6. Juni 2007
Die zwölfte Ausgabe der Kasseler Großausstellung wäre für die Kölner Buchhandlung
Walther König ein Jubiläum gewesen. Vor wenigen Wochen lautete es noch, man freue sich, in diesem Jahr zum zehnten Mal vor Ort zu sein. Doch kurz vor der Eröffnung haben sich
Roger Buergel und
Ruth Noack offenbar anders entschieden. Nachdem bereits ein Wechsel in der Zusammenarbeit mit dem Verlag für die documenta-Publikationen statt gefunden hatte – in diesem Jahr löste
Taschen den Kunstbuchverlag
Hatje Cantz ab – werden 2007 die Berliner Buchhandlungen
Pro qm und
b_books die Ausstellung mit ihrem Sortiment begleiten und damit das „Experiment einer temporären Fusion“ eingehen, wie es in der Pressemitteilung heißt.
Die Entscheidung verwundert nicht. Sie erscheint nur logisch im Zuge einer Ausstellungsprogrammatik, die ihre Leitthemen einer um alternative Gesellschaftsentwürfe ringenden avantgardistischen Moderne verschrieben hat. Anders als die Buchhandlung König, die mit ihrem Verkaufsprogramm von Köln aus eine große internationale Reichweite hat, sind die sehr viel kleineren Berliner Buchläden b_books und Pro qm in den sie umgebenden Stadtteilen Kreuzberg und Mitte zusammen mit einem vergleichsweise sehr spezifizierten Publikum gewachsen und stehen mit ihrem Ladenprogramm in der Tradition linker Buchläden.
In dem Selbstverständnis wurzelnd, mehr als nur Verkaufsraum zu sein, wurden beide im Kontext der späten 1990er Jahre gegründet, in einer Zeit also, in der sich das formierte, was heute als die Berlin eigene Kreativität bezeichnet wird. Leer stehende Räume im Ostteil der Stadt waren nicht einfach nur Lücken in den Gebäudereihen, sondern wurden als Möglichkeiten wahrgenommen, um in einer sich neu ordnenden Stadt öffentliche Orte einzurichten, an denen der Austausch, die Vermittlung und die Diskussion über politische und künstlerische Themen und Projekte stattfinden konnte.
Aus dem Diskurs um die Nutzung städtischer Räume sind Pro qm entstanden, die sich zentral mit dem Thema Stadt beschäftigen, mit Schnittstellen zu Politik, Pop, Mode, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst und angrenzenden Theorien. Dem entsprechend wird der Ladenraum in unmittelbarer Nähe zum Hackeschen Markt seit Anbeginn an für Veranstaltungen genutzt und es werden Publikationen herausgegeben. Auch b_books bezeichnen sich in erster Linie als eine Plattform für politische und künstlerische Aktivitäten, u. a. gehören ein Verlag sowie eine Filmproduktion dazu, die sich seit 1996 um den gleichnamigen Kreuzberger Buchladen organisieren und sich etwa mit Veranstaltungen zur Flick-Ausstellung über die Entstehung eines neuen repräsentativen Berlins kritisch geäußert haben. Sowohl die Gründer von Pro qm als auch von b_books kommen nicht aus dem klassischen Buchhandel, sondern sind Architekten, Politikwissenschaftler, Kulturtheoretiker.
So scheint auf den ersten Blick das Experiment auf der documenta weniger in der Fusion zweier Buchläden zu bestehen, die ja eine große Nähe bereits haben, sondern eher darin, diese Ortsspezifik, das heißt, die diskursive Entwicklung der Läden aus dem kulturpolitischen Umfeld Berlins Ende der 1990er Jahre in den Kontext einer internationalen Großausstellung in Mitteldeutschland zu übersetzen. Doch sehen die Betreiber von Pro qm und b_books diese Frage gerade nicht gegeben. Zwar wären Überlegungen in diese Richtung interessant, jedoch ist es gar nicht ihr Anliegen, das Projekt ihrer Buchläden eins zu eins auf der documenta wieder aufzubauen und sich mit dem Kasseler Stadtraum auseinanderzusetzen. Wo man auch schon bei der Idee der Fusion und somit bei den Differenzen zwischen b_books und Pro qm wäre: Aljoscha Weskott erklärt, dass b_books den Laden eher als sozialen Rahmen verstehen, in dem die Buchhandlung eher ein Ausgangspunkt, eine Bibliothek ist für die unterschiedlichen Projekte, hinter denen der Laden immer mehr verschwindet.
