23. Februar 2011
Micky Maus ist betrunken. Ein Martini-Glas in der rechten, die Brust einer sich lasziv räkelnden, knapp bekleideten Werbeschönheit in der linken Hand. Als sei die Maus aus der Obhut ihres Vaters Walt Disney ausgebrochen, aus der ewig heilen Welt von Entenhausen geflüchtet. Der Schein trügt: Micky wurde gekidnappt. Von Banksy. Nun prangt er auf einem riesigen Werbebanner mitten in Los Angeles.
Nicht weit davon entfernt werden am kommenden Sonntag die Oscars verliehen. Banksys Film „Exit Through the Gift Shop“ ist als bester Dokumentarfilm nominiert. Ob der Streifen etwas Reales dokumentiert oder etwas Fiktives unter dem Deckmantel der Dokumentation erzählt, ist unklar. Eines dokumentiert er jedoch ganz gewiss: Banksys Fähigkeit, sich nicht festlegen zu lassen, sein Talent, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Auch Mickey Mouse griff zur rechten Zeit zum Alkohol – ganz L.A. spricht über Banksy. Er hat es geschafft, mal wieder.
Banksy, Jaimie D'Cruz
Exit through the Gift Shop (Trailer), 2010
Dokumentarfilm (87 Min.)
„Banksy ist die BILD-Zeitung der zeitgenössischen Kunst“, sagt ein Banksy-Kenner, der lieber anonym bleiben will. „Er ist trivial, plakativ und plump. Allein deswegen generiert er solch breite Aufmerksamkeit. Jeder versteht ihn, jeder findet einen Zugang.“ Ein solches Statement zu Banksy mag streitbar sein. Selten ist es allemal. Ist man doch sonst eine unterschwellig mitschwingende Ehrfurcht gewohnt. Denn Banksys Geschichte ist die Geschichte eines beispiellosen Erfolges, eines Hypes.
Als einfacher Street-Artist fängt er an, bald schon verziert er Metropolen auf der ganzen Welt mit seinen Schablonen-Arbeiten, einige „Pieces“ schmuggelt er in renommierte Museen. 2006 kaufen Brad Pitt und Angelina Jolie ein Werk – die Ankunft in den Auktionshäusern. Zwei Jahre darauf erzielt Sotheby‘s den bisherigen Höchstpreis für einen Banksy: 1,8 Millionen US-Dollar. 2009 besuchen in sechs Wochen über 300.000 Menschen seine Ausstellung „Banksy vs. Bristol Museum“. Im Herbst vergangenen Jahres dann darf er als erster Künstler den Vorspann der Comicserie „Die Simpsons“ gestalten. Und nun schließlich die Oscar-Nominierung. Bei alldem bleibt Banksy bis zum heutigen Tag ein Phantom. Über seine Identität ist bekannt, dass er in den Siebzigern in Bristol geboren wurde. Mehr nicht.
Noch heute gibt Banksy vor, der subversiven Maxime der Street-Art zu folgen. Doch ist eine Kritik an der Billiglohn-Produktion der Simpsons glaubwürdig, wenn man sie im Vorspann der Serie übt? Ist eine Kritik und Ablehnung des Kunstbetriebes glaubwürdig, wenn man über 300.000 Besucher in der eigenen Ausstellung zu verzeichnen hat? Ist die Kritik eines Systems glaubwürdig, ohne sich gleichzeitig von ihm abzugrenzen?
„Gerade diese Suche nach Schnittstellen zeichnet Banksy gegenüber anderen Street-Artists aus“, sagt Stéphane Bauer. Er ist Leiter des Berliner Kunstraum Kreuzberg/Bethanien und organisierte 2003 eine der ersten institutionellen Ausstellungen Banksys. Mit der von ihm geschaffenen Öffentlichkeit, mit den von ihm erreichten Menschen, habe Banksy Street-Art einen Dienst erwiesen. Für den erwähnten, anonymen Banksy-Kenner zählt dieses Argument nicht. Für ihn hat Banksy alle Glaubwürdigkeit verloren. Dessen Kunst sei mittlerweile nur noch Dienstleistung, Fließbandproduktion, sie befriedige eine bestehende Nachfrage, lasse jedoch künstlerische Entwicklungen vermissen. Das würde das Street-Art-Prinzip ad absurdum führen: „Banksy hat alle Ideale über Bord geworfen.“
Jens Grabowski kennt sich mit diesen Idealen aus, war selbst in der Graffiti-Szene aktiv. Bei Street-Art, sagt der Herausgeber des Online-Magazins „JUSTBREATHE", gehe es primär um ein Lebensgefühl, um das „Rausgehen in die Nacht“: Neue Orte finden, sie verändern, Spuren hinterlassen, Reaktionen provozieren. „Banksy hat sicherlich nie gedacht 'Wie kann man das alles gut verkaufen'?"
Ob Banksy gehyped wird, oder sich selbst hyped, kann nicht gesagt werden. Er ist unangreifbar, da er nicht greifbar ist - weder in seiner Identität, noch in der Intention seiner Kunst. Ob Bluff oder nicht, ist unklar. Und solange sich daran nichts ändert, wird sich wohl auch am Hype nichts ändern.