8. Oktober 2008
Plötzlich ist sie nicht nur ein Thema. Plötzlich wird sie zum Publikumserfolg. Die Beutekunst, das früher einmal diskret und verschämt behandelte Reizthema, hat im Verlauf des letzten Jahres eine öffentliche Aufmerksamkeit erlangt, die nicht mehr allein Experten und Betroffene teilen, sondern auch Kuratoren, Universitäten und Verlage interessiert. An Stelle der hitzig geführten, juristisch dominierten Restitutionsdebatten geht es in jüngster Zeit vermehrt um Dokumentationen, in denen gelassene Sachfragen nach Verlust und Rückgabe in durchaus versöhnlichem Tonfall gestellt werden. So hat ein Veranstalter, der sich „Deutsch-Russischer Museumsdialog“ nennt und hinter dem sich mit
Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, und
Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, hochmögende staatliche Institutionen verbergen, unlängst ein Gratis-Heftchen vorgelegt, in dem Museen von Aachen über Berlin und Dresden bis Schwerin insgesamt neun Sonderausstellungen ankündigen, die alle das Thema 50. Jahrestag der Rückführung von Kulturgütern aus der Sowjetunion teilen. Das Motto „Verluste + Rückgabe“ wird für 28 Museen in knappen, präzisen Texten mit Blick auf die jeweilige Institution sachlich verhandelt, die derzeitigen Verluste werden klar dokumentiert.
Im Presseecho des Monats September stach dabei besonders das Aachener
Suermondt-Ludwig-Museum ins Auge, das mit der Sonderausstellung „Schattengalerie“ Teile seiner vermissten Gemälde in Form von Fotografien – teils in historischen Rahmen – vorstellt und diese quasi zur Fahndung ausschreibt. Aus geographischer Sicht mutet es zunächst absurd an, dass mehrere hundert Altmeistergemälde ausgerechnet in die Sowjetunion verschleppt wurden; diese waren jedoch auf die Albrechtsburg in Meißen ausgelagert worden und insofern logische Kandidaten für die sowjetischen Beutekunstkommissionen. (Links mit weiteren Informationen am Ende des Beitrags)
Eine profunde Zusammenfassung des Themas in Geschichte und Gegenwart bietet derzeit auch das Jüdische Museum in Berlin mit der Ausstellung „Raub und Restitution. Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1933 bis heute“. Die extrem textlastige Ausstellung kann man in weiten Teilen durch die Lektüre des opulenten Katalogs ersetzen, der sich dadurch auszeichnet, dass er auch entlegene Quellentexte publiziert. Dabei sei der lesewillige Interessent gewarnt: Stichproben ergaben, dass sich nicht alle in der Ausstellung ausgebreiteten Quellentexte auch tatsächlich im gedruckten Kompendium wieder finden. Was der Katalog freilich nicht zu ersetzen vermag, sind die originalen Kunstwerke, bei denen das Lovis Corinth-Portrait von Walther Silberstein zu nennen ist, dessen neuer Besitzer mit wohlüberlegter Arglist die zu Nazi-Zeiten lästige Widmung des Malers an den Porträtierten eliminierte, die erst seit der Restaurierung des Werkes wieder zu sehen ist. Eine Werkgeschichte, die sich in ihrer ethischen Unappetitlichkeit wie ein Krimi liest. Wer die anhaltenden Diskussionen regelmäßig verfolgt und auch die subtilen Untertöne zu interpretieren gewohnt ist, wird in der Veranstaltung wenig Neues antreffen. Allein der ungemeine Publikumsandrang scheint den Veranstaltern recht zu geben, hier auf simulierten Sperrholztransportkisten Aspekte der gesammelten Grausamkeiten, aber auch der Widersprüche und Absurditäten erneut Revue passieren zu lassen. An der einen oder anderen Stelle wäre jedoch ein differenzierterer Ton angemessen gewesen, wenn etwa Mitglieder der Familie Arnhold, ehemals Dresden, sich weitgehend ausgesöhnt haben und in der stringenten Täter-Opfer Argumentation nicht vollkommen stimmig dargestellt sind.
