7. Juni 2011
54. Biennale von Venedig. Vom 4. Juni bis 27. November 2011
Dabei hatte alles so gut angefangen. Mehr Licht, hieß es. Mehr Sinnlichkeit, weniger Mainstream, eine Ausstellung auf der Schwelle zwischen Geschichte und Gegenwart sollte es werden. „ILLUMInations“, so lautet denn auch der Titel der Schau, passend zu Venedig als Stadt, die in der Renaissancemalerei Licht und Farbe bedeutete. Bice Curiger, Parkett-Chefredakteurin und Leiterin der 54. Biennale von Venedig, hatte also einen eher klassischen Ansatz, mit dem sie den zentralen Pavillon auf dem Giardini-Gelände und das Arsenale bespielen wollte. Sogar drei Bilder von Venedigs Altmeister Tintoretto hat sie ausgeliehen, um ihr Thema traditionell zu untermauern. Doch die hängen nun leider wie Fremdkörper im größten White Cube der Giardini. Fast möchte man sie dort wegtragen, zurück in die alten Gemäuer Venedigs, für die sie gedacht sind. Denn in den umliegenden Räumen reihen sich Werke aneinander, von denen viele für sich genommen zwar durchaus qualitätsvoll sind. Doch das „Licht“ als roter Faden tragen sie nicht, es erschließt sich nur selten anhand der einzelnen Arbeiten - und erst recht nicht in deren Aneinanderreihung. Stattdessen scheint es, als fehle ihnen das geistige Band, das die Werke zusammenhält. Selbst, wenn Curiger darüber hinaus auch das kuratorische Pflichtthema „Identität“, oder besser: Heimat und Wurzeln anspricht – Jack Goldsteins Lichtpunkt-Fotografien, Omer Fasts Film über Grenzen, Maurizio Cattelans 2000 ausgestopfte Tauben unter der Decke, Fischli & Weiss‘ steinerne Minimal-Skulpturen und Pipilotti Rists animierte Märchenwelten bieten in ihrer losen Kombination kaum erhellende Einblicke in das kuratorische Konzept.
Auch im Arsenale, die angesichts ihres nostalgischen Lagerhallencharmes dankbarere Ausstellungsarchitektur, scheint die Kunst in fast jedem Raum in Einzelteile zu zerfallen. Gleich am Eingang trifft man auf einen der von Curiger erdachten „Para-Pavillons“ – kleine Sonderausstellungen, für die Künstler andere Künstler eingeladen haben: Der Chinese Song Dong hat hier sein 150-jähriges Elternhaus wieder aufgebaut, womit nun die französisch-marokkanische Künstlerin Yto Barrada und der Amerikaner Ryan Gander zu kämpfen haben. Beim Parcours durch die steinernen Hallen fallen dann vor allem bekannte Namen junger, gehypter Künstler auf – Roman Ondák, Andro Wekua, Klara Lidén – die gepaart wurden mit Big-Players wie James Turrell oder Urs Fischer. Letztere haben jeweils ein – wenn auch komplett konträres – Spektakel um das Hauptthema veranstaltet: Turrells Lichtinstallation in einem Loch in der Wand hat Op-Art-Sogwirkung, während Fischer eine wächserne Riesenreplik von Giambolognas Raub der Sabinerinnen per Docht langsam abfackelt – kitschiger kann man „ILLUMInations“ wohl kaum illustrieren.
Neben all den Elementarteilchen schafft es im Zentralpavillon der Giardini einzig Monika Sosnowskas Para-Pavillon, eine Idee dessen zu vermitteln, was hier alles möglich wäre: David Goldblatts Schwarz-Weiß-Fotografien südafrikanischer Wohnviertel sind in ihre sternenförmige Architektur gehängt und versetzen den Besucher in eine bizarr-beklemmende Kulisse aus Wohnzimmer und Veduten. Im Arsenale dagegen ist es die kleine, konzentrierte Präsentation von Gerard Byrnes Naturformen-Fotos und -Displays, der es gelingt, eine dichte Atmosphäre heraufzubeschwören, die den disparaten Einzelstücken der Giga-Ausstellung etwas entgegensetzt. Mit Licht hat seine Arbeit zwar nicht viel zu tun, doch erhellend ist sie allemal.
Ebenfalls positiv – und wohl dem Titel der Schau zu danken – ist, dass man diesmal nicht durch Reihen von Videokabinen geschleust wird, wie es in den letzten Jahren noch angesagt war. Doch wer von da aus darauf schließt, dass stattdessen mehr Malerei zu sehen wäre – das klassische Medium, das naturgemäß Licht zum Thema hat - liegt falsch: Außer eines gigantischen Querformats von Corinne Wasmuhts digital verzerrter Architektur und Josh Smiths monumental aufgereihten Naivitäten gibt es da kaum Erwähnenswertes. Doch umso schneller hat man das Arsenale hinter sich gelassen, im Kopf einen Kanon aus bekannten Namen, aber kaum Präsentationen, die ihrem Star-Status gerecht werden.