26. August 2010
Zeitgenössische Künstler aus China gehören zu den Superstars im Kunstbetrieb, Pekings Künstlerviertel, die Kunstmessen und Biennalen der Volksrepublik zu den Fixpunkten des internationalen Kunstjetsets. Doch wie sieht es aus auf dem Weg zur großen Karriere? Wie werden chinesische Kunststudenten ausgebildet? Thomas Adebahr, Dozent an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, kennt den chinesischen Lehrbetrieb. Dieses Jahr hat er ein Austauschprojekt mit Studenten der Kunstakademie Guangzhou initiiert. Zwischen beiden Institutionen existiert eine Partnerschaft im angewandten Bereich. Die Zusammenarbeit auf dem Feld der freien Kunst aber war ein Experiment, an dessen Ende eine Ausstellung stand. Die Schau zum Thema „Kopie“ war sowohl in Guangzhou als auch in Berlin, in den UferHallen im Wedding, zu sehen. Andreas Schmid spricht mit Thomas Adebahr über Chancen und Risiken des internationalen Kunstaustauschs.
Herr Adebahr, der Begriff „Kopie“ ist im Dialog zwischen China und gerade den westlichen Industriestaaten von vielen Missverständnissen geprägt. Sie haben nun dieses Jahr eine Ausstellung zum Thema veranstaltet, mit Kunststudenten aus Berlin und Guangzhou. Hatten Sie dabei auch eine Art „Begriffsklärung“ im Sinn?
Thomas Adebahr: Da muss ich erst etwas weiter ausholen: Die Idee zu der Ausstellung hat ihren Ursprung in einer Reise, bei der ich 2006 das Kopistendorf Dafen in Südchina besuchte. Schon damals beeindruckten mich die Vielfalt und die handwerkliche Perfektion der Kopien, die in großem Stil von westlichen wie auch chinesischen Kunstwerken aller Epochen hergestellt werden. Und die übrigens im Internet in unterschiedlichen Größen bestellt und erworben werden können. Seitdem beschäftige ich mich intensiv mit der Thematik von Original, Kopie und ihrem Verhältnis zueinander. Einer überwiegend negativen Konnotation des Begriffs „Kopie“ im Westen steht ja eine wertfreie bis positive in China gegenüber, die sich unter anderem aus ihrer substanziellen Rolle innerhalb der chinesischen Tradition speist.
Dabei leitet sich das chinesische Wort für Kopie, „Shanzhai“, ja interessanterweise vom Wort „Räuberlager“ ab.
Das ist richtig. Dennoch: Eine Meisterschaft in chinesischer Kalligraphie zum Beispiel ist ohne Kopieren unvorstellbar und auch unerreichbar. In vielen Bereichen stellt das Kopieren oder auch „kreative Stehlen“ eine Kulturtechnik dar, die in einem schöpferischen Prozess der Interpretation und Mutation produktives Neues schafft. Das Thema beschäftigt aber auch die zeitgenössischen Künstler Chinas, die damit zum Teil sehr intelligent und bewusst umgehen: Zheng Guogu etwa hat vor einigen Jahren auf der Art Basel eine Vitrine mit dem Diamantschädel von Damien Hirst fotografiert und das Foto dann zur Basis für ein Gemälde genommen. Die Reaktion von Hirst folgte prompt in Form eines bösen Briefs an den Künstler ...
Soweit ich weiß, musste das Werk ja auch, als es 2007 in Zhengs Schweizer Galerie gezeigt werden sollte, aus der Ausstellung entfernt werden. Aus „gewissen Gründen“, wie es in der Pressemitteilung heißt.
Dabei stellt man bei genauerem Hinsehen fest, dass das „intelligente Stehlen“ auch bei der Selbstfindung der Künstler im „Westen“ eine größere Rolle spielt als oft zugegeben wird. Aber zurück zu Ihrer Eingangsfrage. 2007 habe ich dann in Guangzhou den Künstler Huang Xiaopeng kennengelernt, der die einzige etwas „freiere“ Professur an der GAFA, der Guangzhou Academy of Fine Arts, innehat.
Was meinen Sie mit „freierer“ Professur? Könnten Sie die Struktur der chinesischen Kunsthochschulen etwas nähern erläutern?
Die Kunsthochschulen in der VR China, so wie ich sie am Beispiel der GAFA kennengelernt habe, weisen große Unterschiede zur Struktur in unseren Kunsthochschulen auf. Im normalen Kunststudium liegt vom ersten bis zum letzten Semester der Schwerpunkt zu 90% auf dem Handwerk und zwar in einem höchst konservativen Sinn. Daneben wird aber auch auf die Vermarktbarkeit Wert gelegt. Hier wird die Vorstellung vermittelt, dass ein Kunstwerk nur dann etwas wert ist, wenn es verkauft werden kann. Die Studien sind stark verschult. Von 8.00 bis 17.00 Uhr wird gearbeitet, danach wird kaum mehr etwas für die Kunst gemacht. Der Eigenantrieb, sich am Abend noch außerhalb der üblichen Anforderungen zu engagieren, scheint sehr gering. Die Diplomandenausstellungen, die ich gesehen habe, zeigten vielfach Bekanntes, aber wenig Frisches, Eigenständiges.
