18. März 2011
TEFAF (The European Fine Art Fair) – Maastricht Exhibition & Congress Centre, Maastricht. Vom 18. bis 27. März 2011
Die European Fine Art Fair, kurz TEFAF, größte und unwidersprochen schönste aller Kunst- und Antiquitätenmessen der Welt, trägt bei ihrer 24. Ausgabe Sorgenfalten auf der Stirn. Gleich zu Beginn präsentiert sie Zahlen. Keine fröhlichen Angebots- und Verkaufszahlen, zu denen kommen wir später, sondern jene, die erklären sollen, wie der weltweite Kunstmarkt mittlerweile tickt. Eine 170-seitige Studie hat sie in Auftrag gegeben: „The Global Art Market in 2010. Crisis and Recovery” – ein Titel, der trotz des Versuchs Optimismus zu verbreiten, Magengrummeln verursacht. Ja, es gehe wieder aufwärts, die Ausgaben für Luxusgüter seien 2010 erstmals wieder gestiegen, eine der größten Krisen des Kunstmarktes bewältigt. Doch wer genau hinsieht merkt, dass nur bedingt Grund zur Freude besteht. Schlüsselerkenntnis dieser Studie ist nämlich: der chinesische Kunst- und Antiquitätenmarkt hat sich seit 2009 wertmäßig fast verdoppelt und ist damit nach den USA der nun zweitgrößte der Welt. Vor allem chinesische Konsumenten sind es also, die dem Markt neuen Aufschwung bringen.
Was heißt das für Europa, für die TEFAF? Jedenfalls offenbar nicht, dass man vermehrt versucht, chinesische Käufer an die Maas zu locken. Zwar haben Stände wie der von Cohen & Cohen aus London potenziell das Zeug dazu, mit Werken wie einem seltenen Paar chinesischer Porzellanleoparden von 1720 (Preis: 3,5 Millionen Britische Pfund) Käufer aus dem Reich der Mitte in die Mitte Europas zu locken, doch nach wie vor bestimmt klar die Klientel aus dem Dreiländereck die Messe: Vor allem Belgier, Franzosen und Deutsche tummeln sich auf der Eröffnung. Amerikanische Sammler sind ebenfalls zahlreich vor Ort, sie reisen jedoch lieber am Wochenende an. Eine weitere wichtige Erkenntnis der Studie unter der Leitung von Clare McAndrew, Kulturökonomin und Gründerin von Arts Economics: sie macht deutlich, dass das Vorhaben der EU, 2012 das Folgerecht auf alle Mitgliedsstaaten zu erweitern, fatale Konsequenzen haben könnte. Bereits ab einem Wert von 40.000 Euro würde es sich danach für europäische Händler lohnen, ihr Werk nach Übersee zu schicken, um es dort an den Mann zu bringen. Ist das Folgerecht der Todesstoß für den europäischen Kunstmarkt? Bisher geht es dem den Umständen entsprechend gut bzw. wieder ein wenig besser. Aber auch wer dem Alter höchsten Respekt entgegenbringt muss feststellen, dass der Altersdurchschnitt, vor allem der zeitlich vorrangig eingeladenen VIPs, von Jahr zu Jahr nicht eben sinkt. Auf der TEFAF liegt er, jedenfalls zur umsatzstarken Eröffnung, bei gefühlten 75 Jahren, mindestens. Das kommt schön gediegen herüber, ist aber Gift in Anbetracht ebensolcher Zahlen der genannten Studie. Die TEFAF muss sich, ebenso wie die europäischen Händler für Alte Kunst und Antiquitäten, den Nachwuchsfragen widmen – und das eher heute als morgen.
Was lässt sich über das Angebot der Messe sagen? Es ist, wie nicht anders zu erwarten, großartig. Die Crème de la Crème der internationalen Kunsthändlerschaft ist auch in diesem Jahr wieder angereist, darunter Johnny van Haeften aus London, Konrad O. Bernheimer aus München und Colnaghi aus London oder Richard L. Feigen aus New York. Otto von Mitzlaff aus Wächtersbach, Frank C. Möller Fine Arts aus Hamburg, Albrecht Neuhaus aus Würzburg, die Galerie Neuse aus Bremen oder Rudigier Alte Kunst aus München repräsentieren den deutschen Handel mit ausgefallenen Stücken.
