Benedikt XVI. in Manoppello

Offenen Auges

Michael Mayer
31. August 2006
Die Nachricht ließ aufhorchen. Benedikt XVI., mit bürgerlichen Namen Joseph Ratzinger, seines Zeichens erster Deutscher auf dem Stuhl Petri seit fast 500 Jahren, verschlägt es, noch vor seinem geplanten Besuch in der alten Heimat, am 1. September in die italienischen Abruzzen - nach Manoppello, einem winzigen, nur schwer zugänglichen Bergdorf. Zielpunkt der allenthalben überraschenden Stippvisite ist ein Bild, das kein Bild sein soll: eine 20 x 40 Zentimeter große Reliquie, die den Abdruck von "he himself" zeigen soll: Jesus Christus, den Gekreuzigten. Im Gegensatz zum weit prominenteren Turiner Grabtuch indes, das das "Volto Santo", das heilige Gesicht post mortem, mithin mit geschlossenen Augen zeigen soll, sind die Augen hier weit aufgetan. Das Tuch fixiere, da es das Antlitz Christi im Grab bedeckt habe, das Wunder aller Wunder an seinem Beginn, die Auferstehung. Womit das österliche Mysterium, die heilsökonomische Korrespondenz zum Karfreitagsdebakel, seine nachgerade prosaische Beglaubigung erführe. Was nicht nur Thomas, der Ungläubige, schier unglaublich fand, kann nun jedermann mit eigenen Augen verifizieren: Komm und sieh und glaube!

Bildern liegt ein heidnischer Zauber inne. Auch den technisch generierten: "Das bin ich", sagt jeder spontan während er auf seine Fotografie deutet, und eben nicht: "Das ist ein Abbild von mir". Die instinktive Scheu von Menschen aus prämodernen Kulturen, sich ablichten zu lassen, bezeugt ihn nicht minder wie der verzweifelte Kuss von Hinterbliebenen auf das Lichtbild des geliebten Menschen. Zur bitteren Ironie der Moderne, dem Entzauberungs-Großprojekt par excellence, gehört, dass der Unmittelbarkeitstrug der Bilder mit ihrer technischen Verfertigung ins Unermessliche zu steigen scheint. Während ihre Digitalisierung die Opposition zwischen Bild und Abbild kassiert, an der die Echtheit des analog hergestellten Bildes noch zertifiziert werden konnte, geht am Phantasma imaginärer Authentizität der Versuch intellektueller Kritik zu Schanden. Der „iconic turn“ steht latent unter Magieverdacht. Die Macht der Bilder sanktioniert die Ohnmacht einer Aufklärung, die dem mythischen Bann mit den Mitteln, mit denen sie ihn zu brechen versucht, generiert. Der "Verblendungszusammenhang", von dem ein Adorno durchaus nebulös sprach, ließe sich an den Effekten des apparativ hergestellten Bildes demonstrieren. Noch Ratzingers Vorgänger im Amt, Papst Johannes Paul II. soll zu Mel Gibsons "Passion of Christ" gesagt haben: "Es ist, wie es war".

Das Dementi zur Kolportage folgte zwar auf dem Fuße. Doch spätestens mit Benedikts Abstecher nach Manoppello enthüllt die Anekdote ihren bildpolitischen Kern. Während die monotheistische Inspiration den heidnischen Götzen- und Bildzauber durch die flächendeckende Quarantäne des Bilderverbots zu ächten versuchte, kündigt sich die sogen. "Rückkehr der Religionen", allen Bilderstreits zum Trotz, mit Bildmacht an. Der "Fundamentalismus", sei es im christlichen, im jüdischen, sei es im muslimischen Gewande, unterläuft den sich schon in Echnatons Reform, dem ägyptischen Prototyp des Monotheismus, andeutenden Standard. Der neoheidnische Impuls der rechtgläubigen Eiferer äußert sich aber technisch stets auf avanciertem Stand. Schon ein Ajatollah Chomeini demonstrierte vor knapp dreißig Jahren, wie man seinen Visionen als Tele-Visionen zur entsprechenden Durchschlagskraft verhilft.

Die Lektion wurde gelernt. Keine PR-Abteilung in Sachen Religion verzichtet seitdem auf die Inbrunst des Imaginären. Auch der Archaismus eines durch unmittelbare Berührung generierten Abbilds Christi passt zu gut ins Schema einer bildstrategischen Generallinie, als dass man sich diese Gelegenheit entgehen ließe. Die Unverfrorenheit mit der sich ein bislang als intellektuell, gar rationalistisch eingeschätzter Papst der bildgestützten Frömmelei anbiedert, wird durch die offizielle Verlautbarung, Benedikt reise als "Privatmann" in die Abruzzen, erst richtig offenbar. Er tut es, aber er tut es mit schlechtem Gewissen. Mögen sich mit der trinitätstheologischen Extravaganz des Christentums auch die Karten neu gemischt haben, mag Jesus, der fleischgewordene göttliche Logos, zur Initiationszündung einer beispiellosen Ikonologie geworden sein: Das zweite Gebot, sich kein Bildnis Gottes zu machen, blieb, zumal in der weströmischen Variante des Christentums, immer ein mächtiges Hemmnis gegen die allzu unverschämte Ausbeutung visueller Evidenzen.

Damit scheint es vorbei zu sein. Seit immerhin 500 Jahren wird jenes "Volto Santo" in einer italienischen Dorfkirche verehrt, vom Vatikan allenfalls leidlich gelitten. Spätestens mit dem Besuch von Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. in Manoppello ist es mit der Scham vorbei. Der mediale Repräsentationszwang scheint die monotheistische Inspiration in ihrem Kern beschädigt zu haben. Wie sagte einst der Prophet, der Messias, der Christus? "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben."


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