„Bilder in Bewegung“ im Museum Ludwig Köln

Die Sammlung als Glücksfall

Dominikus Müller
2. September 2010

„Bilder in Bewegung. Künstler & Video/Film 1958 – 2010“ – Museum Ludwig, Köln. Vom 29. Mai bis 31. Oktober 2010

Eine hauseigene Sammlungspräsentation, ganz ohne Leihgaben? So etwas ist selten geworden in der geschröpften deutschen Museumslandschaft. Noch dazu, wenn es sich dabei um „Bilder in Bewegung“ handelt, wie der Titel der aktuellen Ausstellung im Kölner Museum Ludwig lautet. Andere Institutionen müssen sich dafür Privatsammlungen in die heiligen Hallen holen: Sei es das Karlsruher ZKM | Zentrum für Kunst und Medientechnologie, das nun schon zum zweiten Mal die in der Tat umfangreiche und hochkarätige Sammlung von Invild Goetz zeigt; seien es die Deichtorhallen Hamburg, die der Nachwuchssammlerin Julia Stoschek den Platz bieten, ihre zusammengekauften Highlights „zeitbasierter Kunst“ im Museumskontext aufzuwerten.

Zugegeben: Das Museum Ludwig profitiert im Gegensatz zu den anderen beiden Institutionen davon, dass es in Zeiten dürftiger Ankaufetats und „Gesundschrumpfungen“ auf einen riesigen Back-Katalog zurückgreifen kann. Das Rheinland kann generell als frühe international vernetzte Keimzelle von Fluxus und Happening auf eine lange Geschichte von Video- und Filmkunst zurückblicken. Mit Gerry Schum, dem Begründer der legendären Fernsehgalerie, mit dessen Galeristinnen Ursula Wevers und Ingrid Oppenheim sowie dem langjährigen Direktor des Kölnischen Kunstvereins, Wulf Herzogenrath, gab es hier auch von der ersten Stunde an Akteure, die sich sehr früh um die Distribution bewegter Bilder im Kontext zeitgenössischer Kunst kümmerten. Und bald damit begannen, die „neuen Medien“ kunsthistorisch zu verankern und zu kanonisieren. Mit dem Wallraf-Richartz-Museum existierte eine Institution, die die Zeichen der Zeit erkannte und sich bereits in den 1960er-Jahren um den Ankauf dieser Kunst bemühte. Seit dessen Sammlung in den Bestand des 1976 gegründeten Museums Ludwig überging, bildet diese so etwas wie das historische Rückgrat der dortigen Auseinandersetzung mit „bewegten Bildern“ im Kunstkontext.

Nun aber genug der Geschichte. Gehen wir in die Ausstellung, die sich als eine Art „Videowunderkammer“ erweist. Die Begrüßung durch Nam June Paiks wahrlich monströses und nervös flackerndes Brandenburger Tor (1992) aus Videoschirmen fällt da noch relativ erwartbar aus. Biegt man aber um die Ecke, so geht es ungleich spannender, aber kuratorisch gut angebunden weiter. Da findet sich etwa Stephen WillatsConceptual Tower Nr. 5 aus dem Jahr 1985, drei wie rudimentäre Wohntürme wirkende Wandgemälde, auf die Bilder von Stadtbewohnern projiziert werden. Willats gelingt hier eine ziemlich perfekt austarierte Mischung aus abstrahierter Zeichensprache und jenem dokumentarischen Zugang, den das bewegte Bild wie wenig anderes liefern kann – und die hier den sozialen Zusammenhang „Stadt“ zwischen Planung und Leben greifbar macht. Natürlich finden sich in dieser Ausstellung auch die erwartbaren großen Namen und Inkunabeln der Videokunst, Bruce Naumans Körperschimkerei aus Art Make Up von 1967/68 zum Beispiel oder Richard Serras Bleistücke fangende Hand (Hand Catching Lead, 1968/69); natürlich eine Art Best-of von Chris Burden höchstpersönlich, in dem er seine Aktionen kommentierend dokumentieren ließ, oder Valie Exports klassisches Tapp- und Tastkino (1968). Das ist sozusagen die Pflicht.

Die Kür hält dagegen einige Überraschungen bereit. Denn „Bilder in Bewegung“ kann gleich eine ganze Reihe historischer Kleinode wie auch einige gut ausgewählte Arbeiten jüngeren Datums bieten. Zu Ersteren gehören etwa Ferdinand Kriwets Videos Apollovision (1969) und Campaign (1972/73), die Medienmaterial zur Mondlandung respektive zum US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 1972 zu einer verwirrenden Bild- und Toncollage montieren. Weit vorne war das, der Zeit voraus, in seinem medienkritischen Ansatz und dem dekonstruktiven Umgang mit dem Material. Zu Letzteren gehört etwa Anne Witts fiese Enttarnung des ganz normalen Rassismus in Österreich (Auch wenn die Kost rein österreichisch ist, gibt sich die Küchenbelegschaft international, 2008), Clemens von Wedemeyers großartiges Laurel und Hardy-Remake Big Business von 2002 oder Edgar Arceneauxs Doppelprojektion An Arrangement without Tormentors (2003/04), ein Lehrstück in Perspektiv-Verschiebung, Übersetzung und Weiterverarbeitung kultureller Speichermedien.

Alles in allem bietet „Bilder in Bewegung“ eine ziemlich gelungene, materialreiche Überblicksausstellung, die sich in ihrer Auswahl sowohl als historische Herleitung lesen lässt wie auch als Untersuchung grundsätzlicher medialer Fragestellungen – und sogar als Begehung der fransigen Ränder zu Fernsehen und Kino. Was diese Schau aber wirklich sehenswert macht, sind ihre Anbindung an die ständige Präsentation und die beiden Media-Stationen, an denen man sich durch die gesamte Sammlung des Hauses in digitalisierter Form klicken kann. Denn hier wird das Prinzip „Sammlung“ selbst als fortlaufender Prozess zwischen Dauerausstellung, Archiv, Aufbereitung und Reorganisation in spezifischen Kontexten sichtbar. Und so etwas ist dann tatsächlich wohl nur im Museum möglich.


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