30. Dezember 2008
Staksige Historienbilder, drahtige Gehhilfen und flüchtige Performances. Eine Auswahl bemerkenswerter Ausstellungen des Jahres 2008.***„Kult des Künstlers: Hans von Marées. Sehnsucht nach Gemeinschaft“, Alte Nationalgalerie, Berlin. Vom 1. Oktober 2008 bis 4. Januar 2009
Jonas Mekas, Museum Ludwig, Köln, vom 8. November 2008 bis 1. März 2009
Mich haben dieses Jahr zwei Ausstellungen begeistert. Aus kunsthistorischer Perspektive Hans von Marées, weil man am Werk dieses Künstlers wunderbar studieren kann, warum sich deutsche Künstler zu seiner Zeit, als man noch in Nationen dachte, so schwer damit taten, eine deutsche Malerei zu erfinden, die selbstbewusst, gleichzeitig kraftvoll und doch unpathetisch sein wollte. Marées machte in seinen Bildern einen Anlauf nach dem anderen, trug Schicht um Schicht auf, und die Figuren wurden immer staksiger und unbeholfener. Das Ansinnen auf Eigenständigkeit und Kraft scheiterte immer wieder auf eine grandiose Weise, die mich auch heute noch rührt – und fasziniert, weil das Bemühen Marées auch zu einem erstaunlich modernen Malgestus geführt hat. Und letztlich, das macht die sorgfältig aufbereitete Ausstellung auch deutlich, hat Marées‘ Kampf mit dem Pathos seine Fortsetzung im Werk zeitgenössischer deutscher Künstler wie Anselm Kiefer, Christoph Schlingensief oder Jonathan Meese gefunden.
Die herausragende zeitgenössische Ausstellung war für mich die sehr gute Werkschau über Jonas Mekas im Kölner Museum Ludwig. Der Film-Künstler wirkt mit seinen 86 Jahren so unendlich frisch, dass dagegen die vielen jungen Kinoadepten, die sich heute in der Kunstszene tummeln, schrecklich alt aussehen. Mekas gründete nicht nur die legendären Anthology Film Archives in New York als Zentrum für den experimentellen Film. Mekas ist auch ein eigensinniger und großartiger Künstler, der tagebuchartig alles, was er sieht und erlebt, auf Film bannt. Einem Poeten gleich montiert er die meist mit stark bewegter Kamera gefilmten, sich also verwischenden Einstellungen mit einem hoch musikalischen und sehr schnellen Rhythmus. Nicht immer kann man genau wahrnehmen oder gar eindeutig identifizieren, was man sieht. Mekas interessieren weder das große Kinodrama noch die dokumentarische Realtime. Er sucht den Swing des Lebens einzufangen, und das gelingt ihm in seinen Filmen famos, denn beim Betrachten seiner Filme passiert etwas Ungewöhnliches und Betörendes: Man gerät in einen visuellen und emotionalen Flow. Und dieser besondere Zustand vergeht auch nach Verlassen der Ausstellung so schnell nicht wieder. Anne Marie Freybourg
„Anselm Kiefer: Heroische Sinnbilder“, Ausstellungsraum Céline und Heiner Bastian, Berlin. Vom 2. Mai bis 13. September 2008
An sich hätte ja keine Notwendigkeit bestanden, Anselm Kiefers gemalte „Heroische Sinnbilder“ – damals, 1969, seine Abschlussarbeit an der Karlsruher Akademie – ausgerechnet jetzt, sozusagen im Nachhinein zu liefern. Zeitnah zudem zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Kiefer, samt jener in ihrem selten aggressiv vorgetragenen und inhaltlich selbstverständlich unhaltbaren Revisionismus einfach nur ekelhaften Laudatio von Werner Spies, konnte man das Projekt durchaus in den falschen Hals bekommen. Trotzdem bot die Schau im Ausstellungsraum der Bastians eine interessante Perspektive: Zeigte sich speziell im malerischen Treatment der Bilder mit ihren inszeniert-pathetischen, aber bewusst schäbig, offensiv ambivalenten Hitlergruß-Posen, die man bisher nur von patinierten Schwarz-Weiß-Fotografien oder eingebunden in die frühen Bücher Kiefers kannte, ein fulminantes Gespür für Präsenz. Diese Bilder sind schockierend, sind respektlos, sind blöd – und sie wissen und zeigen das mit beachtlicher Frische. Anders als der notorische Mythen- und Geschichte-Fingierer, der Kiefer mit seinem dick patinierten Kitsch und seinem lyrizistischen Gesamtkunstwerksanspruch heute ist, strahlt einem da Skepsis und Intelligenz entgegen. Und eben nicht jene aktuell zu Markte getragene Weltentrücktheit eines Künstlers für Bildungsspießer und Kultur-Megalomanen, eines Künstlers zumal, der seinen eigenen Fiktionen scheinbar längst auf den Leim gegangen ist. Hans-Jürgen Hafner
