BIG CITY LAB

Leviathans Krallen

Evelyn Pschak
29. September 2006
Zum dritten Mal wird das ART FORUM BERLIN von einer Motto-Ausstellung begleitet. Nachdem sie 2004 Künstler zeigte, die das Bild Berlins geprägt haben und 2005 eine Übersichtsschau ehemalige Berliner Stipendiaten vereinte, ist die diesjährige Sonderausstellung „Big City Lab“ dem Versuchsareal Stadt gewidmet – jener Plattform, auf der viele Ebenen zusammenlaufen, Gegensätze aufeinander prallen, Visionen dem Scheitern gegenüberstehen, schnelle Wechsel den Takt angeben, die Qual der Wahl uns zu Entscheidungen drängt oder wir erst gar nicht Entscheidungsträger unseres eigenen Lebens sind, weil uns gesellschaftliche Ungerechtigkeit in der Warteschleife hält.

Kuratiert wurde dieser Versuch einer neuen Definition der Megalopolis von Friederike Nymphius, die dafür 45 zeitgenössische Positionen aus 17 Nationen auf rund 2000 Quadratmetern zusammenführte. Sie wählte Künstler, denen sie in den letzten zehn bis 15 Jahren in Berlin immer wieder begegnete, die in allen Medien – Malerei, Skulptur, Installation, Fotografie und Video – arbeiten und die, so Nymphius, „vom Lebensgefühl einer Großstadt sehr profitieren in ihrem Ausdruck“. Die verschiedenen Techniken sind ihr dabei besonders wichtig, entsprechen sie doch im Konzept der heterogenen Situation einer Großstadt. Parallelen und Künstlerfreundschaften wählte sie ebenso bewusst und baute kleine Inseln mit den Arbeiten sich entsprechender, aufeinander reagierender Künstler.

Der Spaziergang durch die Straßen und Wege der als Stadt konzipierten Ausstellung soll Homogenes und Dysfunktionales in sich tragen. Das Leitsystem entwickelte die promovierte Kunsthistorikerin mit dem neuseeländischen Künstler Paul Snowden. Der Bezug zu Berlin fällt der 37-Jährigen leicht: „Berlin wurde [nach dem Fall der Mauer, Anm. der Red.] zu einem Mekka, es gibt kaum einen Künstler mehr, der nicht wenigstens für kurze Zeit in Berlin gelebt hat. Das gehört heute schon dazu. Welche Stadt hatte schon die Chance, eine zweite und sehr bewusst wahrgenommene Gründerzeit zu erleben? Deshalb steht Berlin wie kaum ein anderer Ort für das Laboratorium Großstadt, das sich immer neu erfindet, neu definiert. In Anlehnung an das Zitat von Walter Benjamin: ‚Berlin ist stets im Werden, nie im Sein’“.

Empfangen wird man von blockhaften Skulpturen aus schwarzem Resopal und Neonröhren des amerikanischen Künstlerpaars Delia Gonzalez & Gavin Russom. Gonzalez, die lange in New York mit Straßen-Tanz-Performances auftrat, und ihr Partner Russom, der minimalistische Musik studiert hatte, entwerfen inzwischen zusammen nicht nur minimalistische Soundskulpturen wie Chango (Lightning Piece) (35.000,- Euro, Peres Projects, Los Angeles/Berlin), sondern haben auch gemeinsam die Platte Days of Mars herausgebracht und designen Outfits für Heavy Metal Bands. Der starke musikalische Aspekt, der städtische Rhythmus, wird auch durch die große Wandarbeit des Schweizers Stéphane Dafflon aufgegriffen, der neben architektonischen Elementen eine Transkription seiner Techno-Erfahrungen mit in die signethafte Wandarbeit AM005 von 2006 (10.000,- Euro exkl. Steuer und Realisierung, Galerie Jan Winkelmann / Berlin) einbringt. Stark beeinflusst von der Gruppe der Züricher Konkreten um Max Bill und Richard Paul Lohse verknüpft er ihre Elemente mit einer populären Kultur des Trivialen. Ihm gegenüber blinkt eine Neon-Wandarbeit seines früheren Lehrers John M. Armleder, Tickle Tickle Tickle (2006, 60.000,- Euro, Galerie Mehdi Chouakri, Berlin).

Der New Yorker Galerist Leo Koenig konnte die sechs Inkjetprints Miracle Mile – Complete View Looking West (1999-2003) seines konzeptuellen Künstlers Brandon Lattu bereits für 45.000,- Euro verkaufen. Raumgreifend platziert ist der überschätzte Anselm Reyle (Galerie Giti Nourbakhsch, Berlin), dessen Neon-Lichtskulptur allerdings die Aleatorik des großstädtischen Lebens nicht schlecht aufgreift. Die zufällige Kombination der gefundenen Neon-Elemente soll laut Nymphius auch das Element des Scheiterns in sich bergen. Selten ist Reyle eine Arbeit besser geglückt.

