20. Oktober 2011
56. Kunst-Messe München – Postpalast, München. Vom 20. bis 30.Oktober 2011
Liebhaber alter wie zeitgenössischer Kunst sind ab heute in München gut aufgehoben. Der Kunstherbst – er hält mit Regen und Eiseskälte Hof – geht dort gleich mit drei Messen ins Rennen: Als Allrounder spannen im ehemaligen Postpalast die 56. Kunst-Messe München und die Munich Contempo ihr Angebot von der Antike bis hin zu absoluten Newcomern. Zwar täte etwas mehr Platz Not im Wust der teils aufwändig gestalteten Stände. Doch in der Kombination beider Messen, die durch einen schmalen Gang miteinander verbunden sind, liegt der Reiz der insgesamt fast 100 Aussteller umfassenden Veranstaltung. Als Anfangspunkt des Marsches durch die Kunstgeschichte dienen die Gänge der Messe für Alte Kunst, in denen sich am Tag der Vernissage die Besucherströme wanden – bevor es morgen weiter zu den Highlights – Internationale Kunstmesse München geht: Alte Kunst und Antiquitäten werden hier unter Leitung Konrad Bernheimers im Haus der Kunst angeboten.
Auf der 56. Kunst-Messe ist dagegen auch der Bereich der Klassischen Moderne bestens bestückt. Sogar einige Neuentdeckungen sind möglich – und das übrigens mit blütenreinen Provenienzen. Die sind, gerade in Zeiten wie diesen, buchstäblich Gold wert – und so wird es den potentiellen Käufer freuen, dass die bei Renate Krümmer von Krümmer fine art aus Hamburg angebotene Ruhende Elsa im roten Kleid einst beim Künstler Albert Birkle persönlich erworben wurde. Der schuf das Bildnis seiner ersten Ehefrau Elisabeth Starosta zwar bereits 1926, konnte sich von der halb Entblößten vor irisierend petrolfarbenem Grund jedoch erst 1977 trennen. Vielleicht mag es daran liegen, dass sich die zum Zeitpunkt des Porträts gerade dreißigjährige Schöne in den 1950er-Jahren das Leben nahm, nachdem Birkle ihr eine Art Ehe zu dritt mit seiner jungen Geliebten aufzwang. Als Preis sind hier 125.000 Euro angesetzt. Eine astreine Herkunft weisen auch die grellen Dahlien und Pfingstrosen auf, die Erstteilnehmerin Sylvia Kovacek von der Galerie Kovacek aus Wien auf der Messe präsentiert. Emil Nolde brachte die Blüten 1930 auf Papier, sie stammen aus dem Besitz Jolanthe Noldes, der Ehefrau des Malers.
„Jede Menge kleiner Westphals!“ entfährt es einem begeisterten Sammler auf dem Stand der Galerie Maulberger aus München. Und tatsächlich sind dessen Wände ganz den deutschen Abstrakten gewidmet. Außer Conrad Westphal finden hier auch weniger bekannte, günstigere Künstler wie Rolf Cavael (ab 7.000 Euro) angemessenen Ort neben Größen wie Max Ackermann oder Fritz Winter. Alle Künstler eint ihr Schicksal während der Zeit des Nationalsozialismus, die Ausstellungsverbote und Diffamierung mit sich zog. Winter beteiligte sich 1938 mutig an einer in der New Burlington Gallery London stattfindenden Gegenausstellung zur propagandistischen Wanderschau „Entartete Kunst“ der Nationalsozialisten. Auch ein späteres Werk von Otto Dix atmet den Geist der Gegenbewegung. Der Blick auf Frühling in Hemmenhofen kommt wie eine liebliche Landschaftsdarstellung daher. Erst beim zweiten Hinsehen wird klar, welch brisante politische Aussage das 1937 geschaffene Werk enthält, das die Galerie Rudolf aus Kampen anbietet. Während im braunen Moder seiner damaligen Heimat die Menschen gebückt zu kriechen scheinen, lässt Dix am anderen Ufer des Rheines, gleich gegenüber, die Sonne aufgehen – in der Schweiz. Das bedeutende Gemälde Franz Radziwills Das Spiel des Menschen von 1950, viel politisch gedeutet und häufig ausgestellt, hat die Galerie ebenfalls mit dabei.
