21. September 2010
Bernadette Corporation: „A Haven for the Soul“ – Galerie Neu, Berlin. Vom 4. September bis 2. Oktober 2010
Und es gibt sie doch: Ausstellungen, die alles richtig machen. Die zur rechten Zeit am rechten Ort sind. Besser als Bernadette Corporations Tableau „A Haven for the Soul“ in der Berliner Galerie Neu kann man es zurzeit kaum hinkriegen. Da stimmt die Idee, da passt die Ökonomie der dafür aufgewandten Mittel. Und dann sieht das Ganze auch noch ziemlich scharf aus: Eine unterkühlte Readymade-Wellness-Oase hat uns das Kollektiv da eingerichtet. Trotzdem geht es in diesem, bereits im Titel versprochenen, Seelenhafen-Utopia alles andere als beruhigend, formal sauber oder konzeptuell bereinigt zu.
Dabei blitzt und blinkt es an allen Ecken. Todschicke Wasserhähne, High-End-Badezimmerarmaturen sind auf Sockeln installiert oder so elegant wie beiläufig auf Regalen ausgebreitet. Eine vor Chrom blitzende Erlebnisdusche wurde direkt mit der Wand verschraubt, daneben findet sich eine funktionale Einrichtung für die tägliche Kneipp-Kur. Die ohnehin ziemlich schmucke Neu’sche Ausstellungsvitrine schaut für dieses Gastspiel des anonymen Künstlerzusammenschlusses, der seit etwa 1994 als „Bernadette Corporation“ firmiert und vor allem von New York und Paris aus operieren soll, noch mehr nach Edelboutique aus, als wir das eh schon gewohnt sind.
Zu Recht stellt sich da die Frage, ob und wie dieses inszenierte Badezimmerparadies Kunst sein kann. Ob es reicht, wenn zusätzlich zwei hochkant an der Wand lehnende Flachbildmonitore pausenlos Bilder austretenden Öls aus dem BP-Leck im Golf von Mexiko zeigen. Ob es nicht zu einfach ist, diese sorgfältig hergestellte Badezimmer-Showroomatmosphäre mit so viel tagesaktueller Umweltverschmutzung zu konterkarieren. Und ob es tatsächlich weiterführt, diese Luxusarmaturen aufwändig mit Textpartikeln zu gravieren – wie wir bei genauerer Betrachtung feststellen dürfen. Die Brausen und Düsen, Wasserhähne und Schläuche sind nämlich beinahe allesamt bearbeitet: Teilweise wurden sie mit dem eleganten Firmenlogo der Bernadette Corporation gleichsam „signiert“, teilweise mit Text förmlich tätowiert.
Diese Texte müssen ihre Quelle allesamt im Internet haben. Denn sie sprechen jene atemlose, verkürzte und oft so erratische Sprache, wie wir sie von User Posts, den Kurzmitteilungen der Internetnutzer, kennen. „riri wid har phat pump um lol island girls selll OFFF!!“ heißt es etwa in dem Dialog-Stakkato, mit dem phat pump um (2010), das Duschmodell „WaterFall“, graviert ist. Gegenstand dieser sich über die Armaturen ausbreitenden Kommentar-Erzählung ist R&B-Sängerin Rihanna – Anlass für die aus dem Netz entnommenen, nicht selten pornografischen aber auch kritisch-moralisierenden Posts sind offenbar im Netz kursierende Nacktaufnahmen der Sängerin. Als Zugabe hält diese Schau dann noch ein zehnteiliges Bücher-Set parat. Modetitel wie „The Coming Insurrection“ des aktivistisch linken Invisible Committee, Klassiker wie Alan Ginsburgs „Howl“ oder Melvilles „Moby Dick“ und populäre Ratgeber vom Schlage „The Easy Way to Stop Smoking“ haben Bernadette Corporation hier nachgebaut und die Originaltexte durch User-Meinungen, Kunden-Empfehlungen, Kommentarforen und Blog-Posts – schlicht, den Mitteilungswahnsinn, wie ihn die neuen Medien mit bedingen – ersetzt.
Und plötzlich ergibt dieses schick schillernde Reinigungsambiente perfekten Sinn. In den Arbeiten und Interventionen von Bernadette Corporation geht es immer wieder um die Problematik von Subjektivität und Identität heute, um ein Leben unter massenmedialen Bedingungen. Und darum, wie Kunst diesen Plot nicht nur zeigen, sondern aktiv mitgestalten kann. Entsprechend verflüssigt „Haven for the Soul“ die Grenzen zwischen Kunst und Ware, grandiosem Konzept und blödem Einfall, ändert die Ausstellung unablässig ihre Gestalt, ihre Funktion, ihre Adressaten. Hygiene-Design und dokumentierter Schmutz, (tages)politisches Ereignis und massenmediales Klischee, Persönliches und Privates, Wirklichkeit und Wunsch, kollektive Sehnsüchte und individuelle Befindlichkeiten irrlichtern zwischen den konkreten Objekten und artistisch-konzeptuellen Arrangements, die diese Schau mit leichter Hand einrichtet.
Bernadette Corporation macht all das, wie eingangs gesagt, am rechten Ort zur rechten Zeit. Auch, weil sich gerade Berliner Kunst – und das gilt bei Weitem nicht nur für das Programm der Galerie Neu – allzu bereitwillig dem Terror der Befindlichkeit beugt. Nirgendwo wird so ausgiebig und selbstverliebt an der individuellen Lebensführung gebastelt wie hier. Schließlich kann man es sich hier, noch, leisten. Doch nichts davon erwartet uns in jenem „Haven for the Soul“. Im Gegenteil. Style, Selbstausdruck, Individualität, aber auch den Fetisch der freien Meinungsäußerung, all das macht uns Bernadette Corporation auf besonders virtuose Weise madig. Die behauptete Äquivalenz von Privatheit und Politik? Wir sollten unsere Zweifel daran haben. Spätestens unter der Dusche singt jeder für sich ganz alleine.