Blinky Palermo bei Bernd Klüser, München

Die Palermo-Legende

Evelyn Pschak
23. Februar 2007
Blinky Palermo, „forever young“, Galerie Bernd Klüser, München. Vom 8. Februar bis 28. April 2007

Hätte er heute Klaus-Peter Kohl geheißen – oder doch Don King? Glücklicherweise startete Peter Heisterkamp seine Künstlerkarriere in den 1960er Jahren und da hießen verwegene Box-Promoter noch Blinky Palermo. Erstens war das ein Name, um ein Star zu werden, zweitens sahen sich die beiden ansonsten ungleichen Zeitgenossen wohl auch noch ähnlich. Es ranken sich viele Geschichten um diese Namensgebung. Manche sagen, Joseph Beuys habe seinem späteren Meisterschüler zu dem Namen geraten, als Heisterkamp 1964 in seine Klasse an der Düsseldorfer Kunstakademie wechselte. Da wird der Altmeister gern mit dem Satz zitiert: „Mit dem Namen Heisterkamp kannste nie was werden als Künstler!“. Der frühere Freund und Künstlerkollege Anatol Herzfeld reklamiert die Taufpatenschaft ebenfalls.

Erster Mythos ist also die Geburt des Künstlers Blinky Palermo. Ein weiterer Mythos ist sein Tod vor genau dreißig Jahren – natürlich unter mysteriösen Umständen. Palermo war 33 Jahre alt. Lange Zeit wurde immer wieder geschrieben und weiter getragen, er sei auf Sri Lanka ums Leben gekommen, angeblich erstickt, in einer Lebenskrise, die er teilweise dem Alkohol verdankte und dennoch immer noch durch den Alkohol in den Griff zu bekommen suchte. Er hatte zwei gescheiterte Ehen hinter sich und war seiner damaligen Geliebten ins Tropenparadies gefolgt. Vielleicht hat es sich so zugetragen, aber er folgte ihr nicht nach Sri Lanka, sondern auf die winzige Malediveninsel Kurumba.

Wie kommt es im 20. Jahrhundert, in einer medialisierten, faktengestützten Welt, zu diesen Ungenauigkeiten? „Das hat erstens sicher damit zu tun, dass Blinky Palermo keine Person war, die es liebte, im Vordergrund zu stehen. Er war persönlich sehr bescheiden, sehr zurückhaltend, sehr präzise bei seiner Arbeit, aber er hat sich nie in den Vordergrund gedrängt, hatte nie  – trotz aller Anerkennung, die er noch erfahren hat –Starallüren, die heute bei aufstrebenden jungen Künstlern sehr viel früher eintreten. Er war damals schon relativ schwer zu fassen und mit wenigen Leuten wirklich befreundet und hat mit denen intensive Gespräche geführt. Er stand aber nicht überall zur Verfügung, um Interviews zu geben.“, sagt Bernd Klüser, der in diesem Februar in seiner Münchner Galerie eine Hommage-Ausstellung zum 30. Todestag des Künstlers eröffnete.

Palermo kommentierte seine Werke nicht. Sätze, wie „ich habe kein Programm, sondern ein ästhetisches Konzept“ waren selten – und zeigen doch viel auf. Sein früherer Galerist Franz Dahlem bezeichnete die erste Galeriepräsentation Palermos „nicht als Ausstellung, sondern eher als eine Einstellung“. Sie fand im Juni 1966 in der Münchner Galerie Friedrich und Dahlem statt und war übrigens ein Flop. Die oft objekthaften Gemälde Palermos in ihrer bewusst armseligen Machart entsprachen nicht dem damaligen Kunstgeschmack, der entweder noch den expressiven Gestus informeller Malerei oder Kühl-Geometrisches zelebrierte, aber eben nicht das Amalgam aus Konzept und Sinnlichkeit. Nur der Adoptivvater Palermos erwarb für 600,- DM ein Bild.

Auch bei Bernd Klüser wird nichts verkauft werden. Die Galerie zeigt insgesamt ca. 30 Papierarbeiten, Auflagenobjekte und Siebdrucke aus der klüserschen Sammlung – unverkäuflich. Klüser lernte den jungen Künstler 1967 kennen, seit Ende der 60er Jahre sammeln Bernd und Verena Klüser diesen fragilen Konstruktiven und haben nie aufgehört, Auktionshäuser zu durchforsten – doch heute gibt es fast nichts mehr aus dem 600 Arbeiten zählenden Oeuvre auf dem freien Markt. Also plant Bernd Klüser keinen künftigen großen Coup mit verkäuflichen Werken von Blinky Palermo? „ Ich würde es mit Handkuss und größter Freude machen, wenn es nur irgend ginge. Am Anfang war’s mir verwehrt, weil er durch die Galerie Friedrich in München vertreten war. Und als die Galerie schloss, war Palermo nicht mehr am Leben. Aber bei Palermo sehe ich gar nicht, wie ich eine Verkaufsausstellung vorbereiten sollte, weil ich nicht wüsste, wie ich an das Material komme. Selbst wenn einer heute käme und sagte ‚ich habe Millionen zur Verfügung, ich will eine Palermo-Sammlung aufbauen’, dann nützt ihm das Geld nichts. Er kommt nicht mehr an die Arbeiten. Die sind fast alle in festen Sammlungen, meistens in Museen und die paar Privatsammler sind wirkliche Fans, die weder damit spekulieren noch den Gedanken tragen, zu verkaufen.“

