23. September 2009
Es scheint eine goldene Regel zu sein: Wer eine neue Galerie aufmacht oder einfach nur umziehen will, der macht das zum Saisonstart nach der Sommerpause. Und wer dachte, dass der Berliner Herbst in Zeiten der veränderten Marktsituation ruhiger würde, hat sich getäuscht. Na gut, ein wenig ruhiger ist es schon. Es sind nicht mehr ganz so viele Neueröffnungen und Zuzügler zu beobachten wie in den Jahren davor. Galeriehäuser schießen auch nicht mehr über Nacht aus dem märkischen Sand. Vielleicht sind nun auch alle da, die nach Berlin kommen wollten. Aber es ist immer noch allerhand los. Und wie stets folgen diese Bewegungen gewissen Mustern und Trends, werden bestimmte Gebiete verlassen und andere erschlossen.
Vereinfacht und vielleicht etwas zugespitzt ausgedrückt: Wer dieser Tage etwas auf sich hält, der geht in den Westen. Zuzugsgebiet Nummer eins ist dabei sicherlich die Gegend um die Potsdamer Straße und Kurfürstenstraße in Schöneberg, wo sich seit einigen Jahren im Quadranten von Neuer Nationalgalerie und Straßenstrich, Burger-King-Filiale und der Berliner Kneipeninstitution Kumpelnest 3000 eine Galerie nach der anderen ansiedelt. Der prominenteste Zuzügler dieses Herbstes ist sicherlich die GalerieKlosterfelde, die sich nach acht Jahren in der Zimmerstraße aus Mitte verabschiedet. Der scheunenartige Anbau, in dem sich die Galerie dort befand, soll abgerissen werden. Die neuen Räume, so hört man, liegen in einer Mehrzimmerwohnung im ersten Stock eines Wohnhauses, Stuck inklusive, Holzboden auch. Das Beletage-Prinzip also.
Zusätzlich zu den dort bereits Ansässigen Giti Nourbakhsch, Sommer & Kohl, Sassa Trülzsch, Tanya Leighton, Cinzia Friedlaender und Isabella Bortolozzi sind neben Klosterfelde zwei weitere Neuzugänge zu vermelden: die Galerie reception, geführt von Christine Heidemann und getragen zusammen mit Victor Gisler von der Züricher Nobel-Galerie Mai 36, sowie Nymphius Projekte, unter Federführung der Kuratorin Friederike Nymphius. Reception eröffnet mit einer Ausstellung des Malers Jens Ullrich, der seinerseits schräg gegenüber seit einem halben Jahr den Projektraum center organisiert. Nymphius dagegen zeigt eine sehenswerte Kombination aus „Alt und Neu“, aus „international erfolgreich“ und „noch zu entdecken“, wenn sie Arbeiten des jungen Bildhauers Andreas Golinski und des 2005 verstorbenen Malers Steven Parrino miteinander kombiniert. Neu in der Gegend ist ebenfalls die Galerie der Spanierin Maribel López, die bislang an der Jannowitzbrücke beheimatet war. Ohne Frage, spätestens mit diesem Herbst ist das Areal unmittelbar westlich des Potsdamer Platzes zum Hotspot der Berliner Kunstszene aufgestiegen.
Am ehemals hochgepriesenen Standort an der Jannowitzbrücke hingegen ist nun außer c/o – Gerhardsen Gerner bald niemand mehr zu Hause. Denn auch der gemeinsame Berliner Raum von Susanne Vielmetter aus Los Angeles und Praz Delavallade aus Paris wird nach der aktuellen Ausstellung schließen und soll in absehbarer, aber noch unbestimmter Zeit an anderer Stelle wieder eröffnen. Und auch die Zimmerstraße, einst hiesige Vorzeigeadresse in Sachen Galeriehaus, dünnt immer mehr aus. Zwar gibt es mit der Berliner Dependance der Prager Galerie Jiri Svestka, die am vergangenen Wochenende mit einer Ausstellung von Ioana Nemes eröffnet wurde, einen Neuzugang zu vermelden, doch neben Klosterfeldehaben sowohl Max Hetzler als auch Matthias Arndt dort ihre Standorte aufgegeben und sich in ihre – seit einiger Zeit schon betriebenen – Projekträume zurückgezogen. Arndt & Partner werden in Zukunft nur noch mit einer Adresse in Berlin vertreten sein, in der sogenannten Halle am Wasser hinter dem Hamburger Bahnhof. Die alten Räume dagegen werden nun auf Zeit von der befreundeten Burger Collection bespielt. Hetzler dagegen wird von nun an nur noch aus seiner wahrlich riesenhaften Fabriketage in den Weddinger Osramhöfen heraus operieren, in der am 25. September eine Gruppenausstellung zum Thema Zeichnung eröffnet. Ob dieses Spiel des „aus zwei mach eins“ krisenbedingt ist oder nicht, sei dahingestellt, es passt auf jeden Fall zum Zeitgeist. Antizyklisch dagegen denkt Hetzlers Weddinger Nachbar Guido W. Baudach: Er macht aus einem Raum zwei. „Ich eröffne zum 10-jährigen Ausstellungsjubiläum im Dezember eine Dependance in Charlottenburg“, erzählt er. Ein kleiner Raum soll es werden, mit nicht einmal 50 Quadratmetern Ausstellungsfläche, unweit des Savignyplatzes und in Sichtweite der Kunsthochschule. Also auch hier: tief im Westen, sehr tief. Das elegante und stilvolle Holzmotorboot zum 500-Quadratmeter-Tanker in der Weddinger Fabriketage.