Gerwald Rockenschaub ist auf der diesjährigen Berliner Messe nicht nur bei Thaddaeus Ropac und Mehdi Chouakri vertreten, er bildet mit zwei großen Arbeiten auch die abstrakte Übersetzung des städtischen Lebens in BIG CITY LAB. Nymphius kommentiert ihre Wahl mit folgenden Worten: „Ich habe die Abstraktion – formal wie auch inhaltlich – nie als ein Mittel zur Weltflucht verstanden. Sie ist für mich im Gegenteil ein künstlerisches Mittel, das die Vielfalt und das Chaos unseres täglichen Lebens zu übersetzen und zu ordnen versucht. Peter Halley hat damit schon vor einigen Jahren zu experimentieren angefangen. Der Wunsch nach Übersichtlichkeit und Ordnung trifft nicht nur auf mich zu, sondern auch auf viele Vertreter der jüngeren Künstlergeneration. Das lässt sich an einigen zurzeit sehr präsenten Positionen wie Torben Giehler (…) oder auf seine Weise auch an den Modellen von Vangelis Vlahos ablesen.“ Sie präzisiert weiter „(…) Gerwald Rockenschaub ist für mich ein ständiger Bezugspunkt. Er war einer der ersten Künstler, die Grafik, Musik und Design zu einem Crossover verbunden haben, wie es heute bei Daniel Pflumm eine Rolle spielt.“

Jeroen Jongeleen ist mit einer großen scherenschnittartigen Holzarbeit Hyperactive citizens (Fun’dalism), 2005 (17.500,- Euro, Upstream Gallery, Amsterdam) vertreten. Als einer der ersten Street-Art-Künstler der Niederlande versteht er seinen Hintergrund nicht nur künstlerisch als von der Straße kommend, er formuliert auch politische Forderungen, die mit Barrikaden und „auf die Straße gehen“ verbunden sind. Die große Arbeit erinnert an die Silhouette eines Liberté guidant le peuple von Delacroix, zeigt aber eigentlich seine Freunde. Sie türmen sich zu einem wilden Haufen; Street Artists, die ebenso wie er ihre Gesichter nicht zeigen, ihr Alter nicht verraten (wohl in den Dreißigern), aber in ihrer Haltung die Attitüden von Revoluzzern pflegen. Es ist der Ort der „urban resistance“, der hier thematisiert wird. Die Stadt als Ort der Aufklärung und des kämpferischen Bürgers.

Der Videokünstler und Kurator Akram Zaatari (Sfeir-Semler, Hamburg/Beirut) arbeitet mit dem fotografischen Erbe Arabiens und verleiht scheinbar Wertlosem durch das Dokumentieren und Neuordnen neuen Wert und Sinn. In der Serie „Hashem el Madani/Studio Practices“ (die Preise der Fotografien beginnen bei 1.000,- Euro für die Einzelarbeiten bis zu 11.500,- Euro für Konvolute von bis zu 16 Fotos) hat er aus einem Beiruter Studio-Archiv von 500 Fotografien circa 100 Porträts ausgewählt, die sowohl den Wechsel der Bildästhetik von den 1950er zu den 1970er Jahren dokumentieren als auch die soziologische Entwicklung der libanesischen Gesellschaft. Zu einer Zeit, als bei uns Homosexualität noch zu den absoluten Tabus gehörte, ließen sich Beiruter gleichgeschlechtliche Pärchen hochoffiziell ablichten. Hier zeigt sich die Großstadt, die noch frei ist, als „offener Deckel“ (Nymphius), dessen großstädtisches Potenzial unter der Okkupation wieder kläglich verkümmerte.

Die Installation von Lori Hersberger Johnny won’t go to heaven, 2006 (55.000,- Euro, Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg/Paris) ist eine 1:1-Übersetzung der visuellen Erfahrung „Großstadt“. Neonröhren evozieren Times-Square-Werbung, zerborstene Spiegel und zertretene Bierdosen lassen Disco-Reminiszenzen der 1980er Jahre aufblühen. Die Spiegel gelten als Sinnbilder moderner Urbanität, aber eben auch der Kontrolle und Überwachung. Das Zerschlagen der Spiegel führt zum Kontrollverlust. Das Gefühl von Kontrolle wird in dieser Ausstellung von vielen Künstlern präsentiert: ob es Maix Mayer (Galerie Eigen + Art, Berlin/Leipzig) ist, der mit seinen dokumentarischen Fotografien die Entstehung von asiatischen Megacitys kommentiert, die nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten entworfen werden, oder ob der Grieche Vangelis Vlahos architektonische Zeichnungen und Maquetten erarbeitet (The Breeder, Athen), die aufzeigen, wie ein Hochhaus hätte aussehen können, wäre es nicht unter der griechischen Junta gebaut worden. Erik von Lieshout zeigt in seiner Videoarbeit English Lesson (Stella Lohaus Gallery, Antwerpen, 10.000,- Euro, Auflage 5), wie er versucht, eine Chinesin dazu zu bringen, „Freiheit“ oder „Demokratie“ einfach nur auszusprechen – und nicht einmal das gelingt. Moderne Gefahren allüberall. Leviathan hat seine Krallen noch nicht maniküren lassen, unsere Jetztzeit ist noch immer nicht unbedingt zivilisiert…

Die Ausstellung ist – trotz der ihr auferlegten Zwänge, die eine Sonderausstellung auf der Messe eben mit sich bringt – insgesamt schlüssig, zugegebenermaßen ist das Thema des Laboratoriums und der Großstadt auch ein dankbares. Hier wird nicht am Mythos Großstadt gebaut und auch nicht zum künstlichen Berlin-Hype aufgerufen. Im Gegenteil – es ist eine Entmythologisierung, eine Aufhebung des utopistischen Gedankens, der mit der idealen Stadt auch Glück verheißt.


Mehr im Dossier  Art Forum Berlin et al. 2006

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