31. Juli 2010
Wüsste man es nicht besser, könnte man die Schweiz für eine irgendwie entlegene, womöglich gar abgeschottete Weltgegend halten. Jedenfalls dann, wenn man den dortigen Auktionsmarkt betrachtet, der ein Eigenleben fern von allen anderen Auktionsmärkten führt. Eine Handvoll Künstler(-familien) beherrschen dort in der Regel das Angebot. Und das ist konservativ. Die Jahrhundertwende (und zwar jene zum 20.) ist in den Katalogen allgegenwärtig. Das war auch in diesem Frühjahr nicht anders. Trotzdem stammte das Highlight in der gerade zu Ende gegangenen Saison von einem ganz unschweizerischen Künstler, dessen typische Werke weltweit nur selten in den Handel kommen.
Zur 250. Auktion hatte Kornfeld in Bern sogar ein ganz besonderes Schmuckstück ergattert. Eine Scène tahitienne von Paul Gauguin aus dem Jahr 1896 führte das Angebot an. Das Bild mit - allerdings untadeliger – Thannhauser-Provenienz lässt sich höchstwahrscheinlich bis zur Gauguin-Nachlassversteigerung zurückverfolgen und war marktfrisch. Die Taxe von 2 Millionen Franken konnte daher auch nur als extrem vorsichtig gelten. Selbst der Zuschlag bei 5,5 Millionen Franken ohne Aufgeld ist im Vergleich noch niedrig, was sich schon daran ablesen lässt, dass der Käufer ein Händler war. Die übrige Auktion war vergleichbar erfolgreich: Die 150 Lose des ersten Katalogs spielten 37 Millionen Franken ein, 140 Prozent der Schätzpreissumme und doppelt so viel wie im Jahr zuvor. Die enormen Steigerungen waren allerdings nicht zuletzt den moderaten Taxen geschuldet. So war ein noch zu Lebzeiten gegossener Denker von Auguste Rodin mit 250.000 Franken eindeutig zu niedrig vorbewertet. Bei 1,9 Millionen Franken fiel dann erst der Hammer. Das großformatige Frühwerk Deep Blue and Black von Sam Francis ging etwas überraschend für 2,7 Millionen Franken (Taxe 700.000 CHF) in den Pariser Handel.
Für einige Millionenzuschläge waren dann aber doch die schon erwähnten Schweizer Künstler zuständig. Die Familie Giacometti – Giovanni, Augusto und allen voran Alberto – beherrschen seit Jahren zuverlässig das Schweizer Auktionsgeschehen. Ausgerechnet ein Werk des prominentesten der drei floppte jedoch. Ein frühes gemaltes Stillleben Pommes de terre von Alberto scheiterte an der Taxe von 600.000 Franken bei Kornfeld. Doch das Portrait de jeune femme, Patricia Matisse konnte mit 2.150.000 Franken seine Taxe um knapp 50 Prozent übertreffen. Die Brüder sorgten andernorts für ähnliche Ergebnisse. Giovanni Giacomettis Am Cavlocciosee bescherte Sotheby's in Zürich einen Zuschlag bei 2.434.500 Franken inklusive Aufgeld (1.200.000 - 1.500.000 CHF), während Der Nussbaum bei Christie's in Genf 2.227.000 Franken inklusive Aufgeld brachte (1,2 – 1,8 Mio. CHF). Auch Augusto Giacometti schlug sich ganz wacker. Sein Rittersporn erzielte bei Koller in Zürich 710.000 Franken inklusive Aufgeld, etwas oberhalb der unteren Taxe von 6000.000 bis 800.000 Franken. Ein Früchtestillleben von ihm erfreute die weniger bekannte Galerie Widmer aus Sankt Gallen und Zürich mit einem Hammerpreis von 410.000 Franken (180.000 – 250.000 CHF).
Ein weiterer heimischer Umsatzgarant ist für die Eidgenossen Cuno Amiet. Von ihm waren in dieser Saison allein 40 Gemälde im Angebot – alle in der Schweiz – von denen nur elf durchfielen. Der höchste Zuschlag ging wiederum an Kornfeld, die für eine Winterlandschaft 1,65 Millionen Franken netto (550.000 CHF) erlösten und für eine weitere bei gleicher Taxe 1,25 Millionen Franken. Mit Albert Ankers Bildnis eines Knaben mit Mütze hatte Koller das große Los gezogen: 1.572.500 Franken inklusive Aufgeld brachte das Bild bei einem Schätzpreis von 500.000 bis 700.000 Franken. Sotheby's musste sich hingegen für das Bildnis Marie Anker mit einem Erlös von 530.000 Franken inklusive Aufgeld innerhalb der Taxe begnügen.
Das kürzere Stöckchen hatte unter den großen Schweizer Häusern in dieser Saison die Galerie Fischer in Luzern gezogen. Der höchste Zuschlag lag bei 908.800 Franken inklusive Aufgeld (600.000 – 800.000 CHF), die für Camille Pissarros Pièce d'eau à Kew, Londres erzielt wurden. Damit dürfte sie jedoch ganz gut leben können, wie überhaupt alle Marktteilnehmer ganz gut dastehen. Wieder einmal hat die Schweiz bewiesen, dass sich Konservativismus mit internationaler Beteiligung bezahlt macht.