Bereits im Frühjahr fand in New York an der juristischen Fakultät der Yeshiva Universität eine Tagung mit dem Titel „Krieg und Frieden: Kunst und Kulturgüterrecht im 21. Jahrhundert“ statt. Ein Teilaspekt der pikanten Tatsachen liegt nach Aussage von Lucian Simmons, Leiter der Restitutionsabteilung bei Sotheby’s, in dem Umstand begründet, dass man natürlich mit Beutekunst massenhaft Geld machen kann. Was die Nationalsozialisten als „entartet“ bezeichneten, ist allein aufgrund dieses Verdikts schon wertvoll. So musste Simmons ironischerweise vor den in Umlauf befindlichen Fälschungen derartiger Kunst warnen. Er zeigte fotografische Abbildungen von Rückseiten, auf denen neben Swastikas auch das Wort „ENTÄRTET“ zu lesen war, weil offenbar dem Deutschen gar nicht genug Umlaute beigegeben werden können.
Ein in diesem Zusammenhang aus unterschiedlichen Blickpunkten beleuchtetes Phänomen widmet sich der Händler „entarteter“ Kunst Bernhard A. Böhmer. Einem ganztägigen, von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Kolloquium an der Freien Universität (FU) Berlin und einer angekündigten Monographie steht im Kulturhistorischen Museum der Stadt Rostock eine aus nahezu eintausend Positionen bestehende Sammlung gegenüber, die Böhmer seit 1937 zusammentrug. Nach dem Krieg sichergestellt, ist es nie gelungen alle Werke an ihre rechtmäßigen Besitzer zu restituieren, auch wenn das einmal das erklärte Ziel der DDR-Behörden war. Bald wird der gesamte Bestand erstmals wissenschaftlich erfasst sein und ein einmaliges Dokument darstellen, das eine weitere Facette zum Thema „entartete Kunst“ illuminieren wird. Den Band wird Meike Hoffmann im Rahmen der Schriftenreihe der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ der FU Berlin herausgeben.
So, wie es in Rostock noch immer einen beträchtlichen Fundus bislang nicht restituierbarer Kunstwerke gibt, verhält es sich ebenfalls in Frankreich, wo zurzeit ein vergleichbares Segment in Paris ausgestellt wird. Unter dem Titel „A qui appartenaient ces tableaux?“ (Wem gehörten diese Gemälde?) zeigt noch bis zum 28. Oktober das Musée d’art et d’hisoire du Judaisme herrenlose Kunst, die unter des Besatzung der Nationalsozialisten ihren in Frankreich beheimateten, meist jüdischen Besitzern gestohlen und für den Abtransport ins Deutsche Reich gesammelt worden war. Die unselige Sammelstelle, das „Jeu de Paume“, am Westende der Tuillerien gelegen, besuchte Hermann Göring angeblich allein einundzwanzig Mal, um seine Auswahl für Carinshall zu treffen. Zu den 53 ausgestellten Tableaus gehören neben Altmeistergemälden auch Arbeiten von Gustave Courbet, Edgar Degas, Max Ernst und Henri Matisse. Der empfehlenswerte bilinguale Katalog geht heftig und kritisch mit den Kollaborateuren und den Spurenverwischern nach 1945 ins Gericht, führt aber auch das Pikante der komplexen Provenienzen vor Augen, die sich vielfach schlicht nicht mehr klären lassen. Auch nach einer dreimonatigen Station im Israel Museum in Jerusalem in diesem Frühjahr konnten keine spektakulären Rückführungen vorgenommen werden, weil potentiellen Antragstellern zweifelfreie Beweise wie Fotos, Inventarlisten oder eben auch Verlustanzeigen fehlen. A propos pikant: Nach Auskunft der Ausstellungsleitung stehen die in dieser Sonderschau versammelten Bestände des Musées Nationaux Récupération (MNR) für Leihgaben nicht zur Verfügung: Ob da wohl jemand Restitutionsansprüche oder gar Beschlagnahmen fürchtet?
Mehr Informationen:
„Schattengalerie“ - Verlorene Gemälde des Suermondt-Ludwig-Museums, Aachen.
Vom 6. September 2008 bis 8. Februar 2009
„Raub und Restitution“ - Kulturgut aus jüdischem Besitz von 1993 bis heute, Jüdisches Museum, Berlin.
Vom 19. September 2008 bis 25. Januar 2009
“A qui appartenaient ces tableaux?” (Wem gehörten diese Gemälde?), Musée d’art et d’hisoire du Judaisme, Paris.
Vom 25. Juni bis 26. Oktober 2008