7. Oktober 2011
Beatriz Milhazes – Galerie Max Hetzler. Vom 10. September bis 5. November 2011
Wie viel Schokolade mag sie gegessen haben für dieses Werk? Toblerone und Valrhona, bitter und süß, im Jumbopack oder als Schmankerl zum Kaffee. Die brasilianische Künstlerin Beatriz Milhazes setzt ihre Collagen aus glitzerndem Schokoladenpapier zusammen. Bei Max Hetzler erlagen die Sammler der Versuchung. Die Ausstellung mit neuen Arbeiten war bereits vor der Eröffnung verkauft.
72% Kakao verspricht die Verpackung des Café de Flore. Die in Brasilien beheimatete Kakaobohne und der Pariser Treffpunkt der Avantgarde des 20. Jahrhunderts – das kleine Papier bezeichnet exakt die Koordinaten, in denen sich die Arbeit von Beatriz Milhazes bewegt. Sie verbindet brasilianische Eigenständigkeit mit dem Rückgriff auf die europäische Moderne. Die Künstlerin nennt neben Henri Matisse und Bridget Riley auch die brasilianische Surrealistin Tarsila do Amaral als Vorbild. Mit ihrem Gemälde Abaporu – Menschenfresser lehnte diese sich 1928 gegen die europäisch dominierte Kunst auf. „Tropisches Wuchern, Naivität und Wildheit“ forderte daraufhin ihr Lebensgefährte Oswald de Andrade in seinem Manifesto Antropófago.
In ihren Collagen legt Beatriz Milhazes verschiedene Texturen übereinander. Das Auge gerät ins Schwanken. Beherrschen die schwungvollen Arabesken das Gefüge oder verleihen die geradlinigen Rauten, Raster und Rechtecke den barock wuchernden Schnörkeln Klarheit und Ordnung? Verführt vom Silberpapier wird der Blick geschluckt und stürzt in ein Labyrinth aus tropischer Pracht und kühler Geometrie.
Beatriz Milhazes, 1960 in Rio de Janeiro geboren, wuchs während der Militärdiktatur auf. 1964 beendete der Putsch die Zeit der großen Utopien, die noch den Bau von Brasilia getragen hatten und der vegetativen Architektur von Oscar Niemeyer ebenso Spielraum boten wie den Anlagen des Landschaftsarchitekten Roberto Burle Marx. Der Staatsstreich wischte auch die Neo-Konkretisten beiseite, die Ende der 1950er-Jahre in Anlehnung an Malewitsch und Mondrian eine brasilianische Spielart der Abstraktion entwickelt hatten. Was blieb, war der Begriff des Tropicalismo, der während der Diktatur zur Losung für das Aufbegehren gegen die Zensur wurde.
Fast zeitgleich mit dem Ende der Diktatur tritt Beatriz Milhazes mit einem Feuerwerk von Farben auf den Plan. Heute ist sie in Brasilien so berühmt, dass sich eine der größten Sambaschulen Sao Paulos bei den Entwürfen für die Karnevalkostüme der Tänzer von ihrer Kunst inspirieren ließ.
Für ihre Malerei entwickelt sie eine eigene Technik. „Gamboa Seasons“ heißt die vierteilige Serie von Großformaten bei Max Hetzler, benannt nach einer kleinen Stadt in Panama. Blüten explodieren in exotischer Pracht und reifen im gleichen Moment zu üppigen Dolden. Die Malerin trägt ihre Farben erst auf Plastikfolie auf, läßt sie trocknen und klebt sie dann auf die Leinwand. Wenn sie die Folie abzieht, erhält die Oberfläche einen matten, verwitterten Retro-Look. Die frischen Acrylfarben welken in tropischem Tempo. Seit 1987 hat die Künstlerin ihr Atelier in der Nähe des Botanischen Gartens von Rio de Janeiro. Seine Blüten, aber auch seine organische Struktur prägen ihre Kunst.
Die vier Gemälde der Serie „Gamboa Seasons“ reagieren auf das raumfüllende Mobile aus rosa Plastikblumen und goldfarbenen Kugeln, wie sie beim Karneval die Wagen schmücken. Diese etwas zuckrige Installation geht nach der letzten Station der Ausstellung in der Lissabonner Calouste Gulbenkian Stiftung in eine deutsche Sammlung. Die vier Gemälde konnte Max Hetzler an einen französischen Sammler verkaufen. Bei Preisen von 500.000,- US-Dollar pro Bild dürfte geholfen haben, dass die Serie zu Beginn der Europa-Tournee in der Fondation Beyeler ausgestellt war.
Allerdings wirkt die Kunst von Beatriz Milhazes tatsächlich wie Balsam auf krisengebeutelte Seelen, weil sie vergnüglich Gegensätze austariert. Sie sprengt selbstbewusst die Tradition und beansprucht wohlüberlegt ihren Platz in der Geschichte. Sie schlägt temperamentvoll eine Brücke zwischen Rebellion und Struktur. Sie weckt Begehrlichkeit und verschließt sich. Am Ende bleibt unentschieden: Wer frisst hier wen?