30. Oktober 2010
Barbara Bloom: „Staged“ – Lüttgenmeijer, Berlin. Vom 23. Oktober bis 20. November 2010
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht – ich persönlich finde kryptische Informationen auf vergilbtem Papier, ein daneben aufgeklebtes Foto oder ein beiläufiges Zeitungsinserat durchaus sexy. Sexy genug jedenfalls, um mich zu fragen, welches Konzept sich hinter derlei visuellen Kürzeln verbergen mag. Zugegeben: Das Sinnliche der Kunst ist im Zuge ihrer Konzeptualisierung seit den 1960er-Jahren vielleicht ein wenig sehr an den Rand geraten. Erst seit einigen Jahren schauen wir uns verstärkt wieder Form als Form an, genießen wir die Materialqualitäten und gestalterischen Merkmale, mit denen eine Arbeit daherkommt, und erkennen ihren intellektuellen Mehrwert an. Zuvor – so will es zumindest die Mär – wäre die Kunst vor allem dem Argument, einem diskursiv gewonnenen Erkenntnisgewinn verpflichtet gewesen.
Das heißt aber nicht, dass sich jede Form zeitgenössischer Konzeptkunst gewinnbringend betrachten ließe. Vielmehr scheint sich ihre Formensprache zu einer inhaltsleeren Konvention verhärtet zu haben. Es wird immer schwieriger, ein kluges Arrangement etwa aus gefundenen Zweiglein und an die Wand gepinntem Familienfoto von einem gestalterisch ebenso ansprechenden aber ansonsten kreuzdoofen Werk zu unterscheiden. Vor diesem Hintergrund würde es lohnen, die historisch gewonnenen Spielräume konzeptueller Arbeit nochmals zu rekapitulieren – auch und vor allem, um mit den dabei gefundenen Argumenten und Ansichten wiederum die junge Kunst unter die Lupe zu nehmen. Dass sich aber konzeptuelle Finesse und formale Präzision auch heute nicht ausschließen müssen, dass Kunst schön aussehen und zugleich intellektuell herausfordernd sein kann, das zeigt das Beispiel Barbara Blooms. Sie hat mit ihrer Schau „Staged“ in dem kleinen, architektonisch hervorragend austarierten Raum von Lüttgenmeijer ein formal, inhaltlich und atmosphärisch dicht verzahntes Ensemble eingerichtet. Wie man das von Bloom (Jg. 1951) sehr wohl erwarten kann, hat sie dafür mindestens eine Facette der Kunst selbst zum Thema gemacht: Diesmal beleuchtet sie die Kunst aus der Perspektive ihrer Aufführung.
Das nun wieder ist eine der Lieblingsfragestellungen konzeptueller Kunst. Sind es wirklich die Werke, Kunstgegenstände und -objekte, die im Sinne einer merkwürdigen Dingmagie Kunst „sind“? Oder, anders gefragt, was erhebt von Menschen Erdachtes und Gemachtes in jenen außerordentlichen Zustand der Kunst? Was legitimiert ihren Wert und mithin ihre, nicht selten völlig verrückten, Preise? Barbara Blooms künstlerisches Projekt ist zu einem Gutteil der Auseinandersetzung mit dieser Problematik gewidmet. Dazu hat sie eine formal wie inhaltlich hochgradig feinsinnige Praxis entwickelt.
Bloom produziert keine „Werke“ im konventionellen Sinn, sie stellt vielmehr vorübergehende Arrangements, vielteilig zusammengesetzte Displays her, die ganz verschiedene Dinge, Gefundenes und Produziertes, Bilder und Texte, Objekte und Präsentationsformen zur jeweiligen Ausstellungsgestalt vereinigen. Ja, es ist dieser Akt des Zusammenführens in der jeweiligen Spezifik der Auswahl, Präsentation und des Adressats, in dem sich Blooms Kunst tatsächlich ereignet. Dort kommt sie – für den Zeitraum der Ausstellung – zur Aufführung. Entsprechend erschließt sich uns das für Lüttgenmeijer eingerichtete Tableau auf mehreren Ebenen, als konkreter Ort und metaphorisches Bild einer solchen Aufführung: Wir sehen eine roh aus Pressspan zusammengezimmerte Bühne, samt einigen davor platzierten, leeren Stuhlreihen.
Es braucht nicht einmal den Titel dieser Arbeit, Staged: Hommage to Glenn Gould (2010), um sie uns aufzuschlüsseln. Aber so wird sie konkret. Natürlich weisen wir, derart angeleitet, den verloren auf der Bühne stehenden Stuhl – ein geradezu grotesk in Proportion und Konstruktionsweise zurechtgestückeltes Sitzmöbel – sofort dem wohl ebenso für seine Kunst wie seine Kauzigkeit berühmten Klaviervirtuosen zu. Wir sehen ihn geradezu vor uns, in seiner unnachahmlichen Körperhaltung am Flügel. Wir sehen, wie Gould, viel zu tief sitzend, gleichsam aus unwahrscheinlicher Entfernung an die Tastatur heranschleicht, wie er sie streichelt, malträtiert und mehr und mehr mit dem Instrument verwächst. Wir imaginieren Musik, die schiere Performance des Spielers, die sich selbst noch in seinen TV-Sendungen überträgt.
Aber stopp. Das Zentrum von Blooms Bühne bleibt ja ebenso leer wie die kunterbunte Schar der zusammengeklaubten Stühle, jeder für sich ein kurioses Unikum. Pianist wie Publikum sind gleichermaßen abwesend. Die Aufführung, sie findet für uns zwar hier und jetzt, aber zugleich anderswo statt, in einem ganz anderen Raum.
Und das ist die Kunst der Barbara Bloom, dieses subtile in-Beziehung-Setzen konkreter und fiktionaler Elemente, von Dingen und Assoziationen, das aus der Wirklichkeit ins Imaginäre weist. Die künstlerische Praxis des „staging the stage“ war für Bloom und viele ihrer Generationskollegen Thema und Werkzeug ihrer Arbeit. Das bedeutete in der Kunst der 1980er-Jahre, buchstäblich die Bühne auf die Bühne zu bringen – um damit die historischen, institutionellen, ökonomischen und sozialen Bedingungen zu zeigen, denen jedes künstlerische Tun unterliegt, ja, die sie geradezu hervorbringen. Dass das als Mittel immer noch funktioniert, das zeigt uns Barbara Blooms „Staged“. Aber auch, dass diese durch und durch konzeptuelle Praxis dabei auch noch sagenhaft schön und effizient wirken kann.