Ausstellung zum 80. Geburtstag Stahlbildhauers Alf Lechner

Komplexe Einfachheit

Anne Schreiber
20. April 2005
Das 2000 gegründete Lechner Museum Ingolstadt zeigt derzeit die Ausstellung Alf Lechner – Feuer und Flamme (neue Arbeiten) zum 80. Geburtstag des in München geborenen Stahlbildhauers Alf Lechner. Die Materialbeschaffenheit von Stahl ist das große Thema im bildnerischen Schaffen Lechners. Der Titel der Ausstellung Feuer und Flamme macht aufmerksam auf den Entstehungsprozess seiner Werke als wesentlicher Bestandteil seiner Arbeiten.

Mit der Museumsgründung des Lechner Museums entstand in Ingolstadt 2000 ein weiteres Haus neben dem Museum für Konkrete Kunst, das sich der zeitgenössischen Kunst widmen möchte und eine überregionale kulturelle Ausstrahlung für die Donau-Region darstellen soll. Die Präsentation des Lebenswerks Alf Lechners, einem der wichtigen Stahlbildhauer des 20. Jahrhunderts, erfolgt in Zusammenarbeit mit der Alf Lechner Stiftung und der Stadt Ingolstadt. Untergebracht ist das Museum in einer ehemaligen Fabrikhalle, die ursprünglich von der Audi AG genutzt wurde. Das Münchener Architektenteam Erhard und Florian Fischer erhielt für den Umbau 2001 den Deutschen Fassadenpreis. Durch Wechsel der Exponate, die in den lichten und offenen Räumen und im großzügigen Abstand voneinander präsentiert werden, sollen in Ausstellungen neue Perspektiven und Aspekte der Werke des Künstlers gezeigt werden. Neben den plastischen Arbeiten werden auch Zeichnungen ausgestellt, die als autonome Kunstwerke unabhängig von der Arbeit an den Skulpturen entstehen. Zusätzlich geplant sind weitere Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte, Symposien und Diskussionen. Der Künstler will mit der Museumsgründung außerdem Künstlerkolleginnen und -kollegen zu einem künstlerischen Dialog einladen, der in Form von Ausstellungen stattfindet.

Die Betonung auf dem Entstehungsprozess ist wesentlicher, ästhetischer Bestandteil der Arbeiten Lechners. Auch in der Beschreibung zu seinen neuen Arbeiten für die Ausstellung Feuer und Flamme setzt Lechner nicht am fertigen Werk an. Hinter der Skulptur im musealen Raum, in dem „Stille herrscht“, liegt ein Arbeitsprozess, der von der Schwere des Materials, der Glut der Werkzeuge, der Hitze des Feuers und dem „donnernden Lärm“ im Hüttenwerk bestimmt ist. Die kurzen poetischen Sätze geben den Akt der Bändigung wieder, in dem die rohe Natur zur ruhenden Kultur wird, wie etwa im Text zur Installation von 2005. Das Material, der 25 Tonnen schwere und glühende Schmiedestab aus Chromstahl, sind das personifizierte Gegenüber des Künstler-Arbeiters. Die Kulturwerkzeuge Abschrotschwert, Patina und Flamme sind Helfer im Kampf um die Gewinnung der kalten Form aus der glühenden Materie. Auch die neun Arbeiten Dekonstruktion massiver Stahlkörper, 2005, sollen auf ihre Herkunft verweisen und sind nach Lechners Worten „von der Flamme gemalte Bild-Skulpturen“.

Die Beschaffenheit des Materials ist das weitere große Thema im bildnerischen Schaffensprozess. Die Arbeit ist für Lechner der Versuch, den Stahl mit seinen eigenen Mitteln zu beherrschen, ohne ihm seine Freiheit zu nehmen. Werkzeuge sind Feuer, Flamme, Kran; Masse und Gewicht des Stahls „provozieren Widerstand“. Das Material Stahl ist Lechners Material. „Ein Symbol von Kraft und hoher Sensibilität in seiner Reaktion.“

Lechners Plastiken sollen aus ihrem Verzicht nicht nur auf Abbildlichkeit, sondern auf Bezüge zur äußeren Welt überhaupt, aus der „Dialektik von Konstruktion und Emotion, von Imagination und Ratio, von Masse und Form“ ihre Spannung beziehen. Lechners Absicht ist es nicht, parallel zur Natur zu arbeiten, sondern vielmehr Gegenbilder zur sichtbaren Wirklichkeit zu entwerfen. Der durch die konsequente Beschränkung des formalen Vokabulars und die Konzentration auf einfache Grundformen entstehende Eindruck des Endgültigen ist täuschend. Für den Künstler stellt allein die nicht wieder herstellbare, ursprüngliche Gestalt des plastischen Körpers das einzig Irreversible dar, seine Verwandlung in Form ist hingegen Resultat einer quasi unendlichen Reihe von Denkfiguren. Jede Formulierung provoziert für Lechner damit den Anlass für neue Varianten.

„Mein ganzes Lebensziel ist die Einfachheit“, sagt Lechner. „In der Einfachheit steckt soviel Kompliziertes, dass man gar nicht einfach genug sein kann. Wirkliche Entdeckungen macht man ja nur in den einfachsten Formen. Je überladener eine Form ist, desto weniger sieht man das Wesentliche. Für mein Gefühl hat Skulptur sehr viel mit Philosophie zu tun. In der Philosophie geht es letztlich ja auch um ganz einfache Begriffe.“

Die Ausstellung Alf Lechner - Feuer und Flamme geht noch bis zum 6. März 2006. Am 1. Mai 2005 um 11 Uhr bietet das Museum eine Führung durch die Ausstellung und den privaten Skulpturengarten Alf Lechners im Obereichstätt an, in dem er die Arbeiten der letzten zehn Jahre im Zusammenspiel mit der Natur präsentiert.

Die hier verwendeten Zitate beziehen sich auf Pressemitteilungen sowie den die Ausstellung Alf Lechner - Feuer und Flamme begleitenden Ausstellungstext, der auf der Webseite des Museums einsehbar ist.

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