13. Januar 2011
Ablehnung hat niemand gern. Und genauso, wie die Aufnahme einer Galerie auf die Art Basel einem Ritterschlag gleicht, wirkt die Ablehnung wie ein Schlag ins Gesicht – umso mehr, wenn man jahrelang dabei war. Zwei Galerien aus Berlin ist das gerade passiert. Und sie machen, im Gegensatz zu anderen Kollegen, die sich mit der aus sechs Galeristen bestehenden Messejury nicht streiten wollen, keine gute Miene zum vermeintlich bösen Spiel. Stattdessen zweifeln sie die Instanz der Entscheider an und suchen die Gründe nicht bei sich selbst, sondern bei persönlichen Animositäten – und den Weg an die Öffentlichkeit. Und die bläst schnell ins selbe Horn.
Als erste mutmaßte Giti Nourbakhsch in einem emotionalen Brief an ihre Berliner Kollegen, dass ihre Ablehnung in Basel nach fünf Jahren mit ihrem Abschied als Gesellschafterin vom Gallery Weekend Berlin zu tun haben müsse – es gäbe Überschneidungen der Entscheider beider Events, die ihr letzteres übel genommen hätten. An eine sachliche Begründung für die Absage glaube sie nicht. Stattdessen erklärt sie: „Der Verdacht liegt nahe, dass sich eine Basler Entscheiderclique in Berlin etablieren will, die das sowieso latent opportunistische Klima in Berlin verstärkt und festigen soll. An meinem Beispiel könnte ein Exempel statuiert worden sein, wie man mit Meinungsverschiedenheiten umgeht.“ Dass Nourbakhsch bereits 2009 aus dem Komitee des Berliner Gallery Weekends ausgeschieden war und nach ihrer Theorie 2009, spätestens aber 2010 eine Absage aus Basel hätte bekommen müssen, ist die eine Sache. Die andere ist, dass es tatsächlich zeitweise zu Überschneidungen der nach dem Rotationsprinzip aufgestellten Gesellschafter bzw. Juroren kommt – alle mit Standbein in Berlin: Tim Neuger von neugerriemschneider, Claes Nordenhake von Nordenhake Stockholm/Berlin und neuerdings Jochen Meyer von Meyer Riegger Berlin/Karlsruhe. Doch beweist das automatisch, dass man bei Divergenzen in Berlin nicht nach Basel darf? Dass die Juroren einen machtbesessenen, zentralistischen Klüngel bilden, der rein nach Sympathiewerten entscheidet? Dass Galeriearbeit keine, der Beliebtheitsgrad dagegen die Hauptrolle spielt? Demnach wäre die Art Basel ein unlauterer Verein, in dem nur Opportunisten weiterkommen. Doch wie lässt sich dann das hochwertige und heterogene Erscheinungsbild der nunmehr 42-jährigen Messe aufrecht erhalten? Obwohl man den Schock der Berliner Galeristin verstehen kann, deren anspruchsvolle Arbeit international anerkannt ist, wäre ein selbstkritisches Nachfragen nicht vollkommen unangebracht. Beispielsweise die auffällige Fluktuation in ihrem Künstlerprogramm: Anselm Reyle und Katja Strunz sind nur zwei der herausragenden Positionen, die Nourbakhsch zwar früh gefördert, doch von denen sie sich auch ebenso früh wieder getrennt hat. Möglich, dass dafür persönliche Gründe und nicht die Qualität der Arbeiten ausschlaggebend waren – doch nicht jeder trifft berufliche Entscheidungen aufgrund von Ressentiments.
Weniger aufgewühlt, doch ähnlich stolz klingt das Schreiben von Gerd Harry Lybke, das am Mittwoch ganz offiziell an die Presse ging. „Diese Entscheidung einer Nichtzulassung wurde offensichtlich nicht auf der Grundlage einer künstlerischen Beurteilung gefällt“, heißt es darin – obwohl seine legendäre Galerie Eigen + Art offiziell noch auf der Nachrückerliste steht. Im Gespräch erklärt Lybke, dass das für ihn bereits einen Rauswurf bedeute. Und er sei ja gar nicht verärgert, schließlich könne jede Jury mal einen Fehler machen. Denn: „Ich bin nicht irgendwer. Keiner meiner Künstler ist aus der aktuellen Kunstszene oder für die nachfolgende Generation wegzudenken. Und keine zweite Galerie in Deutschland hat ihre Künstler über zwanzig Jahre so aufgebaut und begleitet wie ich.“ Die Entscheidung, so Lybkes Urteil, beruhe also wohl auf rein persönlichen Gründen. Doch da es in Basel um professionelle Galeriearbeit und nicht um menschliche Affinitäten gehe, könne sich die Jury so einen Fehler gar nicht leisten. Lybke ist optimistisch: „Es sind ja noch 14 Tage Zeit bis zur nächsten Jury-Sitzung.“ Selbstkritische Töne – vielleicht, weil sein Aushängeschild „Neue Leipziger Schule“ zwar kurzzeitig den Markt, aber bis auf Neo Rauch bisher nur wenige seriöse Museen bediente – sind nicht zu hören. Wenn man bedenkt, dass Eigen + Art eine historische Galerie ist, die die Subkultur der DDR ebenso wie den Mythos Auguststraße entscheidend geprägt hat und aus der deutschen Galerielandschaft nicht wegzudenken ist, kann man diese nonchalante Haltung fast verstehen. Aber auch nur fast. Denn bequem machen sollte es sich keiner im Kunstbetrieb. Auch nicht nach zwanzig Jahren Art Basel-Teilnahme.
