Sabine B. Vogel
21. August 2009
4. Contour Biennale, Mechelen/Belgien. Vom 15. August bis 18. Oktober 2009
3. Beaufort Triennale, Nordseeküste Belgien. Vom 28. März bis 4. Oktober 2009
Sommer ist überall. Auch in Belgien. Und auch hier gibt es die mit schöner Regelmäßigkeit wiederkehrenden saisonalen Projekte. Im idyllischen Städtchen Mechelen etwa, reich an Petunien, Kirchen und ehemaligen Niederlassungen verschiedener katholischer Orden, findet seit 2003 die Contour Biennale statt. Anfangs spezialisiert auf „Videokunst“, ist die 4. Ausgabe jetzt eine Biennale „für bewegte Bilder“, denn die Kategorie Video sei „altmodisch“, wie die Kuratorin Katerina Gregos erklärt. Hier werde ja nicht nur digitales Material gezeigt, sondern auch Installationen und 16-mm-Filme, im Fall von Michaël Borremans‘ kryptisch-malerischem Beitrag sogar 35 mm: Bei Taking Turns, projiziert im Vorlesungssaal eines ehemaligen Priesterseminars, sehen wir einer jungen Frau zu, die einen Torso dreht und wendet, ein perfektes Abbild ihrer selbst. Eine Identitätssuche oder Selbstumkreisung ohne Hinweise auf Zeit oder Raum, die hier in der ehemaligen katholischen Ausbildungsstätte zu einem schönen Sinnbild für die Verfasstheit der katholischen Kirche wird.
Quer durch die Altstadt leitet uns die Biennale in elf weitgehend historisch geprägte Präsentationsräume. Nicht immer ergibt sich aus der Kombination von Ort und Werk ein derartiger Bedeutungszuwachs, aber der Rahmen ist gut gewählt für eine Ausstellung, die unter dem Motto „Hidden In Remembrance Is The Silent Memory Of Our Future“ Geschichte befragen will. Bei Julian Rosefeldts 4-Kanal-Installation, im selben Gebäude wie Borremans, findet zwar keine inhaltliche Verschränkung statt, wenigstens aber verstärkt der düstere Ort die Grundstimmung des Werks. Denn im Ursprung ist The Ship of Fools eine ortsspezifische Arbeit für die vorletzte Ausgabe von Rohkunstbau, die in Schloss Sacrow bei Potsdam stattfand und wo Rosefelds Arbeit auch produziert wurde. Das Video ist eine atmosphärisch-beklemmende Anspielung auf die konkrete, wechselvolle Historie des Ortes in Brandenburg, der – nacheinander – einen romantischen Dichter, nationalsozialistischen Generalforstmeister, Mitglieder des kommunistischen Widerstands sowie Grenztruppen der ehemaligen DDR beherbergte. Rosefeldt zeigt ein Panorama aus Deutschlandbildern, aus Anspielungen auf den Ort: bellende Schäferhunde, einen Mann im Sumpf, Rückenfiguren, die an Caspar David Friedrich denken lassen, ein Schiff, dessen Passagiere Deutschlandflaggen schwenken. Ohne den unmittelbaren Ortsbezug vermittelt sich dennoch die melancholische, bedrohliche Grundstimmung des Videos, das im benachbarten Belgien eine historisch noch einmal ganz anders aufgeladene Bedeutung erfährt.
Der Umgang mit Geschichte ist naturgemäß in den einzelnen Werken sehr verschieden. Eija-Liisa AhtilasWhere is Where? beruht auf einem konkreten Ereignis und greift die Geschichte zweier algerischer Jungen auf, die 1955 – Algerien war noch französische Kolonie – ihren gleichaltrigen französischen Freund töteten. Ulla von Brandenburg bietet dagegen einen Bilderrausch als lose Assoziationskette und friert in 8 theatralische Szenen in historischen Schlossräumen ein. Die Auseinandersetzung mit Vergangenheit kann aber auch scheitern, wie Matthew Buckinghams Installation rund um das Selbstportrait der flämischen Malerin Caterina van Hemessen zeigt. Das Thema hätte vielleicht einen interessanten Essay im Katalog ergeben. So aber geraten die kleinen, spiegelverkehrten Lesetäfelchen und die filmische Zerstückelung des Gemäldes zu einem Musterbeispiel für die Fallen der Konzeptkunst: Hier herrscht Gelehrtenattitüde statt Bildlichkeit.