Auch in der Markgrafenstraße, einem der Galeriecluster, der sich vor zwei Jahren an der Grenze zwischen Mitte und Kreuzberg etablierte, tut sich noch etwas. Barbara Thumm hat während der Sommerpause ihre Räume in der Dircksenstraße aufgegeben und ihr gesamtes Geschäft hierher verlagert, wo sie schon seit 2008 einen zweiten Raum besitzt. Nun hat sie einen weiteren angemietet und wird dort das Hauptquartier ihrer Galerie einrichten. Im gleichen Komplex befinden sich nun auch die Räume der Kölner Galerie Rolf Hengesbach, der bereits mit einer Ausstellung der beiden Maler Dirk Eiken und Volker Wevers eröffnet hat. Köln dagegen hat Hengesbach, der in Berlin ursprünglich nur auf der Suche nach einem temporären Raum war, ganz aufgegeben.
Und noch eine Neuerung gibt es zu vermelden für diesen Herbst. Nicht nur, dass die Johnen Galerie ebenfalls umzieht und statt im Plattenbau-Niemandsland östlich des Alexanderplatzes nun in einer sehr viel etablierteren und gehobeneren Gegend hinter dem Berliner Ensemble unweit von Reichstag und Friedrichstraße zu finden ist. Nein, das Haus in der Marienstraße 10 wird zusätzlich zu Johnen, der mit einer Ausstellung von Roman Ondák eröffnet, zwei Neu-Berliner mit Rang und Namen beherbergen: Die Galerie Krobath aus Wien und die altgediente Produzentengalerie Hamburg. Krobath versteht seinen Berliner Raum dezidiert als eng an die Wiener Galerie und deren Künstlerprogramm gekoppelte Filiale, mit der er die „Energie von Berlin für sich auszunutzen gedenkt“. Die Produzentengalerie sieht ihren ph projects genannten und von Tanja Maka geführten Raum sehr viel mehr als bewegliches „Spielbein“, das auch programmatisch ein Stück weit unabhängig ist.
Ähnlich soll das auch in den ehemaligen Berliner Räumen der Galerie Michael Werner werden: Unter dem Namen VW (VeneKlasen/Werner) wollen Werner und sein New Yorker Partner Gordon VeneKlasen künftig auf das Prinzip „Projektraum“ setzen. Die erste Ausstellung des von Heike Tosun geleiteten Raumes wird ab Mitte Oktober Arbeiten von Thomas Houseago und Aaron Curry präsentieren. Aus dem gleichen Haus in wesentlich kleinere, aber auch sympathischere Räume am Tempelhofer Ufer ist dagegen Klara Wallner gezogen, die nach einigen Monaten Pause mit einer Ausstellung von Sebastian Schlicher wiedereröffnet. In der Brunnenstraße, wo Wallners allererste Galerie lag, hat – man will es kaum glauben – einmal mehr eine Produzentengalerie eröffnet, mit Namen Axel Obiger. Ach ja, und dort hat auch KOW (KOCH OBERHUBER WOLFF), das gemeinsame Projekt des Pariser Galeristen Jocelyn Wolff und der Kuratoren Alexander Koch und Nikolaus Oberhuber, nach langer Vorbereitung und einigen Testläufen, in einem immer noch unfertigen Neubau seine reguläre Ausstellungsarbeit aufgenommen. So stößt man also auf vertrautem Terrain auf neue Gesichter, während man sich andernorts ganz neue Viertel erschließen muss. Die Berliner Galerienszene jedenfalls bleibt in Bewegung.