Dabei ist Klüser gut im Aufspüren der wenigen Arbeiten, die der freie Markt doch noch hergibt – aber nur, um sie der eigenen Kollektion einzuverleiben. Bei Palermo ist der Sammler in ihm stärker als der Galerist. So gelang ihm am 22. April 2005 der Kauf einer mit 2.000,- Euro ungewöhnlich niedrig angesetzten roten Gouache auf grauem Packpapier (Ohne Titel, 1969) bei Nagel Auktionen für 28.000,- Euro. Dazu sagt er: „Das kann man nicht als Preissprung begreifen, sondern das ist einfach die totale Unkenntnis des Auktionshauses über den Wert der Arbeit gewesen. Ich wäre auch bereit gewesen, mehr zu bezahlen. Und weil das Auktionshaus nicht so bekannt ist wie andere Häuser, ist es offensichtlich von Vielen nicht wahrgenommen worden.“

Ein ähnliches Schnäppchen gelang ihm mit den Blättern Satyrikon I-IV, die er 1998 bei Christie’s in New York bei taxierten 30.000,- bis 40.000,- US-Dollar schon für 70.700,- US-Dollar ersteigern konnte: „Da habe ich mich genauso gewundert. Die Arbeiten hatten ja nun über die Sammlung Herbig die beste Provenienz, die man haben kann und die Serie ist sogar, wenn ich mich recht erinnere, im Auktionskatalog im Innencover groß abgebildet gewesen. Man kann nicht sagen, die Leute hätten es nicht wahrnehmen können. Da sieht man eben doch, dass diejenigen, die wirklich am Werk interessiert sind, suchen und versuchen, sinnvoll dazu zu erwerben, da Originale eben sehr, sehr selten auf dem Markt erscheinen.“

Könnte man vielleicht über den Zwillingsbruder Palermos noch an Werke kommen? Seit etwa einem Jahr versucht Michael Heisterkamp, den Mythos Blinky Palermo stärker an Fakten zu binden. Damals noch Michael Schwarze, wurde er mit seinem Bruder Peter kurz nach der Geburt in Leipzig 1943 vom Ehepaar Heisterkamp adoptiert. Heute ist er der Nachlassverwalter und „kümmert sich jetzt um die Wahrnehmung der Rechte seines Bruders“, wie Klüser erläutert. „Die Bezeichnung der Werke, die Klärung der Biografie – da waren einige Unsicherheiten, die falsch geschrieben und immer wieder abgeschrieben und transportiert wurden. Mit Verkauf hat er, soweit ich weiß, nichts zu tun. Ich glaube nicht, dass er noch Arbeiten hat.“

Schon in der Studienzeit knüpfte Blinky Palermo enge Freundschaften mit Sigmar Polke, Gerhard Richter und Imi Knoebel. Er war ein „artists’ artist“, beliebt bei seinen Kollegen, sensibel, ideenreich. Obwohl er mit 33 starb, galt er als Frühvollendeter, der in rund 70 Einzelausstellungen seinen Erfolg noch miterlebte. Anfänglich arbeitete er informell, mit tachistischen Schlieren, realisierte 1962 figürliche, fast surreale Porträts und gelangte über diesen Umweg – und unter dem Einfluss von Beuys – zu den abstrahierten Darstellungen von Naturformen, Alltagsgegenständen wie Scheren oder Aktbildnissen. Ab 1963 arbeitete er in seinen Kompositionen mit Fundstücken aus Holz, Plastik oder Stoff. Er bemalte Scheiben, Kreise, Dreiecke sowie wolkenförmige Ellipsoide als Wandobjekte und arrangierte sie als Zeichen im Raum.

Die Stoffbilder (1966-1972) bestanden aus von Gerhard Richters Frau Emma zusammengenähten handelsüblichen Textilstoffen, die, mit Nessel hinterlegt, auf den Rahmen gespannt wurden. „Rothkos aus dem Textilkaufhaus“ urteilten damals die Kritiker, aber immer noch zeigen diese Arbeiten Mut zur Radikalität – und Humor. Von 1968 bis 1973 widmete sich Palermo vorrangig der Wandmalerei und -zeichnung. Seine Farbfelder wurden bald als Erweiterung der Malerei in den Raum begriffen, für die sonst unsichtbare architektonische Umgebung als Beitrag zur Wirkung des Kunstwerks ins Bewusstsein gerückt wurde. 1972 nahm er an der documenta V in Kassel teil, 1973 bezog er ein Studio in New York. Ab 1974 entstanden die Metallbilder, für die Palermo in oftmals vielen Stunden lang eine Aluminium- oder Stahlplatte so lange mit Acrylfarbe beschichtete, bis sich der von ihm erwünschte „Farbklang“ einstellte – mit dem Umzug nach New York wuchs der Einfluss der US-amerikanischen Farbfeld-Heroen Rothko und Newman. 1976 nahm er an der Biennale in Venedig teil. Am 17. Februar 1977 starb er.

Zunächst sah es so aus, als ob keine Institution Blinky Palermo zum 30. Todestag Tribut zollen wolle. Die Bescheidenheit des Künstlers trägt sich durch drei Jahrzehnte. Nun wird im Herbst aber doch in Düsseldorf eine Retrospektive von Kunsthalle und Kunstverein stattfinden. Einer der Schützlinge Don Kings war übrigens Muhammad Ali. Als man zu seinem 60. Geburtstag einen Muhammad-Ali-Tag eingerichtet hatte, war sein Kommentar: „Was, ich bekomme nur einen?“. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, sich als Künstler hin und wieder am Boxring zu orientieren.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalogbuch (deutsch/englisch, 500 nummerierte Exemplare) mit Texten von Michael Semff und Bernhart Schwenk. 112 Seiten, 35 Farbabbildungen, 29,- Euro plus Versandkosten.


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