Die überzeugendste Raum-Film-Kombination findet sich in einer Schule. Vita Nova von Vincent Meessen, eine Auftragsarbeit für die Biennale, läuft hier in einem kleinen Saal voll ausgestopfter Tiere. Früher schickten Missionare diese „exotischen“ Objekte als Anschauungsmaterial in die Heimat, heute verstauben die Vitrinen. Meessen dokumentiert seine Suche nach einem neunjährigen afrikanischen Jungen, der 1955 in französischer Uniform und salutierend auf dem Cover der Zeitschrift „Paris Match“ abgebildet war. Roland Barthes sollte dieses Bild in „Mythen des Alltags“ analysieren. Meessen spürte den heute alten Mann an der Elfenbeinküste auf und machte dabei eine weitere erstaunliche Entdeckung: Louis Gustave Binger, französischer Offizier und von 1893 bis 1898 Gouverneur der Elfenbeinküste, war der Vater von Barthes‘ Lebensgefährtin – eine familiäre Nähe, die Barthes nirgends erwähnt und die seine Schriften neu zur Diskussion stellt. So trifft im Video der historische Rückblick auf die Kolonialgeschichte mit einer noch zu schreibenden Historie zusammen. Vor allem aber befreit Meessen den Jungen aus Barthes‘ prominenter Umarmung und gibt ihm seinen Alltag zurück.
Während in Mechelen größtenteils bereits existierende Werke ihren Ort fanden, konzentriert sich eine weitere periodische Ausstellung in Belgien auf in situ-Konzepte. Die ebenfalls 2003 gegründete Beaufort Triennale (der Name verweist auf den Erfinder der Skala für Windstärken) findet in zehn Gemeinden an der 65 km langen belgischen Nordseeküste von De Panne bis Knokke statt. Gezeigt wird hier, ganz lapidar, „zeitgenössische Kunst am Meer“. 4,5 Millionen Euro lässt sich die Region die Ausstellung kosten, das Zehnfache des Budgets der Contour Biennale – aber hier stehen auch sehr viel konkretere touristische Anliegen dahinter. Denn die Küste soll nicht mehr nur die Sommergäste anlocken. Die Skulpturen bleiben von März bis Oktober aufgestellt, entlang von zehn perfekt durchdachten Wander- und Rad-Wegen, die Kunst mit stadtgeschichtlichen Plätzen kombinieren. Das Ganze wird in einem handlichen Guide erläutert – der ideale Familienausflug.
Und, man kann es nicht verhehlen, die Rechnung geht auf. Scheint hier vordergründig kaum etwas von der ehemaligen Bedeutung und Pracht dieser Küstenorte erhalten, entdeckt man auf den Routen dann umso erstaunter die letzten Villen der Belle Epoque, Reste von Wasserburgen, Fliesentableaus an Häusern und kleine Naturschutzgebiete. Dazwischen erinnern dreißig Skulpturen daran, dass auch am Strand noch weit mehr zu entdecken ist als Sandburgen und Winddrachen. Vor der Kulisse massiver Apartmentblöcke sind Werke platziert, die, wie etwa die subtilen Formenspiele der jungen Künstlerin Valerie Mannaerts, den Blick schärfen für all die Bojen, Büdchen und Hinweistafeln am Meer (Koksijde-Oostduinkerke). Man findet künstlerische Eingriffe, die die raue Dünenlandschaft mit der Hochkultur der Gartengestaltung konfrontieren, so wie Jan Vercruysses Labyrinth aus 750 Eiben und roten Rosen mittendrin (Knokke). Liam Gillick hat für sein Kiosk-Modell mit Überlegungen zu Städtebau und Arbeitszeit eine der letzten Brachen im Stadtgebiet von Zeebrugge ausgewählt und lässt über die Bedingungen der Freizeitgesellschaft nachdenken. Leonor Antunes gestaltete fünfzehn Strandkabinen im strengen Stil der Moderne neu, und Niek Kemps‘ metallischer Rundbau zieht die Besucher fast magnetisch an, so unerwartet ist der Farb- und Materialkontrast hier mitten in den Dünen, so faszinierend sind die Ein- und Durchblicke durch die Gitterwände (Bredene).
Die Auswahl setzt auf Vielfalt. Anders als die vorherige Edition bietet Beaufort03 vor allem visuell komplexe Werke statt plakativ-effektheischender Bilder wie etwa die Elefantenherde von Andries Botha und Louise Bourgeois‘ Spinne zur 2. Edition 2006. Dieses Jahr sind die Arbeiten präziser für ihren jeweiligen Ort entwickelt, dessen subtile Aspekte sie aufgreifen und so Zusammenhänge zwischen Gestern und Heute herstellen. Durch die konzeptuellen und visuellen Kontraste zwischen Werk und Umgebung wird der Blick formal herausgefordert. Das ist ein gewagter Schritt für ein derart touristisch angelegtes Ausstellungsunterfangen, denn es verlangt von den Betrachtern weit mehr als einen schnellen Abgleich mit Bekanntem. Dafür ist diese Ausstellung am Meer perfekt geeignet, ist die Stimmung hier doch gelassen und offen für sinnliche Eindrücke. Beaufort03 beweist, dass sich anspruchsvolle Kunst und Freizeitvergnügen durchaus vertragen.
Contour Biennale 2009