14. Dezember 2011
Beat Streuli: „Neue Projektionen und Photographien“ – Galerie Conrads, Düsseldorf. Vom 5. November bis 23. Dezember 2011
Da soll einer sagen, die Straßenfotografie hätte ihre besten Zeiten hinter sich. Sie hätte vor der Übermacht stets bereiter Mobiltelefone kapituliert und im digitalen Zeitalter die Aura des unverfälschten Moments eingebüßt. Für den Schweizer Beat Streuli, Jahrgang 1957, ist die Straße als Motiv immer noch das Nonplusultra. Die tägliche Wiederkehr der Masse aus Passanten, Blechlawinen und architektonischem Schattenspiel erkennt er als ein Schauspiel, an dem er sich auch nach drei Jahrzehnten offenbar nicht satt sehen kann, auf der Suche nach dem unmaskierten Wesen des Großstadtmenschen, der in den Metropolen von New York, Brüssel, Buenos Aires oder Kapstadt inzwischen ein traurig verwechselbares choreografiertes Flanierballett aufführt. Dabei fokussiert Streuli seine heran gezoomten Ausschnitte derart konzentriert, dass die Unterschiede der jeweiligen Szenerie gänzlich abhanden kommen. Das Kalkül der optischen Zuspitzung geht auf. Der Diagnose sich auflösender subjektiver Erfahrungsräume vermag man auf Anhieb nicht zu widersprechen.
In der Galerie Conrads springen den Besucher gleich am abgedunkelten Eingang meterhohe Projektionen an. Allerdings sucht man in Border Lines, einer Drei-Kanal-Videoinstallation von 2011, zunächst vergeblich nach den Fußgängern, die man von den Fotoserien kennt, wo sie ahnungslos ins Bild laufen. Urbane Details wie Werbetafeln, Stoßstangen, Papierfetzen auf dem Bürgersteig oder Straßenbarrieren, eingefangen aus der Distanz mit einem Teleobjektiv, schieben sich in Großaufnahme vor die statisch festgefrorene Kamera und geben das Material ab, aus dem sie ihr banales Oberflächenflimmern destilliert. Dann schaut doch noch ein fremder Kopf um die Ecke, würdigt den Betrachter keines Blickes und eilt geschäftig davon. Die unbeteiligte Mimik verrät keinerlei Emotionen. Das gilt auch für das Ambiente unscharfen Hintergrund, das nur minimale Anhaltspunkte für einen konkreten Ort liefert. Die Anonymität der automatisierten Schlafwandler lauert scheinbar überall. Sie frisst sich selbst in die Galerienräume, die urplötzlich zum Schutzraum eines indiskreten Treibens werden. Das Beobachten der geschäftig daherkommenden Alltagsrituale bleibt für den Voyeur nicht ohne Konsequenzen. Die eilig vergehende Zeit verliert paradoxerweise ihren Schrecken und er erkennt sich im projizierten Spiegelbild als Teil der uniformen Masse, trotz der künstlichen Situation, über das Leben der anderen aus der sicheren Entfernung der Black Box urteilen zu dürfen.
Die ungewohnt homogen zusammengesetzten Menschenströme, die in der zweiten Projektion den Nevsky Prospect in einer Endlosschleife durchlaufen, sind erst nach längerer Verweildauer als Russen zu erkennen. Ihr Habitus wirkt von Alltagssorgen gedrückt, unsichtbaren Kräften ausgeliefert und abgeschlagener als der ihrer Kombattanten auf der anderen Seite der Erdkugel – immerhin ein Hauch von Individualität. Dagegen triumphiert auf den Großformaten der Fotoserie „New York City“ von 2010 der westliche Konsumzwang. Handys übernehmen die Regie, Sportkleidung lässt die Altersgrenzen verwischen, Kopfhörer die Blicke abweisend tief ins Innere flüchten. Glücklich möchte sich Streuli diese typenlosen Vertreter unseres globalisierten Lebensstils partout nicht vorstellen. Glänzende Augen oder nach oben strebende Mundwinkel selektiert er aus. Er legt lieber unseren inneren Sisyphos offen und bleibt in seinen von der Unmittelbarkeit lebenden Porträts ein Zivilisationspessimist. Und, nicht zuletzt, ein begnadet zeitgemäßer Street Photographer.