21. Januar 2005
Sind Luc Tuymans Bilder filmisch?Ein derzeit inflationär gebrauchter Begriff ist der des angeblich „Filmischen“
in der aktuellen Malerei und Kunst. Auch in der Analyse des Tuymans’schen
Werkes wird er von der Kritik immer wieder bemüht. Diese Behauptung kann
mit der bloßen Tatsache, dass Tuymans für seine Gemälde bisweilen
auf Filmstills als Vorlagen zurückgreift, nicht begründet werden.
Es gibt bei Tuymans das Interesse am bewegten Bild, doch stellt sich die Frage,
ob tatsächlich etwas spezifisch filmisch zu Nennendes in seinen Bildern
steckt. Evoziert wird diese Behauptung wahrscheinlich durch die von ihm gewählten
Bilddausschnitte, die einzelne Motive extrem nah an den Betrachter heranrücken
oder sie ungewöhnlich anschneiden. Über dieses Verfahren kommt Tuymans
zu seinen Auslassungen; zu dem, was die Bilder nicht gleich preisgeben und was
sie auf den ersten Blick vielleicht banal erscheinen lässt.
So ist im Gemälde Leopard aus dem Jahr 2000 zunächst ein
Leopardenfell zu sehen, das fast den gesamten Bildraum einnimmt. Wie an den
Betrachter herangezoomt, gibt es den Blick auf jeden einzelnen Fleck des Fells
frei. Erst beim zweiten Hinsehen wird der Betrachter der schwarzen Hände
gewahr, die am linken oberen Bildrand das Fell gerade auf dem Boden zurecht
ziehen. Dann fällt der Blick auch auf ein Paar weißer Hosenbeine
über dunklen Schuhen, die sich am äußersten rechten Rand oben
aus dem Bild herausbewegen. Sie sind gerade auf dem Fell des eleganten Tieres
herumgelaufen. In diesen Details ist das eigentliche Anliegen des Bildes versteckt,
das sich thematisch mit der äußerst grausamen Kolonialgeschichte
der vormals belgischen Kolonie Kongo beschäftigt. Andere dem Medium des
Films inhärente Vorgehensweisen wie Großaufnahme, das Anschneiden
von Gegenständen oder, ganz allgemein gesprochen, die Wahl des Bildausschnittes
und manchmal der Versuch eines Fade-out (wie in dem Bild Resentment
von 1995) kommen in seinem Werk immer wieder zur Anwendung. Sie sind wesentliches
Merkmal seiner Bildsprache.
Die Vorgehensweise, einzelne Bilder für verschiedene Ausstellungen immer
wieder in neuen Abfolgen zusammenzustellen, ließe sich mit dem Begriff
der Montage beschreiben. In der Tat benutzt Tuymans dieses Verfahren, um einerseits
neue Sinnzusammenhänge herzustellen und andererseits einzelne Bilder mit
neuer Bedeutung aufzuladen. Typisch für seinen Produktionsprozess ist,
dass er mehrere Bilder in einem Zusammenhang herstellt, die dann für kleine
Präsentationen innerhalb von größeren Ausstellungen verwendet
werden. Ein Beispiel dafür ist die Bildfolge Die Zeit aus dem
Jahr 1988. Allerdings lässt sich aus dieser Abfolge weder ein zeitliches
Moment herauslesen noch weisen die Bilder, jedes für sich genommen oder
auch im Zusammenhang betrachtet, eine narrative Struktur auf.
Hans Rudolf Reust erwähnt, dass sich „weitere Bedeutungsschichten
eines Bildes oft durch den genau konzipierten Kontext der ersten Ausstellung“
ausmachen lassen und dass es „vielfach die räumlichen Bedingungen
[sind], die eine bestimmte Anzahl und Konstellation von Werken verlangen. Schon
beim Malen besteht eine präzise Vorstellung davon, wie die einzelnen Bilder
allein, untereinander und im Raum ihrer ersten Präsentation operieren werden.“
Es ist ein filmischer und vom bewegten Bild inspirierter Blick, mit dem uns
Tuymans verschiedene Ausschnitte vor allem aus der medialen, aber auch realen
Welt zeigt.
Sind Tuymans Bilder politisch?
