21. Oktober 2011
“Munich Contempo – International Contemporary Art Fair“ – Postpalast, München. Vom 20. bis 23. Oktober 2011
Man könnte meinen, die zweite Munich Contempo – International Contemporary Art Fair profitierte in diesem Jahr vom abgesagten Berliner Art Forum. Doch die Top-Galeristen der Hauptstadt tummeln sich derzeit auf der Fiac in Paris. So zog es zum Beispiel auch den alteingesessenen Münchner Galeristen Rüdiger Schöttle an die Seine und nicht auf die Messe in seiner Heimatstadt. Sprach Munich Contempo-Messebeirat Michael Schultz schon im letzten Jahr von Gegenwind vor Ort, sind die Vorbehalte gegen das neue Münchner Forum in diesem Herbst offenbar nicht kleiner geworden. Dies zeigt sich vor allem in der Absenz der Platzhirsche unter den Münchner Galerien. Die Ressentiments vor Ort gegen das Projekt sind nicht zu übersehen. Zahlreiche Galeristen haben sich zusammengetan, um an diesem Wochenende ihr eigenes Programm auf die Beine zu stellen. „München hat keine Kapazität, ein solches Event aufzunehmen und wachsen zu lassen. Es ist für die Galerieszene kontraproduktiv. Wir Galeristen haben uns zusammengeschlossen, und ein Kunstwochenende nach Berliner Modell des Gallery Weekend gestaltet“, sagt Eva Kraus von der Galerie Steinle Contemporary.
Dagegen begrüßt die Galerie Filser & Gräf die zweite Ausgabe der Messe: „Nach einem ersten Rundgang auf der Messe konnten wir feststellen, dass das Konzept der Zusammenlegung der Kunst- und Antiquitätenmesse und der Munich Contempo zur gleichen Zeit sehr interessant ist.“ Die Galeristin Renate Bender macht die hohen Standkosten für die geringe Teilnahme der Münchner verantwortlich, drückt aber der jungen Messe die Daumen. Immerhin läuft das Geschäft: Messebeirat Michael Schultz hat prompt zum Preis von 350.000 Euro ein Gemälde Gerhard Richters und ein Georg Baselitz-Aquarell von 1997 für 48.000 Euro an lokale Kunstliebhaber verkaufen können. Auch die auswärtigen Teilnehmer sind vom Standort München und dem Unternehmen überzeugt. Galerist Jörk Rothamel aus Erfurt meint: „Versuche, eine zeitgenössische Kunstmesse an der Isar zu etablieren, schlugen bisher fehl. Aber die Konstellation hat sich geändert. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich München zu einem Zentrum der zeitgenössischen Kunst entwickelt – 2002 eröffnete die Pinakothek der Moderne, 2009 das Museum Brandhorst. Sammler, Galeristen, Künstler und Kuratoren sorgen für frischen Wind. Deswegen denke ich, dass die 2010 gestartete Munich Contempo genau den richtigen Zeitpunkt trifft. Wir waren von Anfang an dabei und haben uns nach den ersten Erfolgen dieses Jahr ums Dreifache vergrößert.“ Und Jiri Svestka (Prag/Berlin) verrät: „Die erste Edition von Munich Contempo war für meine Galerie erfolgreich. Wir haben nicht nur gut verkauft, sondern auch neue wichtige Kontakte zu Sammlern und Kuratoren geknüpft. Für uns – eine Galerie aus Prag, die vorwiegend Künstler aus Mittel- und Osteuropa vertritt – ist München eine logische und traditionelle erste Anlaufstation, um sie weiter zu vermitteln. Auch die Sammler hier schienen mir gegenüber Neuem offener zu sein als sonstwo in Europa.“
Lässt man einmal die Münchner Galerien außer Acht, hat die Messe im denkmalgeschützten Postpalast guten Zulauf und sogar mehr Aussteller als bei ihrer Premiere 2010. Zugpferd in diesem Jahr ist Global Player Leo Koenig aus New York, der Jonathan Meese und Norbert Bisky in den USA populär machte. Hier war eine dreiteilige Spiegelarbeit von Tony Martelli im Angebot, die für 75.000 US-Dollar an einen Berliner Sammler verkauft wurde. Ein weiterer internationaler Neuzugang ist die New Yorker Von Lintel Gallery. Matthias Hauser aus La Coruña, der bereits zum zweiten Mal an der Messe teilnimmt, präsentiert in München wieder Regina Silveira, die Grande Dame der brasilianischen Wandmalerei. Zwei Arbeiten des Fotografen Bernard Plossu verkaufte er im vierstelligen Bereich an einen lokalen Sammler. Eine Entdeckung ist die auf iranische Kunst spezialisierte AB Gallery aus Zürich und Luzern. Ihr Name steht für „across borders“. „Die Sprache der Kunst ist universal“, proklamieren die Galeristen Franz und Heidi Leupi, die mit ihrer Programmausrichtung im deutschsprachigen Raum Pioniere sind. Ihr 1965 geborener Künstler Sadegh Tirafkan, der in diesem Sommer im LACMA in Los Angeles zu sehen war, vereint in seiner jüngsten Werkserie „Human Tapestry“ in überraschender Weise traditionelle Teppichknüpferei mit zeitgenössischer Digitalfotografie – und zeigt damit moderne kulturelle Identität. Herausragend sind die sachlichen, zentralperspektivischen Arbeiten des Leipziger Fotografen Hans-Christian Schink, der mit seiner Serie „Verkehrsprojekte“ 2004 bekannt wurde. Die Galerie Rothamel aus Erfurt hat sie mit an die Isar gebracht. Für 8.500 Euro nahm hier ein lokaler Sammler Ulrike Theusners Tuschezeichnung Fortuna wacht über Disneyland vom Stand mit. Drucke des nackten Supermodels Kate Moss von Chuck Close hingegen, den die Wiener white8 gallery anbietet, wären ab 37.000 Euro noch zu haben, ein wegen der geringen Auflage ideales Sammlerstück. Die Galerie Ahlers aus Göttingen konnte mit dem Verkauf der Arbeiten von Sigrid Von Lintig und Sigrid Nienstedt im vierstelligen Bereich an einen Münchner Sammler punkten. Ähnlich positiv lief es auch bei der Galerie Rainer Klimczak: 65.000 Euro erhielt sie für Julian Opies Eric und Sarah von 2010.
Eine produktive Wechselbeziehung zwischen Kunstmarkt und Künstlern schafft die Sektion „Promising land“. Eine gelungene Abteilung, auf die die Veranstalter stolz sind. Emilia Scharfe, Meisterschülerin des Bildhauers Nikolaus Gerhart an der Akademie der Bildenden Künste in München und Preisträgerin des in diesem Jahr neu ausgelobten Förderpreises des Kunstclub 13, bespielt hier einen knapp 30 Quadratmeter großen Messestand mit ihrer Installation aus Spiegelstelen und einem Video. Gleich daneben präsentiert die Münchner Street Art Messe Stroke.Artfair erstmals ihre Künstler. Die Galerie Downstairs ist die allerjüngste Galerie auf der Munich Contempo. Sie bringt die Kunst mit dem Nachtleben zusammen und präsentiert Alexander Scharf. In seiner Reihe „Jungjägerin“ stellt er das Leistungstreben und die Rivalität unter jungen Jägern in Frage. Wie sich die Jagd auf Gegenwartskunst in München entwickeln wird, ist momentan nicht ganz absehbar. Doch selbst, wenn es außerhalb von München noch beliebter ist als auf eigenem Boden – das zarte Pflänzchen Munich Contempo beginnt zu wachsen.