„Signs of Change: Social Movement Cultures 1960s to Now“, Exit Art, New York. Vom 20. September bis 6. Dezember 2008
Für mich war „Signs of Change: Social Movement Cultures 1960s to Now“, organisiert von den Künstlern/Aktivisten Dara Greenwald und Josh MacPhee, die beste Ausstellung des Jahres. Auch der kuratorische Ansatz war selten gut durchdacht. Zumal die Präsentation mit ihrem umfangreichen Archiv, den Filmen, Videos, Postern und Bannern, ein elektrisierendes Angebotsfeld aufgespannt hatte. Das Material war dabei nicht chronologisch geordnet, sondern entlang bestimmter Konstellationen, die sich aus der generationenübergreifenden Verknüpfung sozialer Bewegungen weltweit ergeben. Deutlich wurde so auch, dass im Grunde alles Ringen um soziale Gerechtigkeit fortwährend miteinander verbunden ist. Sam Durant
„Ming Wong: Angst Essen / Eat Fear“, 6. bis 22. Juni 2008, Künstlerhaus Bethanien, Berlin
Es gibt sie ja doch. Ausstellungen, bei denen irgendwie alles stimmt. Die etwas zu sagen haben, sich aber auch über die Form, in der sie das tun, so ihre Gedanken machen. Und die dann auch noch zur richtigen Zeit am richtigen Ort stattfinden. Einer dieser Glücksfälle war für mich dieses Jahr Ming Wongs Präsentation im Künstlerhaus Bethanien. Angst Essen / Eat Fear katapultiert Rainer Werner Fassbinders Sozialdrama aus den 1970er Jahren, Angst essen Seele auf, in die globalisierte Wirklichkeit des frühen 21. Jahrhunderts. Ming Wong, Gastkünstler aus Singapur, hat den Film auf wenige Schlüsselszenen reduziert, sämtliche Charaktere selbst gespielt, mit unüberhörbarem Akzent und in leicht holprigem Deutsch. Der Antagonismus des Originals – in dem „der/das Fremde“ eindeutig definiert ist – wird so aufgebrochen und zersplittert, die Frage nach der auch sexuellen Identität um ein Vielfaches verkompliziert. Mings filmisches Personal ist in seinem Ringen um Sprache und Ausdruck mindestens so berührend wie Fassbinders Protagonisten. Fremdenfeindlichkeit, sensibel und undidaktisch thematisiert. Und dann war Angst Essen / Eat Fear auch noch in Kreuzberg zu sehen und dort gedreht. Mehr kann man kaum verlangen. Astrid Mania
„Haris Epaminonda: Tahari IIII, V, VI“, Circus, Berlin. 30. August bis 11. Oktober 2008
Haris Epaminonda setzt auf die Naht, nicht auf den Schnitt. Wo andere mit allerlei bewusst gesetzten Friktionen arbeiten, um Kontexte und Bedingungen, Medienfragen und Geschichte sichtbar zu machen, stürzt sich Epaminondas raumgreifende Dreikanal-Videoinstallation Tahari IIII, V, VI mit selten anzutreffender Konsequenz in einen kunstvoll verwebten, assoziativen Innenraum der Bilder. Sie treibt das Spiel sowohl mit der Vernähung einzelner gefundener Bilder wie auch der Vernähung dieser Bilder mit ihrer Präsentation bis zu einem Punkt, an dem kein Außenraum mehr existiert und nur noch eine Art tranceartiger Sog bleibt. Diese Ausstellung war selten selbstvergessen und trotzdem mit traumwandlerischer Sicherheit genau auf den Punkt. Sie war poetisch-verspielt und doch in hohem Maße konzentriert. Dass diese Arbeit bereits im zypriotischen Pavillon der Venedig Biennale 2007 präsentiert wurde, steht ihrer Bedeutung 2008 nicht im Wege, im Gegenteil: Die erneute Aufführung in einem anderen Kontext macht eigentlich nur noch deutlicher, wie stark Kunst sein kann, wenn sie ganz auf sich selbst vertraut. Dominikus Müller
„Nairy Baghramian: The Walker´s Day Off“, Staatliche Kunsthalle Baden Baden. Vom 17. Mai bis 6. Juli 2008
Ich liebe Skulpturen. Sie stellen sich in den Weg und bringen einen in Bewegung. Gute Skulpturen haben keine Rückseite. Sie stellen sich ins Verhältnis. In Baden Baden haben sie ein Verhältnis, zum Kurort und der Kunstwelt. Danach sieht man die Welt dort mit etwas anderen Augen. Unschuldig geht die Unschuld verloren. Der Walker wird zum Wegbegleiter. Der Betrachter wird zum Kontext. Walker sind Gehhilfen oder auch gut aussehende männliche Begleiter älterer Damen für gesellschaftliche Auftritte in der Öffentlichkeit. In Baden Baden hat der Walker frei. Die Gehhilfen werden zu Sehhilfen und schließen uns als Zuschauer, als Besucher, mit unseren Erinnerungen an die Formensprache der Moderne kurz.