Catrin Lorch sowie Hanno Rauterberg sprechen Tuymans Malerei
eine politische Haltung kategorisch ab. Doch spätestens
seit seiner Präsentation im belgischen Pavillon auf der
Biennale in Venedig 2001 (kuratiert von Jan Hoet) wird Tuymans
auch als politischer Künstler gehandelt. In den Bildern,
die Tuymans für den belgischen Pavillon schuf, entfaltet
sich ein facettenreicher politischer Diskurs, der durch die
Wahl der verschiedenen Sujets und Motive das Perfide der belgischen
Kolonialpolitik, insbesondere aber die Verstrickungen anderer
Länder und Organisationen wie der USA und sogar der UN
in die komplizierten Unabhängigkeitsbewegungen des afrikanischen
Kontinents einzubinden scheint. Allgemeinen Rassismus, der sich
an simple Klischeevorstellungen knüpft, thematisiert der
Künstler innerhalb des genannten Bilderzyklus in der ArbeitSculpture von 2000. Das Gemälde zeigt die Skulptur
eines schwarzen Mannes in einem Antwerpener Café. Die
kräftigen Oberarme der Figur sind weiß gehöht,
damit die Muskulatur noch ein wenig kräftiger erscheint.
Tuymans spielt hier auf überkommene Vorstellungen des „wilden
Eingeborenen“ an – Kolonialgeschichte, die außerhalb
der Geschichtswissenschaft nur noch in Form von vagen Bildern
kursiert.
Der Künstler selbst bezweifelt, dass sein Werk politisch ist und hier
stellt sich die Frage, warum seine Wahl auf so brisante Themen fällt. Die
Statements, die er in zahlreichen Interviews und Gesprächen abgibt, haben
etwas postmodern Beliebiges und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren,
dass es sich dabei um Gesten handelt, die Aufmerksamkeit erzeugen sollen. Schweigen
wäre vielleicht besser. Ein Schweigen, das die Bilder selbst zu wahren
wissen und das dem unvoreingenommenen Betrachter für eigene Interpretationen
Raum gibt. Die geradezu minimalistisch gesetzten Zeichen und die Spuren, die
Tuymans in seinen Bildern legt, geben ausreichend Hinweise. Stephan Berg fragt
sich, „ob Tuymans nicht wirklich weniger an politisch-kritischen Zeitanalysen,
sondern in viel stärkerem Maße daran interessiert ist, die Möglichkeiten
und Begrenzungen malerischer Präsentation und Repräsentation anhand
von Bildmaterial auszuloten, das so intensiv [...] aufgeladen wird, dass es
schließlich als Kehrseite zu dieser Überdeterminierung seine Nähe
zum völligen Nichts artikuliert.“
Welche Funktion hat das Licht in Tuymans Bildern?
Tuymans Bilder handeln vom Licht. Und zwar nicht vom Licht in einem metaphysischen
Sinne sondern von einem ganz profanen Licht, das in vielen Gemälden Thema
und Inhalt ist und in Arbeiten wie Slide auf die Spitze getrieben wird.
Hier ist das Licht, das, wie der Titel suggeriert, durch einen Diaprojektor
erzeugt wird, als quadratische helle Fläche auf einem sehr hellen oder
einfach licht zu nennenden Hintergrund aufgebracht. Es ist künstliches
Licht, dessen Qualität hier verhandelt wird und das in vielen anderen Gemälden
als das Licht von Lampen, Neonröhren und Fernsehmonitoren erscheint. Ohne
dass eine der genannten künstlichen Lichtquellen bemüht werden muss,
ist dieses Licht in Tuymans Bildern präsent. Doch dient es nicht dazu,
etwas zu erhellen, sondern vielmehr dazu, Dinge zu verschleiern. Mit dem Licht
stellt sich Entleerung ein. „Das hier sichtbar werdende Moment der Entleerung,
Dislozierung und Entkörperung lässt sich, wollte man es auf eine allgemeine
Ebene übertragen, mühelos in einen Zersetzungsprozess einordnen, dem
nicht nur die Materie, sondern auch das unterliegt, aus dem wir unsere Identität
speisen: Gedächtnis, Erinnerung“, hält Stephan Berg fest.
Gleichzeitig eröffnet das Licht zwei unterschiedliche Ebenen, „etwas
[wird] ins Licht der Leinwand gerückt, um die Differenz zu verdeutlichen
zwischen dem, was man vordergründig sieht, und dem, was sich dahinter eigentlich
verbirgt“. Die Setzung des Lichts führt zur Auflösung der Figuration
und „das klassische Figur-Grund-Problem, das die Malerei über Jahrhunderte
beschäftigte [ist] beinahe im Verschwinden begriffen [...]“. Das
Licht in Tuymans Bildern gibt vor, alles zu durchleuchten oder wird direkt zum
Thema gemacht - doch erhellen tut es nichts. Im Moment der Konfrontation mit
dem Betrachter wird es zu einem sinnlichen Erlebnis, das einen bleibenden Eindruck
hinterlässt. Da also das Licht nichts erklärt und somit gegen die
Vermittlung von Inhaltlichem arbeitet, entsteht eine Diskrepanz, aus der sich
ein großer Teil der Spannung, die in den Bildern liegt, speist.