Dahingegen stehe bei Pro qm der ökonomische Aspekt stärker im Vordergrund.
So bedeute die Landung in Kassel einen Anschluss von b_books an Pro qm in dem Sinne, dass das ökonomische Modell „Verkauf“ dort stärker betont werde. Eine weitere und beide Läden betreffende Verschiebung ist im Sortiment zu beobachten. Natürlich werde man das Berliner Angebot repräsentieren, aber an die Öffentlichkeit einer internationalen Großausstellung gehe man anders heran als an das spezifizierte Berliner Publikum. Die andere, temporäre Situation vor Ort rufe ein anderes Publikum hervor, in dem das Verhalten viel „konsumistischer, kurzfristiger“ sei, soJesko Fezer von Pro qm. Dennoch werde auch hier an Konzepten der Vermittlung gearbeitet, jedoch seien diese eher konsumorientiert gedacht und im Vergleich zu Berlin nicht sehr komplex. So sollen „populäre Formate“ auch im Angebot sein, um nicht, wie Fezer meint, „arrogant oder unangemessen“ zu wirken. Über diese Formate sollen dann Zugänge hergestellt und Wege in das Sortiment aus politischer Theorie, Feminismus, Postkolonialismus und Urbanismus geschlagen werden. Eine Idee etwa wäre, die Zeitschrift monopol, bei der es, wie Weskott beschreibt, ja eher um die „Ästhetisierung des Kunstkonsumaktes“ gehe und die in Berlin auch gar nicht ausliege, neben Anthologien zum Kommunismus zu legen.
Die Frage der Vermittlung hoch spezialisierter Diskurse soll sich auch im Display niederschlagen. Einen festen Entwurf gibt es noch nicht, jedoch bestehen Pläne, die den vorhandenen Raum im Container auf dem Friedrichsplatz begreifen als, so Fezer, „großen Raum, der das Diskursfeld vollständig auffängt, also keine Aufsplitterung bedeutet, sondern einen Überblick herstellt“.
Doch in erster Linie soll das Sortiment auch eine Auseinandersetzung mit dem kuratorischen Konzept und mit den Leitmotiven darstellen. Zum einen heißt das, Monografien der beteiligten Künstler dabei zu haben, jedoch gibt es von vielen Künstlern auch Publikationen politischer Art, die dann ebenfalls stark gemacht werden. Zum anderen bedeutet es, die Leitthemen der Ausstellung in der Präsentation wider zu spiegeln, also die Frage zu stellen, wie sich diese im Büchermarkt wieder finden.
Den möglichen Vorwurf, für b_books und Pro qm bedeute ihr Auftreten in Kassel eine Verwässerung ihrer Programmatik, weist Weskott zurück. Bereits an Hand der Künstlerliste der documenta könne man ablesen, so Weskott, dass die Perspektive der documenta kritisch sei. Anders als bei der Art Miami oder der Art Basel ginge es hier nicht um den Starkult um Künstlersubjektivitäten; Logiken des Kunstbetriebs würden durchleuchtet und immer wieder eine Öffnung für politische Fragen gewagt.
Beide Buchläden nach Kassel zu holen, ist kein unrühmlicher Schritt und begrüßenswert. Berlin haben sie nicht nur mit einem unschlagbaren Angebot an Büchern und Zeitschriften, sondern auch in zahlreichen Veranstaltungen mit linkstheoretisch Wissenswertem versorgt und dabei die Kultur schaffende mit der künstlerischen Praxis verbunden. Konsequent und der anvisierten Radikalität Buergels und Noacks angemessen wäre eine Einladung als Künstlerprojekt gewesen. In Kassel werden sie nun nurmehr ein Buchladen sein. Zu hoffen bleibt, dass auch im Trubel des Megaevents die Botschaft ankommt.