angemeldet – mit gutem Grund, denn das Patent wäre ihm mangels erfinderischer Höhe und Spezifikation kaum erteilt worden.

Die zitierten Briefe von Timm Ulrichs sind veröffentlicht im „virtual museum magazin“ Nr. 37.


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