An welchen Künstlern orientieren sich die chinesischen Studenten? Spielen westliche Künstler hier eine Rolle?
Viele Studierende orientieren sich vor allem an den international erfolgreichen chinesischen Künstlern der letzten 20 Jahre, da die meisten von ihnen auch kommerziell äußerst erfolgreich waren oder sind. Interessanterweise gilt in China die Kunst auch für Eltern als äußerst attraktives Berufsziel und nicht als „brotlos“ wie bei uns. Wer möchte, dass sein Kind gut verdient, ermuntert es Künstler zu werden, nicht Arzt.
Daher rühren auch die riesigen Bewerberzahlen. Die Akademie in Hangzhou beispielsweise hat rund 70.000 Bewerbungen pro Jahr.
An der Akademie von Hangzhou stellt sich die Lehre auch etwas anders dar. Hier wurden spezielle Studienfächer eingerichtet, die künstlerisch sehr wohl gegenwartsbezogen sind. So gibt es in Hangzhou einen Studiengang Medienkunst mit über 100 Schnittplätzen und hervorragenden Professoren sowie einen Studiengang für experimentelle Kunst, an dem z.B. Qiu Zhijie, Zhang Peili oder auch Guan Huai Bin mit großem Aktualitätsbezug unterrichten. In Guangzhou sieht es leider anders aus. Huang Xiaopeng, der Ende der 1980er-Jahre in London studiert hat, hat sich im Bereich Malerei etwas Freiraum erobert und experimentiert hier mit rund 20 Postgraduierten. Doch bei rund 4.000 Studenten und Lehrenden ist das eine verschwindend kleine Zahl. Dennoch gibt es inzwischen immer mehr freier denkende und arbeitende Professoren.
Wie kam es schließlich zu der Kooperation?
Zwischen den beiden Hochschulen, Berlin-Weißensee und Guangzhou, existiert eine Partnerschaft im angewandten Bereich, an dem die chinesische Seite besonders interessiert ist. Da mich das Thema „Kopie“ so interessierte, wollte ich es im Rahmen meines Lehrauftrags für Dokumentation mit Studierenden unserer Partnerhochschule bearbeiten. Allerdings hatte es noch keine Zusammenarbeit im „freien“ Bereich gegeben. Das war dann auch das Problem. Ich habe dann im Sommer 2009 erst versucht, über die offizielle Schiene des Büros für auswärtige Angelegenheiten an der GAFA den Kontakt herzustellen. Am Ende habe ich mich dann direkt an Huang Xiaopeng gewandt.
Und dann sind Sie mit Ihren Studenten nach China gereist und haben dort gemeinsam gearbeitet.
Richtig. Und trotz aller Sprachprobleme war der Austausch sehr lebendig. Herausgekommen sind ganz unterschiedliche Arbeiten zum Thema Kopie. Immerhin haben wir die Ergebnisse nach drei Wochen Arbeit (und einer Woche Reisen) auch offiziell zwei Tage im UCITY Art Museum in Guangzhou ausstellen dürfen. Sogar der Platz vor dem Museum konnte von Janin Walter und Zhong Jiailing künstlerisch genutzt werden. Es war das erste Mal, dass der Platz überhaupt bespielt wurde und das musste natürlich vorher beantragt werden. Aber ich bin froh, dass es geklappt hat.
Wie haben Sie diese Aktion finanziell gestemmt?
Wir wurden dankenswerter Weise von unserer Hochschule großzügig unterstützt, sodass die Studierenden nicht mehr als 500,-- Euro selbst aufbringen mussten. Und das Leben ist ja immer noch recht günstig.
Die Ausstellung wurde dann im Mai in Berlin gezeigt.
Und ist auf viel positive Resonanz gestoßen. Es waren auch Vertreter der Chinesischen Botschaft bei der Eröffnung, die angesichts des Themas wohl das Schlimmste befürchtet hatten. Sie meinten wohl, wir hätten nur Raubkopien und Spionage im Blick. Und damit das Projekt auch dokumentiert wird, arbeiten wir gerade am Katalog, der ohne die Hilfe der Deutschen Hochschulrektorenkonferenz nicht zustande gekommen wäre. Auch dafür sind wir natürlich dankbar.
Geht der Austausch denn nun weiter? Und wenn ja, wie?
Viele Austauschprojekte mit ausländischen Kunsthochschulen existieren zurzeit vorwiegend auf dem Papier. Hier müsste dringend Leben eingehaucht werden. Vor allem würde ich mich freuen, wenn auch einmal Studierende aus Guangzhou für eine gewisse Zeit nach Berlin kommen könnten. Aber da gibt es noch Hürden, diesmal auf deutscher Seite, bei der Visavergabe oder auch bei der Unterbringung und Betreuung. Die finanziellen Aufwendungen sind hier einfach größer. Da müssen wir noch einiges vorher klären und tun.