17 Einzelskulpturen versammelt Nairy Baghramian zu ihrem „Klassentreffen“. Auf hochbeinigen Gestellen balancieren sie ihre schlanken oberen Hälften und stellen sich zu einem feingliedrigem Miteinander auf. Eine Klasse für sich, aus Metall, Hartgummi, Lack. Sehr modern, nicht mondän. Poesie im Oberlichtsaal. Kunst im Kurort. Klassentreffen im Kontext, als Befreiung vom Kontext. Auch einzeln, ortsunabhängig wirksam. Als Pinguin, Dandy, Fähnchen im Wind, Herr Hunger, Ellenbogen oder Bitte nach Ihnen. Höflicher Opportunismus von Kunstkurortbewohnern in Erwartung von Besuchern. Skulptur trifft Anwohner. In den Durchgängen zu den weiteren Räumen stellen sich uns Türsteher in den Weg, erstrecken sich Spanner oder baut sich eine Große Klappe auf. Sprachlos steht man zur Skulptur und aus Sprache wird Skulptur. Wilhelm Schürmann
„James Lee Byars: Five Points Make a Man“, Michael Werner Gallery, New York, Tägliche Performance in der Galerie. Vom 7. Februar bis 1. März 2008
Eine Frau, mit einer langen, schwarzen Seidentunika bekleidet, sitzt gelassen und ruhig in einem Fauteuil. Nach einer Weile erhebt sie sich und lässt aus einer goldenen Schale fünf Wassertropfen auf den schwarzen Boden der Galerie fallen. Sie kehrt zu ihrem Sitz zurück, wartet, bis die Tropfen verdunsten, dann steht sie auf, um ihre Handlung zu wiederholen. James Lee Byars‘ Five Points Make a Man liegt ein einfaches Konzept zugrunde: die Vorstellung, dass man sich aus einer beliebigen Konstellation von fünf Punkten unwillkürlich im Geist eine menschliche Gestalt konstruiert. Dabei hat Byars die Ausführung seiner Performance nie selbst erlebt.
Dieses Ritual zu beobachten, das für nur einen einzigen Betrachter aufgeführt wurde, nachdem man die schneegesäumten Straßen New Yorks verlassen und die wohltuende Abgeschiedenheit der Galerie von Michael Werner betreten hatte – aus heutiger Perspektive kommt es einem wie ein ferner Traum vor. Wie einer jener kostbaren Momente einer untergegangenen Ära, lange vor der Lawine des Finanzdebakels. Das Werk von James Lee Byars kündet von anderen Welten, scheint seltsam zeitlich entrückt. Doch nun steht diese Performance für noch etwas anderes, denn an ihr offenbaren sich auch all jene Facetten einer finanziell privilegierten Kunstwelt, deren Verlust wirklich zu beklagen ist: Die Performance verdankt sich nicht einer offensiven Demonstration von Glitzerreichtum, sondern einem diskreten Einsatz von Mitteln und Ressourcen, im Dienst seltener und bewegender Erfahrungen. Teresa Gleadowe
„Tatiana Trouvé: Density Of Time”, Galerie Johann König, Berlin. Vom 02. Mai bis 14. Juni 2008
Die Wahl fällt schwer, heuer aber eindeutig auf Berliner Galerieausstellungen. Darunter eine, an die ich besonders gern zurückdenke: Tatiana Trouvés „Density Of Time“. Großartig, wie Trouvé die Galerieräume von Johann König mit seltsamen Skulpturen und Konstruktionen regelrecht „eingefroren“ hat. Den hektischen Besucherstrom während des Gallery Weekends habe ich dabei sogar als optimalen Kontrast zu der eher kontemplativen Ausstellung empfunden. So bildeten die wuselnden Menschen die eigentliche Bühne für einen scheinbar herabfallenden Stuhl oder einen von der Künstlerin bearbeiteten, riesigen Stein, der vermutlich noch in einer Million Jahre so aussehen wird wie heute. Christian Schwarm