Selbst wenn zunehmend weit verbreitete Bescheidenheit in der Gestaltung der Kojen zu spüren ist, geschuldet wohl weniger dem Wunsch nach feiner Zurückhaltung als dem Anliegen an Einsparung von Kosten, bietet die TEFAF museale Qualität allerorten. Auch wer die Messe bereits mehrmals besucht hat, ist zunächst erschlagen von den Feinheiten, die sich den Augen bieten. Wie benommene Honigbienen wanken die Besucher zwischen Tulpen- und Magnolienfeldern von Stand zu Stand. Wohin zuerst schauen, wenn 260 Aussteller aus 16 Ländern einfach alles anbieten, vom süddeutschen Turnierrüstzeug von 1490 (Peter Finer, London), einer griechischen Zeusstatue aus dem späten 5. Jahrhundert vor Christus (Jean-David Cahn AG, Basel/St.Moritz) oder einem der kleinsten Augsburger Kabinettschränkchen des 17. Jahrhunderts aus Ebenholz und Lapislazuli (Kunstkammer Georg Laue, München) über gleich 20 Werke von Auguste Renoir (Hammer Galleries, New York) bis hin zum 118,08 Karat-Diamanten für 18 Millionen Euro (Graff, London)?
Für 47 Millionen US-Dollar lässt sich bei Otto Naumann aus New York das teuerste Werk der Messe erstehen: Das Porträt eines Mannes mit in die Seite gestemmten Armen von Rembrandt Harmensz van Rijn, entstanden 1658 in einer späten Schaffensphase des Künstlers. Ein großformatiges Porträt von Georg Pencz, den Nürnberger Kaufmann Sigismund Baldinger darstellend und entstanden um 1545, hat eine abenteuerliche Geschichte hinter sich: Es gehörte einst dem ungarischen Baron Herzog und Sammler Mór Lipót, dessen Sammlung während des Zweiten Weltkrieges von den Nazis beschlagnahmt und teilweise verkauft wurde. Das herrschaftliche Porträt Baldingers war für Hitlers nie realisiertes Führermuseum in Linz bestimmt, befand sich nach dem Krieg in den Staatlichen Museen Kassel und wurde 2010 schließlich an die Erben des Barons restituiert. Läppische 12 Millionen US-Dollar sind dafür auf der TEFAF nun fällig. Es wird gefeilscht: Wenn der werte Herr sich für den Rembrandt und den Pencz entschiede, gäbe es auch einen Nachlass, juxt die Galerieassistentin munter. Es ist wohl halb Ernst gemeint, man weiß ja nie.
400.000 Euro muss einem das Motiv des TEFAF-Kataloges wert sein, das Lawrence Steigrad Fine Arts aus New York mitgebracht hat. Das vor allem die ältere Damenwelt zu Recht entzückende Porträt Kleiner Junge mit Hund von Hendrick Berckman entstand Mitte des 17. Jahrhunderts und stellt unter Umständen einen kleinen Prinzen dar. Auch zwei weitere Kinderporträts des 17. Jahrhunderts hat Steigrad im Angebot, ebenso wie die hochpräzise Innendarstellung einer gotischen Kirche von Hendrick van Steenwyck dem Jüngeren (1580-1649) für 75.000 Euro. Bei Eric Coatalem dominiert das gigantische Gemälde Die wachsame Hirschkuh, entstanden 1729, von Jean-Baptiste Oudry die Szenerie. Zwei Millionen Euro will der Pariser Händler dafür haben.
Glanz und Gloria wohin man schaut. Allein bei Schlichte Bergen aus Amsterdam wird der Besucher nachdenklich. Den apokalyptisch explodierenden Vulkan Stromboli von Jean Charles Joseph Remond hat man mitgebracht. Dessen giftige Lava ergießt sich ins Meer, auf dem in einem einer winzigen Nussschale gleichenden Boot die dem Untergang geweihten Menschen ohnmächtig die Szenerie verfolgen. Was für ein Privileg, sich mit derartigen Szenen auf der Leinwand beschäftigen zu dürfen. Zumal in Zeiten wie diesen.