Tuymans und der Text – Tuymans und die Sprache
Die von Tuymans vergebenen Titel sind wichtig und geben meist einen ersten
Hinweis auf das, was in den Bildern dargestellt ist oder auf den Zusammenhang,
in dem sie entstanden sind. So tritt die Sprache in Form dieser knappen Betitelungen
in einen Dialog mit dem Dargestellten. Sie schafft den Rahmen für weitere
Deutungen und Interpretationen. Erweitert wird dieses kontextuierende Sprechen
durch Anmerkungen und Erklärungen des Künstlers selbst. Wie bereits
erwähnt, gibt Tuymans bereitwillig Auskunft über den Entstehungsprozess
seiner Gemälde. Dabei spart er auch nicht mit skandalös anmutenden,
teils laut und brachial wirkenden Auskünften und tut seinem Werk damit
nicht immer einen Gefallen. Die Bilder Tuymans’ scheinen, wie die konzeptionelle
Kunst, einen ausführlichen Kommentar zu brauchen, damit tiefer liegende
Bedeutungsschichten verstanden werden können. Ob allerdings die Ausführlichkeit,
mit der solche Kommentare in Form von Sprache und Text lanciert werden, dem
Werk zuträglich ist, bleibt zweifelhaft. Tuymans Bilder ließen sich
- unabhängig von der teils mehr als gewollt daher kommenden sprachlichen
Ebene - mit dem Blick und Spürsinn des Detektivs betrachten, der den Aussagen
der von ihm befragten Zeugen nicht allzu viel Bedeutung beimisst und statt dessen
lieber auf die Spuren und Zeichen achtet, die im Tathergang, sprich im Bild
selbst, gelegt sind. Da die Bilder allein scheinbar nicht eindeutig genug sind,
fordern sie zur Überinterpretation heraus. Ein Schleier aus Sprache, die
krampfhaft Bedeutung zu produzieren sucht, legt sich hier vor das Werk und droht
den Zugang zu den Bildern eher zu verstellen als ihn zu erleichtern.
Der Prozess, der hier in den letzten Jahren in Gang gesetzt wurde, ist direkt
an die Dynamik des Kunstmarktes gebunden. Im Falle Tuymans steht noch nicht
fest, ob sein Werk nicht bedauerlicherweise auf diesem Parkett tüchtig
verheizt wird. Innerhalb kürzester Zeit hat sich der Marktwert seiner Bilder
auf sechsstellige Summen in die Höhe geschraubt. Tuymans hat sich als Künstler
bewusst dazu entschieden, Bilder zu malen und nicht etwa Texte zu schreiben.
So ist ein Werk entstanden, dessen intellektuelle Bilder an der Grenze zur Konzeptkunst
stehen und über das der Künstler selbst sagt, dass das Malen für
ihn eine Möglichkeit darstelle, sich vom Reden zu lösen.
Fußnoten:
1 Hans Rudolf Reust: Im dunklen Weltteil. Zu Luc Tuymans’
neusten Bildern, in: Parkett No. 60, 2000, S. 144.
2 Vgl. dazu den ausführlichen Katalog zu Luc Tuymans Präsentation
im Belgischen Pavillon zur Biennale in Venedig 2001: Luc Tuymans. Mwana
Kitoko, texts by Robert Storr, Philippe Pirotte, Ausstellungskatalog Belgischer
Pavillion, Biennale di Venezia, Venedig 2001.
3 Stephan Berg: Bilderdämmerung, in: Luc Tuymans: The Arena,
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstverein Hannover, Pinakothek der
Moderne München, Kunstverein St. Gallen, 2003, S. 16.
4 Vgl. Konrad Bitterli: Im Licht der Malerei. Ein Versuch Luc Tuymans’
Schaffen zu sehen, in: Luc Tuymans: The Arena, Katalog zur gleichnamigen
Ausstellung im Kunstverein Hannover, Pinakothek der Moderne München, Kunstverein
St. Gallen, 2003, S. 84.
5 Stephan Berg: Bilderdämmerung, in: Luc Tuymans: The Arena,
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstverein Hannover, Pinakothek der
Moderne München, Kunstverein St. Gallen, 2003, S. 8.
6 Stephan Berg a. a. O. S. 14.
7 Stephan Berg a. a. O. S. 8.
8 Vgl.Heinz-Norbert-Jocks: Luc Tuymans. Das Gedächtnis der Malerei,
in: Kunstforum International 173, November-Dezember 2004 S.
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