Eben das wird klar, wenn man die Kriterien der Baseler Jury analysiert. Jedes Jahr werden alle Galerieanwärter erneut auf ihre Ausstellungen, ihr Künstlerprogramm und ihre Messeauftritte in Basel und anderswo hin neu inspiziert. Das ist wichtig, um die Qualität der Messe zu wahren. Jeder der ganz unterschiedlich sozialisierten Juroren – momentan die drei erwähnten sowie Xavier Hufkens aus Brüssel, David Juda aus London und Eva Presenhuber aus Zürich – bringt dabei seine eigenen Erfahrungen mit, die er auf Reisen und Ausstellungsbesuchen bei Kollegen gesammelt hat. Auf der Grundlage dieser Rezeptionen sind zahlreiche Auseinandersetzungen über die Leistungen von Galerien nötig, um schließlich zu einem einstimmigen Ergebnis der Galerieauswahl zu kommen. Will heißen: Wenn eine Galerie ihre Prägnanz und Spannung verliert, hat das nun einmal Konsequenzen. Doch eine Ablehnung bedeutet durchaus kein „Todesurteil“. Wessen Profil wieder Konturen annimmt, kann zurückkommen. Wie etwa Nicolai Wallner aus Kopenhagen oder Greene Naftali aus New York, die beide schon einmal aussetzen mussten.
„Über Auswahlverfahren und Entscheidungen des Komitees dürfen wir uns nicht äußern.“ erklärt Maike Cruse von der Messeleitung. Doch jedem dürfte klar sein, dass die Konkurrenz unter den Berliner Galerien enorm ist. Keine Stadt sonst hat mit 34 von rund dreihundert Teilnehmern so viele Vertreter in Basel. Allein durch den Zuzug aus dem Rheinland in den letzten Jahren, wie etwa Gisela Capitain, Sprüth Magersund Daniel Buchholz, ist Berlin noch präsenter geworden. Gleichzeitig haben in der Hauptstadt junge, frische Galerien wie etwa Isabella Bortolozzi eröffnet, die hervorragende Arbeit leisten und so manch einem, der sich auf seinen Lorbeeren ausruht, den Rang ablaufen – zumindest solange, wie sie die Qualität ihrer Galeriearbeit halten können. Denn im Grunde geht es allein darum: Die Messe in Bewegung zu halten, neuen Tendenzen ebenso wie gestandenen Positionen den Puls zu fühlen und das Top-Format der Messe weiterhin so zu gestalten, dass sie der Kunstwelt ihr glaubwürdiges Gesicht verleiht – was letztendlich nicht nur dem kommerziellen Erfolg, sondern vor allem der Kunst dienen soll. Mit Mainstream oder Modeerscheinungen allein kommt man als Galerist also nicht weit. Eben das macht den Status der Messe aus, auf den ihre Teilnehmer so stolz sind. Tatsächlich ist die heutige Art Basel mit ihrer zeitgenössischen Sektion daraus entstanden, dass sie auf neue Bewegungen im Kunstbetrieb reagiert hat. So hat sie auf die Gründung der jungen Messe Liste, die 2011 zum sechzehnten Mal stattfindet, reagiert und gelernt, innovativen Galerien den Weg nach oben zu bereiten, um sich dort nachhaltig zu beweisen – weshalb es auf der Art Basel inzwischen auch die kleineren und kostengünstigeren Formate Feature und Statement gibt. Hier liegt der Fokus auf dem kuratorischen Gehalt der Präsentation, sozusagen als Übungsplatz für die Zukunft.
Bei der begrenzten Teilnehmerzahl wächst übrigens nicht nur innerhalb Berlins die Konkurrenz, sondern auch international. Erstmalig wurden in diesem Jahr auch zwei Galerien aus Afrika zugelassen, Asien wird als Standort längst immer wichtiger, und auch aus Osteuropa drängen viele Galerien auf den Markt. Entsprechend müssen die Teilnehmer ihren Platz nicht nur gegen eine jüngere Generation, sondern auch gegen eine neue Geographie verteidigen. Wenn also eine Galerie eine Ablehnung in rein emotionalen Befindlichkeiten sucht, verkennt sie nicht nur etwaige eigene Kritikpunkte – sondern auch, dass diese Kritikpunkte angesichts neuer globaler Zusammenhänge betrachtet werden müssen.
Dass es bei all dem zu Überlappungen von Personalien kommt, lässt sich in einem Bereich, der wie jeder andere auch nur von relativ wenigen Entscheidern geprägt ist, kaum vermeiden. Wer beschwert sich schon lauthals über Multifunktionstalente wie Udo Kittelmann, Daniel Birnbaum, Kaspar König oder Nicolaus Schafhausen, die nicht nur in zahllosen Jurys sitzen, sondern auch die Künstlerauswahl gleichzeitig für herausragende Museen und Venedig-Biennalen treffen? Hat hier jemals ein Galerist behauptet, sein Künstler sei nur deshalb nicht im Deutschen Pavillon ausgestellt, weil ihn der Kurator persönlich nicht mag? Bei der Baseler Jury, die sich aus Charakteren mit unterschiedlichen künstlerischen Profilen und verschiedenen geographischen Schwerpunkten zusammensetzt – schließlich kommt allein Tim Neuger aus Berlin; Jochen Meyer steht in erster Linie für Karlsruhe und Claes Nordenhake hat sein erstes Standbein in Stockholm – lässt sich so ein Vorwurf nicht aufrecht halten. Und so können selbst ausjurierte Galerien mit Blick auf ihren Wiedereintritt froh sein, wenn es Basel mit Oscar Wilde hält: Persönlichkeiten, nicht Prinzipien bringen die Welt voran.