Doch auch das Ding an sich möchte Zeuge der Geschichte sein. Und so führt einen das reich bestückte Angebot an Antiquitäten und Kunsthandwerk munter kreuz und quer durch die Jahrhunderte, gar Jahrtausende. Von feinstem englischen Silber aus dem frühen 18. Jahrhundert bei Dr. K. & R. Schepers aus Münster und französischen Möbeln bei Albrecht Neuhaus aus Würzburg über alte Spiegel bei Eric Meletta aus München und Skulpturen des 16. Jahrhunderts bei Senger Bamberg bis hin zu tibetischer Kunst bei Peter Hardt aus Radevormwalde und russischen Ikonen bei Neuteilnehmer Brenske Gallery aus München ist für alles gesorgt.
Bei Steinbeck aus Aachen ist ein exquisites, Gold staffiertes Meißner Kaffee- und Teeservice mit chinesischen Szenen von um 1720 zu erstehen. Derart guter Erhalt über Jahrhunderte will gut bezahlt werden, und so hat die Kostbarkeit ihren Preis: mit "unter 200.000 Euro" ist man dabei. Golden glänzt es auch am Stand von Eva Toepfer. Ihr Kunsthandel aus Bech-Kleinmacher in Luxemburg hat ein Goldenes Mundzeug aus ehemals kaiserlichem Besitz mit auf die Messe gebracht. Das siebenteilige Einzelbesteck wurde um 1806 aus purem 13-karätigen Gold gefertigt, wiegt 240 Gramm und stammt aus dem Besitz der Fürsten Lobkowicz, einem der ältesten böhmischen Adelsgeschlechter. Schon angesichts des stetig steigenden Goldpreises sind 48.000 Euro für das im originalen Etui angebotenen Mundzeug angesetzt.
Kaiserliches beherrscht auch Hans Eitzenberger aus Hamburg. Sein auf der Messe präsentierter, chinesischer Knüpfteppich aus der Qianlong-Zeit wurde einst aus reiner Seide für den Palast der Himmlischen Klarheit in Pekings Verbotener Stadt geschaffen. Ein chinesischer Händler war bereits einige Minuten nach Eröffnung der Messe an dem harmonischen Farbreigen des um 1800 entstandenen, sehr gut erhaltenen Stückes interessiert. Chinesische Melodien klingen dagegen vom Stand des Kunsthandels Georg Britsch aus Bad Schussenried herüber. Das dort präsentierte, um 1880 gefertigte Spielwerk eines Genfer Herstellers, voll funktionsfähig und in bestem Erhaltungszustand, wurde einst für den Export nach China hergestellt und spielt 13 verschiedene Stücke. Bereits um 1900 kam es im Rahmen des Boxeraufstandes mit einem Marineseelsorger zurück nach Europa und ruhte seitdem weitgehend im Palisandergehäuse vor sich hin. 48.000 Euro sind dafür veranschlagt.
Einen kompletten Meissener Tafelaufsatz aus dem Besitz Heinrich Graf von Brühls präsentiert Elfriede Langeloh aus Weinheim im eigens dafür geschaffenen Schaukasten mit hintergründiger Schlossansicht. Das Holländische Dorf, eingesetzt einst auf den Desserttafeln großer Festbankette, besteht aus insgesamt acht Porzellanhäusern, die zwischen 1743 und 1775 entstanden. Dem dreistöckigen Stadtpalais kommt dabei eine besondere Stellung zu: Der Auftraggeber selbst hatte die Idee zu eben diesem nach Pöppelmanns Dresdner Palais gefertigten Hauses und beauftragte J.J. Kändler mit der Fertigung. 17 Figürchen von Jägern und Gejagten ergänzen das für 320.000 Euro angebotene, seltene Ensemble, von dem weltweit insgesamt nur drei Stück existieren.
Bei der Antike fällt das Angebot ebenfalls reichhaltig aus. Eine zierliche römische Hand aus dem 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. hat Günter Puhze aus Freiburg im Gepäck. 4.800 Euro sollte sie einem Interessenten wert sein. Gewandnadeln aus Vorderasien – Verwendung fanden sie im 9. bis 7. Jahrhundert v. Chr. – gibt es ob deren Häufigkeit bereits ab 100 Euro zu erstehen, Kleinfiguren sind ab 400 Euro erhältlich. Preiswerter kann man sich ein Stück Altertum kaum ins Haus holen.